Italien

«Biologische Bombe» – ein Fussballfest brachte Bergamo das Corona-Virus

Etwa 44'000 Fans von Atalanta Bergamo fanden sich am 19. Februar im San-Siro-Stadion in Mailand ein. Viele von ihnen dürften sich dort mit dem Coronavirus angesteckt haben.

Etwa 44'000 Fans von Atalanta Bergamo fanden sich am 19. Februar im San-Siro-Stadion in Mailand ein. Viele von ihnen dürften sich dort mit dem Coronavirus angesteckt haben.

Fast 44'000 Fans verfolgten Mitte Februar das Champions-League-Spiel zwischen Atalanta Bergamo und Valencia. Mit verheerenden Folgen.

Es ist das «Wuhan Europas»: Bergamo ist zum Epizentrum der Coronavirus-Pandemie geworden. Die lombardische Stadt und ihre Umgebung zählen – Stand 22. März – 5869 Infizierte und fast tausend Tote. Die Bilder von Militärlastwagen, die Särge aus der Stadt abtransportieren, illustrieren den Ernst der Lage auf drastische Weise. Warum wütet das Virus ausgerechnet hier so stark?

Militärlastwagen transportieren Särge aus Bergamo ab.

Militärlastwagen transportieren Särge aus Bergamo ab.

Zunächst richtete sich das Augenmerk der Epidemiologen bei der Suche nach den Gründen für das Desaster auf das Bezirkskrankenhaus von Alzano Lombardo. Dort wurden am 23. Februar die ersten beiden Covid-19-Fälle registriert. Die Leitung des kleinen Krankenhauses unterschätzte die Gefahr und ergriff kaum besondere Massnahmen. Bald darauf steckten sich Pflegekräfte, Ärzte und Besucher an und trugen das Virus in ihren Bekanntenkreis.

Vergleich der bestätigten Covid-19-Fälle in Lodi und Bergamo, 24.2.-13.3. Lodi ordnete bereits am 23. Februar den Lockdown an, Bergamo erst am 8. März.

Vergleich der bestätigten Covid-19-Fälle in Lodi und Bergamo, 24.2.-13.3. Lodi ordnete bereits am 23. Februar den Lockdown an, Bergamo erst am 8. März.

Doch neben dieser Klinik gerät nun ein Ereignis immer mehr in den Fokus der Wissenschaftler, das knapp vor dem Ausbruch der Pandemie in der gebeutelten Region für Freude gesorgt hatte: Am 19. Februar traf der Bergamasker Erstligist Atalanta Bergamo im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals auf den spanischen Klub Valencia. Das Spiel fand nicht im Gewiss Stadium in Bergamo statt, das den Vorgaben der Uefa nicht genügt, sondern im 60 Kilometer entfernten San Siro in Mailand, dem grössten Stadion Italiens.

Grosse Mengen an Viruspartikeln

Das Spiel war ein «Fest», so nannten es manche italienische Zeitungen: Atalanta – das in der Provinz Bergamo so etwas wie eine inoffizielle Nationalmannschaft ist – gewann die Begegnung mit 4:1 und schuf sich damit in seiner ersten CL-Teilnahme überhaupt beste Voraussetzungen für den Einzug in den Viertelfinal. An die 44'000 begeisterte Fans der «Dea» («Göttin»), wie die Mannschaft auch genannt wird, fielen sich in dieser «magischen Nacht» auf den Tribünen des Mailänder Stadions in die Arme. Doch es wurde nicht nur die Freude geteilt, wie sich jetzt herausstellt – das Fussballfest war ein Fest des Coronavirus.

«Wir können sagen, dass Atalanta-Valencia das ‹Spiel zero› gewesen ist», sagte der Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenkrankheiten des Krankenhauses «Umberto I» von Rom, Francesco Le Foche, dem «Corriere dello Sport». Es habe dort einen sehr schnellen Ausstoss von grossen Mengen an Viruspartikeln gegeben, erläuterte der Immunologe. Dies erkläre die «Anomalie» von Bergamo – also die ungewöhnlich hohe Zahl an Covid-19-Fällen in der Provinz.

«Die Ansteckung ist im San Siro explodiert»: Der Immunologe Francesco Le Foche im «Corriere dello Sport».

