10 Jahre nach 9/11

9/11-Überlebender Oliver: «Muss mich meine Frau hier unten identifizieren?»

Die ergreifende und bedrückende Geschichte über einen Schweizer, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 den Fängen des Todes gerade noch rechtzeitig entkommen konnte.

Es ist soweit. Wir treffen Oliver* zum Gespräch in seiner Wohnung. Wie wird die erste Begegnung sein? Und wie das Interview wohl ablaufen? Keine Zeit darüber nachzudenken, denn bei der Ankunft öffnet uns der Schweizer Augenzeuge der Terroranschläge vom 11. September 2001 nach einem kurzen Treppenaufstieg schon die Tür.

«Herzlich willkommen». Mit diesen Worten bittet uns der 190 Zentimeter grosse Hüne hinein und führt auf den Balkon. Auf dem Weg dorthin stechen seine Schwimmerschultern und der mächtige, schwarze Bart ins Auge.

Den Staub im Keller aufbewahrt

Nun machen wir es uns auf dem Sofa gemütlich, während der Gastgeber in der Küche verschwindet. Bei der Rückkehr reicht Oliver dem Medienschaffenden sogleich ein Glas Wasser.«Ich habe mir den Staub der Zwillingstürme aufgehoben». Mit dieser Gesprächseröffnung reisst der 40-jährige Anwalt das Gegenüber aus der atemberaubenden Aussicht der Terrasse auf die Glarner Berge. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Oliver den Gast leer schlucken lässt.

Indes zieht Oliver eine kleine Metallbox hervor und entnimmt ihr ein Plastiksäckchen. Dieses öffnet er und hält es uns unter die Nase. Es stinkt nach Feuer, Rauch und Schutt. Kein Zweifel: Beim feinen, grauen Pulver handelt es sich um den Staub des Schreckens (siehe Bild).«Ich habe an diesem Tag alles anders gemacht als üblich».

Oliver hat Staub von den Zwillingstürmen aufgehoben

Oliver hat Staub von den Zwillingstürmen aufgehoben

Vor einem Jahrzehnt machte sich Oliver auf, an der New York State University ein Nachdiplomstudium zu absolvieren und danach für ein weiteres Jahr am Big Apple zu arbeiten. Damals radelte der Zürcher von seiner Wohnung in Brooklyn aus mit dem Fahrrad nach Manhattan zum Campus oder zur Arbeit. Sein Büro befand sich in einem Komplex in Downtown.

Feuerball weicht der Sonnenreflektion

Am 11. September 2001 liess er seinen Drahtesel aber in der Garage stehen und bestieg die U-Bahn nach New York. Zudem verliess der Zürcher die Metro nicht wie sonst auch an der Wall Street, sondern an der Fulton Street - 50 Meter vom World Trade Center entfernt. «Ich wollte die Türme einfach sehen».

Selbstverständlich habe er die Twin Towers bereits besucht, doch die Faszination für die Wolkenkratzer liess ihn nach der ersten Begegnung nicht mehr los. «Sie waren wunderschön in ihrer Schnörkellosigkeit. Sie wirkten so mächtig und doch sehr elegant. Ich stand stets ehrfürchtig vor ihnen. Besonders schön fand ich, wie sich jeweils die Morgensonne im silbernen Metall spiegelte».

Kollidierte eine Cessna mit den Türmen?

An jenem verhängnisvollen Herbstmorgen erblickte Oliver aber nicht die Reflektion der Sonne, sondern den Feuerball, der sich vom Nordturm in den Himmel walzte. Kaffeebecher und Morgenzeitung fielen ihm aus der Hand. Doch anstatt die Flucht zu ergreifen, begann der heutige Anwalt mit seiner Kamera den historischen Moment festzuhalten. «Es gab in New York soviel zu fotografieren. Deshalb war die Kamera immer in meiner Tasche.»

Oliver wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was die Explosion ausgelöst hatte. Lediglich ein Passant verbreitete das Gerücht, eine Cessna sei mit den Türmen kollidiert. «Wirklich glauben, wollte ich das nicht». Erst drei Stunden später erfuhr Oliver auf dem US-Nachrichtensender CNN die Wahrheit. Zwei Passagierflugzeuge zerbarsten am Machtsymbol der Vereinigten Staaten von Amerika.

Suizide beschäftigen ihn bis heute

Derweil stellte sich der Schweizer beim Fotografieren die Frage: «Wie lange dauert es wohl, bis die Schäden an den Türmen behoben sind?» Dann schildert Oliver, wie ein erstes Mal alles ausser Kontrolle geriet. «Plötzlich schrien und weinten alle auf den Strassen. Die Passanten glaubten, Menschen würden sich aus den Fenstern der Hochhäuser in den Tod stürzen». Weil jemand rief - «es ist nur Papier!» - beruhigte sich die Lage wieder (siehe Video).

