Lateinamerika

Codewort «rote Schutzmaske»: Aussergewöhnliche Massnahmen im Kampf gegen häusliche Gewalt

Eingesperrt und ausgeliefert: Die häusliche Gewalt in Lateinamerika steigt rapide an.

Eingesperrt und ausgeliefert: Die häusliche Gewalt in Lateinamerika steigt rapide an.

Weil vielerorts Frauenhäuser fehlen und die Gewalt massiv zunimmt, sehen sich die Behörden zu neuen Methoden gezwungen.

Anfang März gingen sie zu ­Millionen auf die Strassen in ­Lateinamerika, lila Tücher um den Hals und Forderungen nach Respekt auf den Lippen. Zum Rhythmus der Performance «Der Vergewaltiger bist du» forderten sie ein Ende von Gewalt und Machismo. Eine Aufbruchstimmung schien die Frauen­bewegung erfasst zu haben.

Doch nur sechs Wochen ­später hat das Coronavirus ihren Bemühungen einen schweren Rückschlag versetzt. Die sowieso schon weitverbreitete Gewalt gegen Frauen hat während der Quarantäne noch einmal massiv zugenommen, wie Statistiken mehrerer lateinamerikanischer Länder zeigen.

In Bolivien etwa werden ­inzwischen mehr Gewalttaten gegen Frauen gemeldet als Einbrüche. In Mexiko schnellte die Anzahl Gewaltdelikte gegen Frauen im März gegenüber dem Vormonat um 60 Prozent in die Höhe. 163 Frauen wurden in Mexiko während der Quarantäne ermordet, 19 in ­Argentinien, 12 in Kolumbien, 6in Peru. In Chile waren es 4Frauenmorde.

UNO sagt, Coronakrise treffe Frauen stärker

Auch in besser situierten Vierteln wie etwa in Providencia in Santiago de Chile stiegen die Anrufe bei der Frauen-Hotline um das Fünffache. In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá sanken in den ersten Wochen der Quarantäne sämtliche Straftaten – bis auf Gewalt gegen Frauen. Die dafür eingerichtete Hotline verzeichnete 225 Prozent mehr Anrufe als üblich.

Frauen bekommen die Wucht der Krise besonders heftig zu spüren. Quarantänevorschriften, beengte Wohnverhältnisse und wirtschaftlicher Stress gingen vor allem zu Lasten der Mädchen und Frauen, warnte etwa die UNO-Frauenorganisation.

«Die Quarantäne führt dazu, dass die Frauen nicht nur ihren Peinigern 24 Stunden ausgeliefert sind, sondern dass sie keine Rückzugsorte und Vertrauenspersonen mehr haben wie die Arbeitskolleginnen», sagte die Mexikanerin Renata Villarreal, Sprecherin der Frauenbewegung Marea Verde.

In Perus Hauptstadt Lima ­eröffnete die Stadtverwaltung aufgrund der Probleme ein neues Frauenhaus – innerhalb weniger Tage waren bereits acht Frauen mit ihren Kindern dorthin geflüchtet.

Eine Hotline für aggressive Männer soll helfen

Und weil Frauenhäuser vielerorts an ihre Grenzen kommen, haben die Behörden andere Wege gefunden, um Betroffenen zu helfen: In Chile und Argentinien beispielsweise legten die Regierungen Codewörter für betroffene Frauen fest. Wenn eine Frau in einer Apotheke – einer der wenigen noch geöffneten Geschäftszweige – eine «rote Schutzmaske» beziehungsweise eine «Gesichtsmaske Nr. 19» verlangt, nehmen die Angestellten ihre Personalien auf und schalten die Behörden ein.

Doch das greift Menschenrechtsorganisationen zufolge zu kurz. «Mexikos Regierung hat die Zuschüsse für Frauenhäuser zusammengestrichen», kritisiert beispielsweise die Organisation Mexico Evalua. Das erweise sich nun als fatal. «Sie müssen personell und finanziell dringend aufgestockt werden.»

In die Bresche springen derweil private Initiativen wie zum Beispiel Gendes. Die mexikanische Organisation hat eine Hotline eingerichtet – für aggressive Männer. «Wir bekommen jeden Tag Anrufe von Männern, die sagen, sie verprügeln jetzt gleich ihre Frau», erzählt Gründer Mauro Vargas. Mit Atem- und Gesprächstherapie versuchen die Psychologen dann, das Schlimmste zu verhindern.

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