«Die Ansteckung ist im San Siro explodiert»: Der Immunologe Francesco Le Foche im «Corriere dello Sport».

Fabiano Di Marco, Chef der Abteilung für Lungenkrankheiten im Krankenhaus «Papa Giovanni XXIII» in Bergamo, stellte im «Corriere della Sera» fest, Atalanta-Valencia sei eine «biologische Bombe» gewesen. Zehntausende Fans aus Bergamo fuhren per Bus, Zug oder mit dem Auto nach Mailand, sassen dicht an dicht in der Metro, assen und tranken zusammen, feierten nach dem Spiel den Sieg. Und sie verbrüderten sich mit Fans von Valencia, von denen auch 2500 angereist waren. Zwar gab es einige Präventionsmassnahmen, doch kaum jemand befolgte sie.

«Der Zünder für die Ansteckung in Bergamo könnte der Exodus von 45'000 Bergamaskern nach Mailand für #AtalantaValencia am 19. Februar gewesen sein. Man hat rekonstruiert, dass es sowohl in Valencia als auch in der Provinz Bergamo bereits einige Infektionsfälle gab. Danach die Explosion der Ansteckungen (#Repubblica).»

Infizierte und Kranke unter den Tifosi

Für Le Foche ist klar, dass sich unter den zahllosen Tifosi, die sich dieses «historische Spiel» nicht entgehen lassen wollten, auch viele Träger des Coronavirus befanden, die noch keine Symptome hatten. Vermutlich seien sogar einige Fans nach Mailand gefahren, die bereits leicht fiebrig waren, aber schon eine Eintrittskarte hatten, meint der Immunologe. «Die Enge, die Schreie, die Euphorie und die Umarmungen» hätten die Verbreitung des Virus begünstigt. Das Spiel sei höchstwahrscheinlich einer von mehreren Faktoren gewesen, die den Alptraum von Bergamo verursachten.

Die Tatsache, dass die Verantwortlichen die Begegnung nicht vor leeren Rängen spielen liessen, nannte Le Foche «im Rückblick Wahnsinn». Zu dieser Zeit, also am 19. Februar, seien die Dinge jedoch noch nicht klar genug gewesen. «Heute wäre das undenkbar.»

Infizierte Spieler

Das Rückspiel am 10. März wurde zwar aus unerfindlichen Gründen nicht abgesagt, fand jedoch vor leeren Rängen statt. Die «Dea» gewann auch diese Partie, doch die Freude darüber währte nur kurz. Mittelfeldspieler Marten de Roon schrieb auf Twitter, nach dem Spiel sei das Team «eine Stunde lang glücklich» gewesen, dann sei wieder die Lage in Bergamo in den Vordergrund gerückt.

«Nach dem Spiel gegen Valencia waren wir eine Stunde lang glücklich, bevor wir zurück zur Situation in Bergamo kamen. Weil es wirklich schlimm ist. Die Strassen sind völlig leer. Alles, was man hört, ist das Geräusch von Krankenwagen und Kirchenglocken, die für alle die Menschen läuten, die leider verstorben sind.»

Die Begegnung Valencia-Atalanta (3:4) war ein Geisterspiel.

Die Begegnung Valencia-Atalanta (3:4) war ein Geisterspiel.

Spanische Fans in Valencia. Sie wurden nicht ins Stadion gelassen, versammelten sich aber in dicht gedrängten Gruppen davor – trotz der Ansteckungsgefahr.

Spanische Fans in Valencia. Sie wurden nicht ins Stadion gelassen, versammelten sich aber in dicht gedrängten Gruppen davor – trotz der Ansteckungsgefahr.

Der Abend im San Siro hat auch für die beteiligten Teams Folgen: Mittlerweile sind fünf Spieler von Valencia infiziert, zudem liegen mehrere spanische Sportjournalisten im Krankenhaus. 35 Prozent der Mitarbeiter des spanischen Klubs sollen sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Die Universität von Valencia führt zwei Infektionsherde in und bei Valencia auf Norditalien zurück.

Im Team von Atalanta wurde dagegen noch kein Spieler positiv auf das neue Coronavirus getestet. Die Mannschaft wurde allerdings unter Quarantäne gestellt.

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