Bilanz zu Rio 2016

Alles gut gegangen – aber die Hoffnungen blieben unerfüllt

Brasilien ist nicht Europa: Dennoch haben es die Verantwortlichen in Rio geschafft, die Sommerspiele ohne grosse Zwischenfälle über die Bühne zu bringen.

Brasilien ist nicht Europa: Dennoch haben es die Verantwortlichen in Rio geschafft, die Sommerspiele ohne grosse Zwischenfälle über die Bühne zu bringen.

Die ersten Olympischen Spiele in Südamerika sind Geschichte, aber Brasilien ist kaum weiter als 2009.

Die gute Nachricht vorweg: Rio 2016 ist ohne Tragödie über die Bühne gegangen. Es hat keinen Terroranschlag gegeben, alle Wettkämpfe fanden statt. Und die Zika-Mücken haben die Olympia-Touristen nicht in Scharen dahingerafft. Im Grossen und Ganzen haben die Brasilianer die Organisation der Spiele gerade noch hinbekommen, dem «Jeitinho» sei dank. Der «Jeitinho» ist dieses Talent, Herausforderungen auf den letzten Drücker zu meistern und auch die Gelassenheit, genau darauf zu vertrauen. Und noch eines hat gut funktioniert: die Stimmung. Vor Olympia waren zwei von drei Brasilianern der Ansicht, die Spiele würden eher Nach- als Vorteile bringen. Aber als Olympia erst einmal eröffnet war, strömten die Menschen in die Stadien und noch viel mehr zu den Veranstaltungen rund um die Spiele. Parabéns Rio, Glückwunsch, Tudo Bem, alles gut.

Dass Rio 2016 viele Mängel hatte, das haben Athleten am letzten Tag noch mal kritisiert, und das hat auch IOC-Chef Thomas Bach noch einmal zugegeben. Aber Lateinamerika ist eben nicht Europa oder Asien. Man kann keine Perfektion erwarten, wenn man das Weltsportfest in eine Region gibt, in der Armut, Korruption und soziale Ungleichheit so gross sind wie nirgends woanders auf der Welt. Auch die Tatsache, dass die Spiele vor allem für die Menschen in den Randbezirken und armen Gebieten Rios am Ende kaum etwas hinterlassen werden – mal abgesehen von einer neuen U-Bahn-Linie und einem Schnellbussystem – hinterlässt einen faden Nachgeschmack.

Erwartungen nicht erfüllt

Denn vor allem aber für die Brasilianer selbst haben sich die grossen Hoffnungen nicht erfüllt, die sie in die Olympischen Spiele gesetzt haben. Man darf sogar vermuten, dass sie dieser Tage mit einem Kater aus dem Rausch der Ringe erwachen werden. Das grösste Land Lateinamerikas hatte sich erhofft, dass ihm das Sportfest endgültig den Weg in den Kreis der ganz grossen Nationen ebnet. Brasiliens Selbstbewusstsein schwankt schon ewig zwischen Selbstzerfleischung und Grössenwahn. Und trotz der Grösse fast eines Kontinents und schier unerschöpflicher Ressourcen ist es immer abhängig von der Meinung anderer. Dafür sollte Olympia ein wunderbares Schaufenster sein, das Land als modern und aufstrebend präsentieren, das Lob schien vorprogrammiert. Aber die Spiele und ihre Wahrnehmung in der Welt haben das Gegenteil bewirkt und das Selbstbewusstsein eher gemindert als gesteigert.

«Nicht mehr zweitklassig»

Als Brasilien 2009 den Olympia-Zuschlag bekam, schien der südamerikanische Gigant gerade auf dem Weg, zu den Industrienationen aufzuschliessen. Der damalige Präsident Lula da Silva jubelte: «Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig, sondern erstklassig». Sieben Jahre später bestehen daran ernsthafte Zweifel. Die tiefe wirtschaftliche Krise, das politische Chaos um die absurde Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff, die Korruption und wieder aufflammende Gewalt in den Metropolen wirken doch eher typisch lateinamerikanisch. Beim Hype um Brasilien in den vergangenen Jahren wurde übersehen, dass die strukturellen Probleme eines Schwellenlandes nie gelöst wurden.

Schon wenige Tage nach Ende von Olympia werden die Themen zurückkehren, die den Menschen in den vergangenen Jahren ihre typisch brasilianische Lebensfreunde genommen haben: Die Arbeitslosigkeit von elf Prozent, das Fehlen von guten Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, die Posse um die Entmachtung von Präsidentin Rousseff, die in gut einer Woche vollendet sein wird. Brasilien steht 2016 eher schlechter dar als 2009 auf dem scheinbaren Höhepunkt der Entwicklung. Politisch und wirtschaftlich muss Vieles von Grund auf saniert werden. Und so scheint sich die Prophezeiung des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig, vor den Nazis nach Brasilien geflohen, immer wieder aufs Neue zu erfüllen: «Brasilien ist das Land der Zukunft», schrieb Zweig vor 65 Jahren. Der Satz hat heute noch Gültigkeit.

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