Zurzibiet
Fusionen sind nicht zwingend eine Erfolgsgeschichte: Was Zurzach besser gemacht hat, als andere Gemeinden

Zusammenschlüsse von Gemeinden sind eine emotionale Angelegenheit: Was aber bringen sie der Bevölkerung langfristig? Zurzach startet am 1. Januar 2022.

Daniel Weissenbrunner
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Gemeinderat Gemeinde Zurzach (v.l.): Peter Moser (Bad Zurzach, CVP), Esther Käser (Rekingen, parteilos), Vizeammann Peter Lude (Bad Zurzach, parteilos), Ammann Andi Meier (Böbikon, parteilos), Heiri Rohner (Wislikofen, CVP), Franzisca Zölly (Bad Zurzach, parteilos), Cyrill Tait (Kaiserstuhl, parteilos)

Gemeinderat Gemeinde Zurzach (v.l.): Peter Moser (Bad Zurzach, CVP), Esther Käser (Rekingen, parteilos), Vizeammann Peter Lude (Bad Zurzach, parteilos), Ammann Andi Meier (Böbikon, parteilos), Heiri Rohner (Wislikofen, CVP), Franzisca Zölly (Bad Zurzach, parteilos), Cyrill Tait (Kaiserstuhl, parteilos)

Daniel Werder/zvg


Es ist bis heute die radikalste und Aufsehen erregendste Gemeindefusion der Schweiz: 2006 wurden im Kanton Glarus 25 Gemeinden zu nur noch 3 zusammengeschlossen. 2011 trat die Fusion in Kraft. Die Befürworter argumentierten damals, die historischen Gemeinden seien oft zu klein. Deshalb sei das staatliche Angebot nur mit hohen Kosten bereitzustellen. Zudem bekundeten Gemeinden oft Mühe, Personen ehrenamtlich für Gemeindeaufgaben zu rekrutieren.

Die Frage, die sich stellt: Können die hohen Erwartungen in einem Zusammenschluss tatsächlich erfüllt werden? Verschiedene Studien kamen jeweils zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Versprechungen, die im Vorfeld gemacht werden, können nicht eingehalten werden. Im Fall von Glarus fällt das Ergebnis bisher ebenfalls bescheiden aus. Die wirtschaftlichen Vorteile der Gemeindefusionen sind gering und häufig sogar inexistent. Sie können somit nur schwerlich als gewichtiges Argument für Gemeindezusammenschlüsse dienen.

Emotionale Verbindung nimmt ab

In einigen speziellen Bereichen fanden die Autoren zwar geringe Ersparnisse – diese gingen jedoch weitgehend auf die mit der Gemeindereduktion einhergehende Reorganisation zwischen Kanton und Gemeinden zurück. Sie wären daher auch ohne die Fusion möglich gewesen. Ein weiterer, wichtiger Indikator am Beispiel von Glarus zeigt, dass sich die emotionale Verbindung zum Wohnort vermindert hat, was sich auch an der Abnahme der Stimmbeteiligung widerspiegelt.

Der Weg zur Fusion im Zurzibiet:

