Tragischer Unfall
Baggerfahrer überrollt Arbeitskollege – darum spricht das Gericht den Beschuldigten frei

Auf einer Baustelle in Rekingen kam es zu einem schweren Unfall. Nun trafen sich der Beschuldigte und der Schwerverletzte vor dem Bezirksgericht Zurzach.

Louis Probst
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Ein Baggerfahrer war mit Zuschütten des Materials beschäftigt, als er seinen Arbeitskollegen übersah.

Ein Baggerfahrer war mit Zuschütten des Materials beschäftigt, als er seinen Arbeitskollegen übersah.



Sarah Jäggi / Symbolbild

«Es tut mir wahnsinnig leid, was passiert ist», erklärte der Beschuldigte vor dem Bezirksgericht Zurzach. Im Sommer 2019 hatte er in Rekingen auf einer Baustelle an der Rheintalstrasse gearbeitet. Er führte einen Pneubagger, mit dem er Kies zum Eindecken eines Grabens verteilte. Ein Arbeitskollege war im Graben, hinter dem Bagger, mit dem Verdichten des Materials beschäftigt.

Als der Arbeitskollege aus dem Graben stieg, wurde er vom rückwärtsfahrenden Bagger überrollt. Er erlitt schwere Verletzungen, die lange Spitalaufenthalte erforderlich machten. «Sein Zustand», so die Anklage, «war über mehrere Tage äusserst instabil, sodass mit seinem Ableben zu rechnen war.» Trotz mehreren Monaten in der Rehaklinik sei auch nicht damit zu rechnen, dass das Opfer wieder in seinem Beruf werde arbeiten können.

«Gebotene Vorsicht missachtet»

Die Staatsanwaltschaft verlangte eine Bestrafung des Baggerführers wegen fahrlässiger Körperverletzung. Sie forderte eine bedingte Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 130 Franken sowie eine Busse von 2000 Franken. Die Anklägerin machte geltend, dass der Beschuldigte aufgrund der ihm bekannten Anwesenheit seines Arbeitskollegen in unmittelbarer Nähe des Baggers besonders vorsichtig hätte sein müssen. Der Beschuldigte hätte sich stets aufs Neue vergewissern müssen, dass sich niemand unmittelbar hinter dem Bagger befinde. So weit er dazu, wegen der Situation auf der Baustelle, nicht selbst in der Lage gewesen sei, hätte er eine Hilfsperson beiziehen müssen.

Unfall hinterliess Spuren

Auch am Beschuldigten ist der Unfall nicht spurlos vorbeigegangen. Am Tag nach dem Unfall habe er zwar auf einer anderen Baustelle bereits wieder gearbeitet, sagte er gegenüber Gerichtspräsident Cyrill Kramer. Er habe dann aber wegen des Unfalls Probleme bekommen. Weil er Hilfe gebraucht habe, sei er während zehn Tagen in einer Psychiatrischen Klinik gewesen. Erst vor kurzem habe er eine Gesprächstherapie abgeschlossen. Der Unfall komme ihm immer wieder hoch, wenn er im Bagger sitze. Vor allem dann, wenn er höre, dass jemand «Stopp» rufe.

Zum Vorwurf, dass er rückwärts gefahren sei, obwohl er nichts habe sehen können, entgegnete er, dass sein Arbeitskollege zu wenig aufmerksam gewesen sei. Zum Beizug einer Hilfsperson sagte er, dass dazu mehr Leute auf der Baustelle hätten sein müssen.

Verteidiger fordert Freispruch

«Für meinen Mandanten ist bis heute nicht erklärbar wie es zu diesem Unfall kommen konnte», sagte der Verteidiger.

«Er arbeitet seit 30 Jahren unfallfrei als Baggerführer. Er gilt als zuverlässig, pflichtbewusst und sorgfältig. Der Vorwurf, dass er zu wenig vorsichtig gewesen sei, trifft ihn schwer. Es geht ihm in keiner Art und Weise darum, das Opfer zum Täter machen zu wollen. Er würde den Unfall gerne ungeschehen machen.»

Der Verteidiger verwies auf das Bundesgericht, wonach sich das Mass der Sorgfalt nach der Situation zu richten habe. «Mein Mandant hat sich sehr wohl versichert, dass der Arbeitskollege nicht hinter dem Bagger stand», betonte er. «Das Opfer war zu wenig aufmerksam, als es aus dem Graben stieg. Der Beschuldigte durfte davon ausgehen, dass sich der Arbeitskollege stets im Graben befinden würde.» Der Verteidiger forderte Freispruch. Zivilansprüche seien auf den Zivilweg zu verweisen; die Kosten auf die Staatskasse zu nehmen.

Das Gericht folgte dem Antrag des Verteidigers. «Das Gericht ist zum Schluss gekommen, dass kein strafbares Verhalten vorliegt», so Gerichtspräsident Kramer zum Urteil. «Der Beschuldigte musste nicht mit dem Verhalten des Opfers rechnen. Der Massstab an die Sorgfalt kann in diesem Fall nicht so streng angesetzt werden, wie das die Staatsanwaltschaft annimmt.»

Der Vertreter der Zivilpartei hatte eine Bestrafung gemäss Anklage und die Verweisung allfälliger Zivilansprüche auf den Zivilweg verlangt, weil sich der Schaden zum heutigen Zeitpunkt nicht beziffern lasse.