Grossbritannien

Boris Johnson erlässt neue Corona-Regeln: Wer einreist, muss 14 Tage in Quarantäne – Luftfahrtbranche tobt

Erlässt neue Coronaregeln für Einreisende: Grossbritanniens Premier Boris Johnson.

Erlässt neue Coronaregeln für Einreisende: Grossbritanniens Premier Boris Johnson.

Kritiker nennen die Pläne «idiotisch» und «nicht durchführbar».

Unter heftigen Protesten der Luftfahrt-Branche hat Grossbritannien am Montag erstmals in der Coronapandemie eine Quarantäne für Touristen und Geschäftsleute eingeführt. Bis auf weiteres müssen sich Einreisende vierzehn Tage lang zwangsisolieren.

Die Massnahme sei zur Bekämpfung von Covid-19 notwendig, teilte die konservative Innenministerin Priti Patel mit. Die Fluggesellschaften British Airways, Ryanair und EasyJet gehen gerichtlich gegen die Regierung von Premier Boris Johnson vor; Londons grösster Flughafen Heathrow kündigte Massenentlassungen an.

Wissenschafter, Trucker und Diplomaten sind ausgenommen

Ausser für Flugreisende gilt die neue Regelung auch für Eurostar- und Fährpassagiere. Trucker, die frische Lebensmittel vom Kontinent bringen, bleiben ebenso ausgenommen wie Wissenschafter, Diplomaten und Landarbeiter, die bei der Obsternte helfen. Die Reisezone mit der Republik Irland und den Kanalinseln wird ohne Selbstisolierung aufrechterhalten.

In den betroffenen Branchen wie Luftfahrt und Tourismus herrscht Bestürzung. Für viele Firmen und berühmte Sehenswürdigkeiten wie Westminster Abbey oder das Globe-Theater geht es ums nackte Überleben. Der Tourismus war bisher die fünftgrösste Branche auf der Insel und erwirtschaftete mit 3,3 Millionen Beschäftigten zuletzt 157 Milliarden Pfund (191 Milliarden Franken), zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Bevölkerung unterstützt Premier Johnsons Vorstoss

Zur Begründung der gemeinsamen Klage nannte ein Ryanair-Sprecher auch im Namen der beiden anderen Firmen die Quarantäne «unverhältnismässig und unfair». Diese werde verheerende Auswirkungen auf den Tourismus haben und Tausende von Jobs kosten. Weniger elegant äusserte sich der für Klartext bekannte Ryanair-CEO Michael O’Leary: «idiotisch und undurchführbar».

Tatsächlich sind Zweifel angebracht, ob die britischen Gesundheitsbehörden und die Polizei Kapazität und Knowhow haben, um die gewünschte 14-tägige Selbstisolierung durchzusetzen. Der Johnson-treue «Daily Telegraph» berichtete über ein internes Papier des Innenministeriums, wonach der chronisch unterbesetzte Grenzschutz die notwendige Bürokratie gar nicht bewältigen kann. Ein Ministeriumssprecher teilte in schöner Offenheit mit, man könne sich «schwer vorstellen», wie die Quarantäne in der Praxis umgesetzt werden soll. Offenbar setzt die Behörde wie bisher auf die erstaunliche Disziplin, ja Verängstigung weiter Teile der Bevölkerung.

Einer Umfrage der Firma Redfield&Wilton zufolge hat die Regierung die Bevölkerung hinter sich: 63 Prozent befürworten die Quarantäne, zwei Drittel halten sie sogar für überfällig.

Innenministerin Patel bekräftigte im Unterhaus die seit Monaten gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, da Kabinett halte sich stets streng an wissenschaftliche Erkenntnisse. Diese seien klar: «Wenn wir eine das Risiko der Einfuhr neuer Fälle minimieren, können wir eine zweite Welle verhindern.»

In Wahrheit geben sich führende Virologen und Ärzte skeptisch. Zu ihnen zählt der wissenschaftliche Chefberater der Regierung Patrick Vallance: Eine Quarantäne wäre vor allem dann effektiv, wenn Grossbritannien eine niedrigere Infektionsrate aufweist als die Fremdstaaten. Davon kann keine Rede sein. Im Wochendurchschnitt sterben in dem Land mit der höchsten Sterbeziffer Europas täglich 233 Menschen, die Rate neuer Infektionen bemisst sich nach Tausenden.

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