September 2014: Die Verwaltung2000-Gemeinden Baldingen, Böbikon, Kaiserstuhl, Mellikon, Rekingen, Rümikon und Wislikofen richten eine Anfrage an die Gemeinden Bad Zurzach, Fisibach, Rietheim und Siglistorf für eine engere Zusammenarbeit. Das Wort Fusion wird bewusst nicht verwendet.
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Dezember 2015: Vorstellung der Resultate und Gründung Arbeitsgruppen. Unter dem Projektnamen «Rheintalplus» wollen insgesamt elf Gemeinden eine Zusammenarbeit ausloten. Der Tenor: Es ist nicht das Ziel, eine Fusion vorzubereiten.
Januar 2017: Gemeinsame Information der Bevölkerung vor 500 Personen im Ebianum in Fisibach. Siglistorf hat sich inzwischen zurückgezogen.
April 2017: In den verbliebenen zehn Gemeinden finden ausserordentliche Gemeindeversammlungen statt. Es wird über einen Projektierungskredit für eine vertiefte Prüfung abgestimmt. Nur Fisibach lehnt ab. Im Juni fällt der Startschuss.
April 2017: In den verbliebenen zehn Gemeinden finden ausserordentliche Gemeindeversammlungen statt. Es wird über einen Projektierungskredit für eine vertiefte Prüfung abgestimmt. Im Juni fällt der Startschuss. Nur Fisibach lehnt ab, sagt aber fünf Monate später doch noch Ja – nachdem der Regierungsrat dem Wunsch eines Kantonswechsels eine Abfuhr erteilt hat.
Mai 2019: Ausserordentliche Gemeindeversammlungen in zehn Gemeinden. Es wird über einen Zusammenschlussvertrag abgestimmt. Sieben der zehn Gemeinderäte empfehlen ihrer Bevölkerung die Annahme. Die Exekutive aus Fisibach, Mellikon und Rietheim lehnen ihn ab. Die Stimmbevölkerung in Mellikon und Rietheim sprechen für die Weiterführung aus. Fisibach zieht sich definitiv aus dem Projekt zurück. Im Bild: Der damalige Bad Zurzacher Gemeindeammann Reto S. Fuchs.
September 2019: Urnenabstimmung zur Fusion. Acht der neun Gemeinden sprechen sich für eine gemeinsame Zukunft aus. Nur Mellikon lehnt mit einem Nein-Anteil von 53 Prozent die Fusion ab. Es entsteht mit 2619 Hektaren die flächenmässig grösste Gemeinde im Aargau. Eine Woche später nimmt die Umsetzungskommission (UKO) ihre Arbeit auf. Im Bild: der enttäuschte Melliker Gemeindeammann Rolf Laube.
September 2020: 1. Wahlgang der Gemeinderatswahlen für die sieben Sitze. Andi Meier (Böbikon, parteilos), Esther Käser (Rekingen, parteilos), Heiri Rohner (Wislikofen, CVP), Franzisca Zölly (Bad Zurzach, parteilos), Peter Lude (Bad Zurzach, parteilos) und Peter Moser (Bad Zurzach, CVP) werden gewählt. Im Bild: Vor den Wahlen stellten sich alle Kandidierenden an Podiumsdiskussionen den Wählerinnen und Wählern vor.
November 2020: 2. Wahlgang der Gemeinderatswahlen. Cyrill Tait (Kaiserstuhl, parteilos) holt den letzten Sitz.
März 2021: Andi Meier wird zum ersten Ammann der Gemeinde Zurzach gewählt. Peter Lude wird Vizeammann. Der Gemeinderat ist nun komplett (v.l.): Peter Moser, Esther Käser, Vizeammann Peter Lude, Ammann Andi Meier, Heiri Rohner, Franzisca Zöllyl und Cyrill Tait.
November 2021: Erste Einwohner- und Ortsbürger-Gemeindeversammlungen von Zurzach.
1. Januar 2022: Startschuss zur neuen Gemeinde Zurzach. Für jede Fusionsgemeinde eine Welle im Wappen.

September 2014: Die Verwaltung2000-Gemeinden Baldingen, Böbikon, Kaiserstuhl, Mellikon, Rekingen, Rümikon und Wislikofen richten eine Anfrage an die Gemeinden Bad Zurzach, Fisibach, Rietheim und Siglistorf für eine engere Zusammenarbeit. Das Wort Fusion wird bewusst nicht verwendet.

Susann Basler

Während in Glarus die Fusion von Beginn weg umstritten war und sogar ein juristisches Nachspiel zur Folge hatte, stand die Mehrheit der Zurzibieter Fusionsgemeinden dem Projekt offen gegenüber. Beobachter zollen den Verantwortlichen Lob, dass sie es geschafft hätten, die Bevölkerung von Beginn weg ins Boot zu holen und aktiv zu beteiligen. Reto S. Fuchs, ehemaliger Ammann von Bad Zurzach und Leiter der Umsetzungskommission, bestätigt:

«Wir haben es mit der Fusion geschafft, viele Leute zusammenzuführen und den Dorfstammtisch wieder zu beleben.»

Dieses positive Klima schlug sich auch an der Urne nieder: Die Stimmbevölkerung der acht Fusionsgemeinden stimmten dem Zusammenschluss mit über 70 Prozent zu.

Trotz Vorbehalten werden die Zusammenschlüsse akzeptiert

Reto S. Fuchs fasst den grossen Zuspruch wie folgt zusammen: «Dass die Fusion zustande gekommen ist, lag auch daran, dass wir der Bevölkerung eben keine exorbitanten Versprechen gemacht haben.» Andi Meier, der erste Ammann der neuen Gemeinde Zurzach ergänzt, dass er der Aufgabe mit grossem Respekt begegne. Es sei klar, dass er es nicht allen Menschen recht machen könne. «Wir starten aber auf einem guten Fundament. Nicht zuletzt deshalb, weil wir in unserem Prozess schon sehr weit sind.»

Etwas, dass ihn und sein Team ebenfalls zuversichtlich stimmen dürfte: Auswertungen in Fusionsgemeinden haben ergeben, dass die Bevölkerung trotz Vorbehalten im zeitlichen Abstand die Zusammenschlüsse mehrheitlich nicht bereut hat.

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