Kommentar

Coronavirus: Schweden wird vom Prügelknaben zum Primus

Junge Schwedinnen fahren mit der Bahn durch Stockholm. Maskenpflicht gibt’s nicht.

Junge Schwedinnen fahren mit der Bahn durch Stockholm. Maskenpflicht gibt’s nicht.

Der Sonderweg im Kampf gegen das Virus scheint aufzugehen – das skandinavische Land verzeichnet am wenigsten Neuinfektionen in Europa

In Spanien galoppieren die Covid-19-Infektionszahlen davon. In Schweden gehen die Fallzahlen dagegen deutlich hinunter, und die Ansteckungen pro einer Million Einwohner sind massiv tiefer als in der Schweiz. Spanien ist der Pandemie mit einem beinharten Lockdown entgegengetreten. Schwedens Weg hat weltweit Schlagzeilen gemacht, weil es abgesehen von den unumstrittenen Hygiene- und Distanzmassnahmen auf einschneidende Massnahmen verzichtet und auf Freiwilligkeit gesetzt hat.

Das Coronavirus richtete aber in den kaum geschützten schwedischen Altersheimen viel Schaden an, weshalb das Land für seine large Coronapolitik zuerst stark kritisiert wurde. Doch nun scheint der Wind zu drehen, und die steigenden Infektionszahlen in Spanien scheinen eher die Linie Schwedens zu bestätigen.

Tatsächlich hat inzwischen sogar der Covid-19-Sondergesandte der Weltgesundheitsorganisation WHO Schweden als Vorbild bezeichnet, das es geschafft habe, ohne umfassenden Lockdown und mit einem breiten Konsens von Öffentlichkeit, Behörden und Regierung eine Pandemie zu handhaben.

Leicht könnte man aus diesem Schweden-Spanien-Vergleich ableiten, dass Coronamassnahmen nichts bringen, was ein Unsinn ist. Für deren Beurteilung müssen aber viele Faktoren berücksichtigt werden. Eine Studie zeigt zum Beispiel, dass die primären Massnahmen wie Lockdown, Grenzschliessungen und die Intensivierung der Testaktivität die Infektionszahlen gedrückt und die Überlastung der Spitäler verhindert haben. Ein Erfolg, doch die Massnahmen hatten kaum Einfluss auf die Sterberate.

Diese hing gemäss der Studie mehr davon ab, wie das Land medizinisch gerüstet ist und wie alt und übergewichtig die Bevölkerung ist. Zudem bringt Zeit auch Rat. Einiges, was zu Beginn der grossen Krise in aller Hektik beschlossen wurde, war damals vertretbar, hat sich im Nachhinein aber als wenig wirkungsvoll herausgestellt. Ein Beispiel dafür sind die Schulschliessungen.

Schweden lag damit also richtig, hat die Alten aber im Stich gelassen. Die Schweiz hat einen pragmatischen Mittelweg zwischen Spanien und Schweden gefunden und ist damit gut gefahren.

Autor

Bruno Knellwolf

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