Hotspot der Gewalt

7500 Straftaten jährlich: Mit der Polizei unterwegs auf dem Berliner Alexanderplatz

Drei Polizisten steigen die Stufen der U-Bahn-Station Alexanderplatz empor: Sie erwartet eine turbulente Nacht.

Drei Polizisten steigen die Stufen der U-Bahn-Station Alexanderplatz empor: Sie erwartet eine turbulente Nacht.

Er ist Deutschlands grösster Platz und krimineller Hotspot Berlins: Unterwegs mit einer Polizeistreife auf dem Alexanderplatz. 90 Prozent der Kontrollierten sind der Polizei bestens bekannt.

Kommissar Jens Müller*, 28, Polizeimeisterin Andrea Fröbe*, 38, und Polizeimeister Özay Kaya*, 24, stärken sich mit einem Kaffee in der Alex-Wache. Der siebzig Quadratmeter grosse Polizeiposten, mit schusssicherem Panzerglas und Videokameras ausgestattet, steht hier, mitten auf dem Alexanderplatz, erst seit Dezember.

Gleich gehts raus in diese unfreundlich kalte Januarnacht. Samstag, kurz nach 19 Uhr. «Ich erwarte keine Hektik», sagt Jens Müller. «Noch ist es vielen zu kalt auf dem Alex.» Müller wird sich täuschen.

Der «Alex» ist ein Touristenmagnet Berlins. 300 000 Menschen überqueren täglich Deutschlands grössten Platz, der einst Vorzeigezentrum Ost-Berlins war. Der 368 Meter hohe Fernsehturm ragt imposant in die Höhe, die umliegenden Gebäude versprühen den spröden Charme der untergegangenen DDR.

Die Polizeiwache am Berliner Alexanderplatz.

Die Polizeiwache am Berliner Alexanderplatz.

Hinter ihren Fassaden hat längst der Kapitalismus Einzug gehalten. Sparkasse, Shoppingcenter, hippe Cafés, in denen der Cappuccino so viel kostet wie an der Zürcher Bahnhofstrasse. Es hat Discos und Clubs rund um den «Alex».

Der Alexanderplatz und seine Umgebung gelten in Polizeikreisen als Hotspot der Gewalt. In den letzten Monaten hat sich der «Abschnitt 32», wie er in Polizeikreisen genannt wird, zu einem der gefährlichsten Plätze der 3,5-Millionen-Metropole entwickelt. Etwa 7500 Straftaten jährlich registrierte die Polizei seit 2015 auf dem «Alex».

Im Schnitt geschehen hier täglich 18 Straftaten. Nicht selten kommt es auch zu Massenschlägereien, Messerstechereien und sexuellen Übergriffen. Unruhig ist es hier vor allem nachts an den Wochenenden.

Hektik an der Jannowitzbrücke

Routine für die drei Beamten bei ihrer Patrouille. Ein Obdachloser wird gebeten, sich einen anderen Platz zu suchen, an dieser Stelle hier gab es erst vor zwei Tagen Tumulte zwischen Obdachlosen. Flaschen flogen, Scheiben klirrten.

Wenig später, kurz vor zwanzig Uhr. Zwei Männer rumänischer Herkunft haben sich an den Rand eines Spielplatzes beim «Alex» gesetzt, trinken Hochprozentiges. Zigarettenstummel und leere Flaschen liegen neben ihnen am Boden. Alkohol darf hier nicht konsumiert werden.

Der Aufforderung der Beamten, den Müll zu entsorgen und den Platz zu verlassen, kommen die beiden Männer nur zögernd nach, sie wollen eine Grundsatzdebatte anstossen. Jetzt geht es plötzlich um die Deutschen und «die Roma», eine belastete Geschichte. Murrend ziehen sie dann doch davon. «Die Rumänen arbeiten hart, damit es Deutschland gut geht!», ruft nun einer in gebrochenem Deutsch den Beamten hinterher.

20.15 Uhr, U-Bahn-Station Alexanderplatz. An der Haltestelle der Linie U8 sitzt ein Mann auf einer der Wartebänke. Er ist den Beamten bestens bekannt. «Mehrfachstraftäter», sagt Jens Müller und geht auf den Mann zu. Der etwa 25-Jährige hat für den Alexanderplatz einen Platzverweis wegen mehrfacher sexueller Belästigung. Er darf sich hier nicht aufhalten. Der Betroffene muss den Ort verlassen.

Die Polizeistreife redet auf einen Mann ein – er hat bereits einen Platzverweis.

Die Polizeistreife redet auf einen Mann ein – er hat bereits einen Platzverweis.

«Nächstes Mal nehmen wir Sie in Gewahrsam!», droht Jens Müller, während der Mann unbeeindruckt die Treppe hochläuft. Andrea Fröbe sagt: «Es ist ein Katz- und-Maus-Spiel. Diese Leute kommen und kommen immer wieder.» Die Beamten hätten den Mann mit auf
die Wache nehmen können, doch bis 22 Uhr muss ein Richter darüber befinden, ob Betroffene über Nacht und maximal bis zum Ende des darauffolgenden Tages in Haft genommen werden sollen oder nicht. Nach 22 Uhr sind die Polizisten in ihrer Entscheidung frei.

Zoff unter Flüchtlingen

Özay Kaya sagt: «Das ist demotivierend. Wir müssen die Straftäter wieder und wieder laufen lassen.» Einstieg in die Linie U8 Richtung Kreuzberg. Jannowitzbrücke, eine Station nach
dem «Alex». Die Beamten entsteigen der U-Bahn. Plötzlich wird es hektisch. «Stehen bleiben!», ruft Müller. Ein junger Mann rennt über den Bahnsteig, die Treppe hoch, die Beamten hinterher. «Stehen bleiben!»

