USA

Coronakrise, Polizeigewalt, Lohn: Schwarze müssen unten durch – was heisst das für die US-Wahlen im Herbst?

«Geht wählen», ruft Terrence Floyd, Bruder des getöteten George, in Minneapolis.

«Geht wählen», ruft Terrence Floyd, Bruder des getöteten George, in Minneapolis.

US-Präsident Donald Trump sagt Randalierern den Kampf an. Derweil steigt der Druck auf Biden, eine schwarze Frau zu nominieren.

105'147 Amerikaner hat Covid-19 getötet. Und trotzdem scheint die Pandemie in den USA fast wie vergessen. Der Grund dafür ist eine zweite Krankheit, die seit Jahrhunderten so hartnäckig an der amerikanischen Seele nagt, wie es kein Virus bislang geschafft hat: der strukturelle Rassismus.

Die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weissen Polizisten versetzt das Land in Aufruhr. Ein Video zeigt, wie der Polizist mit seinem Knie auf den Nacken des Gefesselten drückt, bis er das Bewusstsein verliert und später stirbt.

Proteste nach Tod von Afroamerikaner: Krawalle, Plünderungen und ein Toter in den USA

Proteste nach Tod von Afroamerikaner: Krawalle, Plünderungen und ein Toter in den USA

Ein zweites Video macht in den USA derzeit die Runde: Es zeigt eine Familie, deren Geschäft in Los Angeles geplündert wird. Die Familie ruft die Polizei um Hilfe. Die Streife kommt – und legt die um Hilfe rufenden schwarzen Geschäftsführer sofort in Handschellen:

Schwarze rufen Polizei zu Hilfe und werden verhaftet

Schwarze rufen Polizei zu Hilfe und werden verhaftet

Schwarz gleich Gefahr: Diese falsche Gleichung erschwert das Leben von Millionen US-Bürgern seit Jahrhunderten. Die Diskriminierung von Schwarzen etwa durch getrennte Sitzbereiche in Restaurants und segregierte Schulen wurde mit dem Bürgerrechtsgesetz 1964 verboten. Und die Wahl Barack Obamas ins höchste Amt des Landes hat das Bewusstsein vieler Afroamerikaner verändert. Doch schwarze Körper sind in Amerika noch immer zerbrechlicher als alle anderen, wie der Aktivist Ta-Nehisi ­Coates schreibt.

Das zeigt sich ganz aktuell mit Blick auf die Coronakrise. Schwarze Amerikaner starben dreimal häufiger an Covid-19 als weisse. Überdurchschnittlich viele leben in armen Landesteilen mit schlechter Gesundheitsversorgung. Einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens McKinsey zufolge laufen fast 40 Prozent aller schwarzen Amerikaner Gefahr, in der Krise ihren Job zu verlieren. Dabei ist ihre wirtschaftliche Situation schon heute deutlich schlechter als jene ihrer weissen Mitbürger. 2018 betrug das durchschnittliche Einkommen schwarzer Haushalte 41'000 Dollar. Weisse Haushalte verdienten 30'000 Dollar mehr.

Zu schaffen macht den Afroamerikanern (rund 13 Prozent der US-Bevölkerung) aber vor allem die ungleiche Behandlung durch die Staatsmacht. Laut einer Untersuchung der Rutgers Universität werden dreieinhalb Mal mehr schwarze Amerikaner von Polizisten erschossen als weisse.

Druck auf Biden steigt, eine schwarze Frau zu nominieren

Der Frust (nicht nur) der schwarzen Bevölkerung entzündet sich an Vorfällen wie der Ermordung von George Floyd daher immer wieder aufs Neue. «Viele Schwarze fühlen sich, als lebten sie in von Polizisten besetzten Gebieten», erklärte der CNN-Moderator Don Lemon. Eine Besatzung, gegen die sie keine Chance haben. Folgerichtig griff ­Terrence Floyd, der Bruder des ermordeten George, am Montag in Minneapolis zum Megafon und schrie an die Adresse der brandschatzenden Splittergruppen, die sich im ganzen Land unter die Demonstranten gemischt haben: «Was macht ihr da? Wir müssen einen anderen Weg finden. Geht wählen!»

Zur Wahl für das höchste Amt des Landes stellt sich Joe Biden, der Kandidat der Demokraten. Er wagte sich am Montag zum ersten Mal aus seinem Haus und traf sich mit Aktivisten. Der Druck auf Biden steigt, eine schwarze Frau als Vizepräsidentschaftskandidatin. «Im Kontext der momentanen Proteste wäre eine schwarze Kandidatin sicherlich eine gute Wahl», glaubt Christian Lammert, Professor am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Mit der Fast-Gouverneurin Stacey Abrams aus Georgia und der Senatorin Kamala Harris aus Kalifornien stünden zwei qualifizierte Kandidatinnen bereit. «Insbesondere Kamala Harris würde sich anbieten. Sie ist in den Protestbewegungen sehr aktiv», sagt Lammert.

Sein Institutskollege Thomas Greven glaubt, es sei noch nichts gesetzt. «Biden muss verschiedene Strömungen bedienen, auch die Demokratische Linke. Diese sieht sich und ihre Forderungen nach mehr Gesundheitsschutz angesichts der derzeitigen Krisen bestätigt.» Auch ­Elizabeth Warren, die Ikone der Linken, ist also weiter im Rennen.

Letztlich, sagt Greven, könnte sich die Krise allerdings sogar positiv für Amtsinhaber Trump auswirken. «Zumindest kann es ihm gelingen, älteren weissen Bürgern Angst vor den Aufständen zu machen.» Diese Wähler hätten gerade damit begonnen, ihm wegen seines Corona-Missmanagements ihre Unterstützung zu versagen. Für Trump flammt Amerikas Urkrankheit also gerade rechtzeitig wieder auf.

Proteste in den USA: Trump droht mit Militäreinsatz

Proteste in den USA: Trump droht mit Militäreinsatz

Meistgesehen

Artboard 1