Ermordeter Lehrer

Auslöser war die Falschaussage einer Schülerin zu den Mohammed-Karikaturen

«Je suis prof» («Ich bin Lehrer»): Der Slogan – angelehnt an die #jesuischarlie-Kampagne von 2015 – war gestern im ganzen Land überall zu sehen.

«Je suis prof» («Ich bin Lehrer»): Der Slogan – angelehnt an die #jesuischarlie-Kampagne von 2015 – war gestern im ganzen Land überall zu sehen.

Die barbarische Ermordung eines Lehrers hat hunderttausende Franzosen auf die Strasse gebracht – und eine alte Frage neu aufgeworfen.

«Je suis prof» – «Ich bin Lehrer», stand auf den Plakaten, die an zahlreichen Kundgebungen in Frankreich gestern aus den Menschenmassen ragten. Denn ein Lehrer war es, der am Freitag im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine auf offener Strasse ermordet worden war. Ein Attentäter schnitt ihm die Kehle durch und trennte seinen Kopf ab. Das Video seiner Untat stellte er ins Internet. Dort blieb es nur wenige Minuten stehen. Ebenso kurz dauerte nach der Tat noch das Leben des Angreifers: Eine Polizeipatrouille erschoss ihn, als er mit seinem Messer und einer Softair-Pistole aggressiv gestikulierte.

Als machte Frankreich die Coronakrise nicht schon genug zu schaffen, kehrt nun auch der Terror zurück. Und dazu eine alte Polemik, aus der Frankreich bis heute keinen Ausweg findet. Das Mordopfer, der 47-jährige Samuel Paty, hatte an der Mittelschule in Conflans Mohammed-Karikaturen gezeigt, die 2015 in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo zu einem Massaker mit zwölf Toten geführt hatten.

Falschaussage in Video führte zur Gewalttat

Unklar ist, ob Paty das Thema Meinungsfreiheit generell aufbrachte – oder nur deshalb, weil in Paris gerade der Prozess gegen die Komplizen der Charlie-Attacke von 2015 läuft.

Auf jeden Fall war sich Paty im Klaren, dass die Sache heikel ist: Er bot den muslimischen Schülern an, das Zimmer verlassen zu können, als er die gotteslästernden Karikaturen zeigte. Eine muslimische Schülerin verdrehte dies später und behauptete in einem Video, der Lehrer habe die Schüler ihres Glaubens vor die Tür gestellt. Ihr Vater bezeichnete Paty in dem gleichen Video als «Gauner» und reichte bei der Polizei Klage wegen Pornografie vor Kindern ein. Bei einer Aussprache in der Schule liess sich die Familie von einem radikalen Prediger namens Abdelhakim Sefrioui sekundieren. Sefrioui rief danach über die sozialen Medien dazu auf, in Conflans «vor der Schule für eine Aktion zu mobilisieren».

Islamisten nutzen die Karikaturen-Debatte für sich

Der Attentäter reiste daraufhin zur Mittelschule und erkundigte sich nach dem Lehrer. Er folgte ihm 300 Meter und schnitt ihm dann die Kehle durch. Bei dem Täter handelt es sich um einen 18-jährigen Tschetschenen, der vor zwölf Jahren mit seinen Eltern als Flüchtlingskind nach Frankreich gekommen war. Als Gefährder war er nicht registriert. Vier Mitglieder seiner Familie wurden am Wochenende verhaftet, dazu sieben weitere Personen. Unter ihnen befinden sich der Vater der betroffenen Schülerin sowie Sefrioui.

Für die Justiz wird sich die knifflige Frage stellen, wie weit Letztere als Anstifter des Mörders belangbar sind. Sie hatten nicht zu einem physischen Angriff aufgerufen, aber in den sozialen Medien gegen den Geschichtslehrer gehetzt.

Der brutale Angriff zeigt, wie virulent die Frage der Mohammed-Karikaturen in Frankreich bleibt. Der laufende Prozess gegen ein paar Komplizen der Charlie-Terroristen von 2015 genügt offenbar, um die Polemik neu zu entfachen.

Am Sonntag betonten viele Teilnehmer der Demos, die Meinungsfreiheit und damit auch das Recht auf Blasphemie sei in Frankreich sakrosankt. Entsprechende Karikaturen zu verbieten, bedeute ein erstes Nachgeben gegenüber den Islamisten.

Besonnene Franzosen fragen allerdings auch, ob die bewusst provokativen und respektlosen Mohammed-Karikaturen das passende Mittel sind, den Islamismus zu bekämpfen. Denn die Debatte über die Zeichnungen wird von den Islamisten bewusst genutzt, um gemässigte Muslime auf ihre Seite zu ziehen.

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