Zwei Polizisten durchsuchen einen ihnen bekannten Mann an der Jannowitzbrücke.

Zwei Polizisten durchsuchen einen ihnen bekannten Mann an der Jannowitzbrücke.

Der «Alex» ist nicht per se gefährlich. Die Gewalt entlädt sich vor allem unter alkoholisierten und sich rivalisierenden Jugendlichen, unter Obdachlosen, unter Menschen verschiedener Ethnien und Kulturen. Vermehrt registriert die Stadt Gewaltexzesse unter jungen Flüchtlingen, die im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 nach Deutschland gereist sind.

Berlin hat in dieser Zeit etwa 100 000 Flüchtlinge aufgenommen, viele von ihnen alleine ins Land gereiste Menschen, nicht wenige von ihnen ohne Perspektive und daher der Gefahr ausgesetzt, in kriminelle Strukturen zu geraten. Hinzu kommen schätzungsweise 10 000 Obdachlose, fast 70 Prozent stammen aus Rumänien, Polen, Bulgarien oder der Slowakei. Jährlich wächst ihre Zahl um etwa 1000 an.

Die an manchen Orten steigende Gewalt, Probleme mit Drogenhandel und Prostitution, Diebstählen und sexuellen Übergriffen setzen die rot-rot-grün regierte Landesregierung von Berlin der Kritik aus. Die oppositionelle CDU fordert die Stadtregierung dazu auf, abgelehnte und kriminelle Flüchtlinge konsequenter abzuschieben.

Auch manche Bürger gehen auf die Barrikaden. Ein Bündnis sammelt Unterschriften für ein Volksbegehren für mehr Videoüberwachung auch auf dem Alexanderplatz. Das Bündnis will 50 besonders kriminalitätsbelastete Orte mit 2500 Videokameras rund um die Uhr überwachen lassen. Datenschützer und Politiker warnen vor dieser Art der Verbrechensprävention.

«Ich habe diesmal nichts dabei!»

Polizeimeister Özay Kaya hat den Verdächtigen beim Ausgang der Station Jannowitzbrücke gestoppt. Die Handschellen klicken, der junge Afghane flucht, schreit, schimpft. Er wird von Kopf bis Fuss nach Drogen und Waffen abgetastet. «Ein bestens bekannter Mehrfachtäter», stellt Kommissar Jens Müller trocken fest. Die Beamten finden nichts.

«Warum bist du weggelaufen?», fragt Özay Kaya. Der etwa 20-jährige Mann, der nur einen Schülerausweis bei sich trägt, bleibt beim Du und sagt, etwas verräterisch: «Ich habe dieses Mal nichts dabei! Wirklich nicht!» Vielleicht ist der Mann, der sich Can nennt, deshalb
davongerannt, weil auch er Platzverbot auf und rund um den «Alex hat und sich bei der Station Jannowitzbrücke gar nicht aufhalten dürfte.

Es ist dasselbe Spiel wie zuvor. Polizeimeisterin Andrea Fröbe versucht, telefonisch einen Richter zu konsultieren, doch das Prozedere dauert wahnsinnig lange. Die Richterin lehnt die vorübergehende Festnahme des Mannes ab. Die Gewahrsamnahme beim erstmaligen Verstoss gegen den Platzverweis wäre in diesem Falle unverhältnismässig gewesen, begründet sie. Nach 40 Minuten lassen die Beamten den jungen Afghanen wieder laufen. «Dich sehe ich hier nicht mehr wieder!», gibt ihm Kommissar Müller mit auf den Weg.

Die Handschellen klicken: Der Mann dürfte sich nicht auf dem «Alex» aufhalten.

Die Handschellen klicken: Der Mann dürfte sich nicht auf dem «Alex» aufhalten.

Auf dem Weg zur Alex-Wache. In der U-Bahn-Station treffen die Polizisten auf bekannte Gesichter, eine Gruppe junger Männer, noch keine zwanzig. Es fallen neckische Sprüche, Polizist Kaya lächelt milde. «Wir kennen 90 Prozent der Menschen, mit denen wir zu tun haben», sagt Kaya.

«Manche schütten uns ihr Herz aus, Obdachlose erzählen ihre Geschichte, junge Syrer von ihrer Flucht. Manchmal hören wir auch einfach nur zu.» Natürlich kenne sie Mitgefühl, sagt Polizeimeisterin Andrea Fröbe. «Wir tragen manche Geschichten auch nach Dienstschluss mit uns herum.»

Dennoch müsse die Polizei hart durchgreifen, bei Flüchtlingen und zugezogenen Obdachlosen gleichermassen wie bei deutschen Straftätern, bemerkt Kommissar Müller. «Wenn wir nicht konsequent sind, dann kippt die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung gegen die Ausländer.»

22.30 Uhr. Fröbe, Kaya und Müller gönnen sich in der Alex-Wache einen heissen Tee. Noch den Schreibkram erledigen, dann ist Feierabend. Ende einer ganz gewöhnlichen Abendtour am «Alex». Schichtwechsel. Die Nacht ist noch jung. Wenn die Clubs und Discos gegen vier Uhr schliessen, könnte es noch mal hektisch werden. Kalt genug, als dass es draussen ruhig bleiben würde, scheint es heute nicht zu sein.

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