11. September 2001: Sprung in den Tod

«Es ist nur Papier»: Sprung in den Tod

Als wir nachfragen, ob er selbst habe Menschen fallen sehen, wird Oliver still, senkt seinen Kopf und nickt. Fast jeder New Yorker hatte einen Bekannten, der bei den Anschlägen sein Leben verlor. Nicht Oliver. Dennoch haben sich diese Bilder in sein Gehirn gebrannt - auch wenn er sie am liebsten von dort verbannen möchte.

Die Vergangenheit sollte ihn aber heute wie damals einholen. 24 Stunden nach dem Kollaps der Türme schlug Oliver die New York Times auf, um sie gleich wieder erschrocken und angewidert in die Ecke seiner Wohnung zu werfen. Er hatte gerade eine Nahaufnahme eines kopfüber in die Tiefe springenden Mannes gesehen. Die Zeitungen bewahrt der 9/11-Augenzeuge immer noch wie einen Schatz auf. Sie sind die stillen Zeugen jener Tage (siehe Zeitungsausrisse).

«Weil ich genug fotografiert hatte, wollte ich zum Abschluss ein Foto von mir mit den in Flammen stehenden Twin Towers schiessen». Just in diesem Augenblick nimmt er ein tiefes «Grollen» wahr. «Dieser Klang hat mir wahnsinnige Angst gemacht». Dass gerade der über 400 Meter hohe Südturm hinter seinem Rücken kollabierte, realisierte Oliver nicht. Vielmehr trieb ihn die Panik an. Mit Adrenalin im Blut ergriff er die Flucht. Rannte um sein Leben. Der Instinkt sollte seine Rettung sein. Er war nur noch 80 Meter von den Türmen entfernt. Bei diesen Schilderungen wird sein Körper von Gänsehaut heimgesucht.

Panik in der U-Bahn

«Ich muss nach unten», war sein nächster Gedanke. So entschied sich Oliver, Schutz in der New Yorker Subway zu suchen. «Die Idee war, durch den Tunnel den Geleisen entlang das Weite zu suchen.» Dieser Plan wurde jäh durchgreuzt. Der Zugang zu den Tunneln wurde unmittelbar nach den Angriffen gesperrt. Das gab Oliver's Nerven den Rest. «Ich dachte; Shit! Jetzt stürmen sicher gleich Tausende in die Metro und drücken mich in einer Massenpanik zu Tode.»

Oliver unterbricht den Satz. Er blickt ins Leere. Die Augen auf die Terrasse und die Glarneralpen gerichtet. Es ist das erste Mal, dass der Zürcher um Fassung ringt. «Ich begann mich damit auseinanderzusetzen, dass meine Frau mich hier unten identifizieren muss.»

Viel Zeit über sein Ableben zu sinnieren, blieb ihm nicht. Die Schuttwolke drängte durch die Strassen und holte ihn im Untergrund ein. «Von einer Sekunde zur anderen wurde es stockfinster, ich konnte nichts mehr sehen und kaum noch atmen.» Damit nicht genug: Der Schweizer hörte wie Metallteile auf den Strassen über ihm herumgeschleudert wurden. «Das müssen Gewehr- und Pistolenschüsse sein,» dachte er. «Werden wir angegriffen?» fragte er sich. Oliver riss sich daraufhin sein Hemd vom Leib. Mit Stoffetzen vor Mund und Nase bahnte er sich einen Weg den Gitterstäben entlang durch Dunkelheit und Staub zurück an die Oberfläche. Nur raus hier!

New Yorker: Wie die Zombies!

Draussen traute Oliver seinen Sinnen nicht mehr. Der Staub fiel wie Schnee vom Himmel. Gespenstische Stille herrschte. Diese Szenerie erinnerte ihn an einen Wintermorgen in den Schweizer Bergen. Die New Yorker krochen wie Zombies im Zeitlupentempo aus ihren Verstecken - von Kopf bis Fuss voller Asche und die Augen schreckgeweitet. Einige waren gar blutüberströmt (siehe Video).

11. September 2001: Auf der Flucht in den staubigen Strassen New Yorks

Auf der Flucht in den staubigen Strassen New Yorks

«Ich kam mir vor wie im Musikvideo Thriller von Michael Jackson.» Der Absurdität aber nicht genug: Oliver sah einen Strassenreiniger, der unbeirrt sein Gefährt bestieg und sich daran machte, den Asphalt vom Schutt zu befreien (siehe Bild).

Strassenputzer befreit Asphalt vom Schutt

Strassenputzer befreit Asphalt vom Schutt

Die brennenden Augen mit Wasser gesäubert, drehte er dann mit der Kamera für seine Frau ein Abschiedsvideo. «Ich liebe Dich. Chunt scho guet», sagte er ihr. Oliver gewährt der az Einblick in dieses Video. Veröffentlichen will er es nicht.

Drittes Flugzeug sorgt für Panik

«Raus aus der Stadt!» Fortan floh Oliver mit Tausenden zu Fuss aus dem Finanzdistrikt. Ein letzter Blick zurück. Dabei geschieht das Unfassbare. Vor seinen Augen bricht der Nordturm zusammen. Während dem Exodus aus New York starrte Oliver von nun an auf sein Handy. «Es war drei Stunden lang tot. Kein Empfang. Deshalb konnte mich meine Frau nie erreichen. Sie hat sich unglaubliche Sorgen gemacht.»

Plötzlich surrte das Telefon. Es war ein Freund aus der Schweiz. Irgendwie war er durchgekommen. Dieser Freund sollte Oliver's Ehefrau denn auch über dessen Wohlbefinden informieren. «Es geht ihm gut. Er ist nur ein wenig staubig,» richtete der Freund der Ehefrau von Oliver aus.

Wiedersehen mit der Frau

Das Telefonat kaum beendet, überschlugen sich die Ereignisse ein letztes Mal. Ein Passagierjet überflog die Brücke, gefolgt von zwei US-Abfangjägern. «Die Leute sind dann schreiend weggerannt.» Bei diesem Flugzeug handelte es sich aber nicht um ein weiteres Selbstmordkommando von Al Kaida. Die Besatzung hatte den Befehl zur Landung am Flughafen noch nicht erhalten.

Ihre Blicke trafen sich am Union Square. Sie rannten aufeinander zu. Oliver konnte seine Frau nach Stunden der Angst aufgewühlt und glücklich in die Arme schliessen. Der Anwalt kann sich danach nur noch an ein Essen erinnern und wie sein Körper später erschöpft auf die Matratze seines Bettes niederging. Bevor sich die Augen schlossen, sah er von seinem Wohnungsfenster aus, wie der Rauch über die Stadt immer noch hinweg zog.

USA, USA, USA!

Die Tage nach den Anschlägen sollte es den 9/11-Zeugen nach Manhattan zurückziehen. In den Schutt. Durch die leeren Strassen. Auf diese Weise habe er das Geschehene zu verarbeiten versucht. «Der Zusammenhalt, die Hilfsbereitschaft, der Einsatz und das Organisationsvermögen der New Yorker waren sehr beeindruckend.» Der aufflammende Patriotismus irritierte ihn dagegen. Für die Rettungskräfte wurde ein Korridor nach Ground Zero gezogen - und am Strassenrand standen 24 Stunden nach den Anschlägen Tag und Nacht Menschen. Diese feuerten die Polizei- und Feuerwehrkräfte mit US-Flaggen und «USA», «USA», «USA»-Rufen frenetisch an (siehe Videos).

11. September 2001: Bevölkerung bejubelt die «Helden von New York»

Bevölkerung bejubelt die «Helden von New York»

Auch Marschmusik war für kurze Zeit zu hören. «Das war Massenberieselung wie in Pjöngjang.» Einmal fuhr das Paar durch die 5th Avenue. «Die Strasse war leergefegt.» Das sollte auch für die Schaufenster der Edelboutiquen gelten. Die Inhaber hatten ihre Auslagen aus Respekt vor den Opfern geräumt.

Die leeren Schaufenster in New York nach den Anschlägen

Die leeren Schaufenster in New York nach den Anschlägen

Die Folgen des Terrors auf Olivers Körper sollten sich erst einige Tage später auswirken. Als der Schweizer am 17. September wieder die U-Bahn zur Arbeit besteigen wollte, musste er sich in den Gängen der Subway übergeben. Der Staub der Türme hatte sich überall festgesetzt und in der Luft lag «dieser schrecklicher Geruch».

Bis heute meidet Oliver wenn möglich U-Bahnen und enge Räume. Ob er jemals nach Ground Zero zurückkehren wolle? «Ich weiss es nicht.» Vielleicht, wenn die wachsenden Körper des One World Trade Centers fertig gestellt sind.

* Oliver ist heute für eine öffentlich-rechtliche Organisation tätig. Er äusserte deshalb gegenüber der az den Wunsch, dass zum Schutz seiner Persönlichkeit auf die Veröffentlichung von Einzelheiten zu seinem Privatleben und Werdegang verzichtet wird.

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