In eigener Sache

Dagmar Heuberger – die Welterklärerin geht nach 35 Jahren AZ in Pension

Dagmar Heuberger mit ihrem Kater Moritz auf dem Balkon ihrer Wohnung.

Dagmar Heuberger mit ihrem Kater Moritz auf dem Balkon ihrer Wohnung.

Heute geht Dagmar Heuberger nach 35 Jahren bei der AZ in Pension. Die Leiterin des Ressorts Ausland war auch Lokalpolitikerin – und hat eine tierische Leidenschaft.

Ihre Feuertaufe als Auslandredaktorin hat Dagmar Heuberger im Herbst 1989 erlebt, als die Berliner Mauer fiel. Deutschland und die deutsche Politik hat sie immer mit besonderem Interesse verfolgt – wohl auch, weil ihre Mutter aus unserem nördlichen Nachbarland stammt.

Darum ist es eine schöne Fügung, dass Heubergers 62. Geburtstag, an dem sie sich pensionieren lässt, just in die Woche nach den deutschen Bundestagswahlen fällt. «Diese Wahlen wollte ich unbedingt noch als Journalistin erleben», sagt Dagmar Heuberger.

Dagmar Heuberger mit ihrem Kater Moritz auf dem Balkon ihrer Wohnung.Sandra Ardizzone

Dagmar Heuberger mit ihrem Kater Moritz auf dem Balkon ihrer Wohnung.Sandra Ardizzone

Ihre Analysen und Kommentare sind stets klar und zugleich differenziert. Während manche Zeitungskommentatoren nach dem AfD-Triumph primär ihre Empörung und ihren Frust verarbeiteten, ordnete Heuberger das Wahlergebnis unaufgeregt ein. Sie schrieb: «Auch in den Parlamenten anderer europäischer Länder sitzen Rechtspopulisten.

Doch angesichts der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands hat es eine andere Bedeutung, wenn eine fremdenfeindliche und zumindest in Teilen rassistische Partei im Bundestag sitzt. Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche AfD-Wähler Fremdenfeinde, Rassisten oder gar verkappte Nazis sind.»

Die leidenschaftliche Redaktorin, die keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt, entschied sich schon vor längerer Zeit, mit 62 in Pension zu gehen. «Ich hatte damals drei Wochen Ferien und merkte, dass es auch ohne die Arbeit, die ich so mag, ganz gut geht. 62 stimmt für mich», sagt sie.

Dagmar Heuberger hat in den vergangenen Jahren nicht nur den Auslandteil bestritten, sondern auch Verantwortung als Blattmacherin des überregionalen Teils übernommen. Als solche wird sie der AZ über ihre Pensionierung erhalten bleiben – was ein Glücksfall für unsere Zeitung ist.

Journalistin statt Lehrerin

In den Journalismus eingestiegen ist Dagmar Heuberger im Jahr 1982. Es begann mit einem Telefonat – direkt, wie sie ist, verlangte sie gleich den Chefredaktor des Aargauer Tagblatts. Sie fragte Samuel Siegrist für ein Volontariat an. Sie könne schon kommen, antwortete Siegrist, aber man werde ihr keinen Lohn zahlen können. Ende Monat gabs dann trotzdem 500 Franken: Bar in einem Couvert, überreicht von der Redaktionssekretärin Alice Mondelli.

Dagmar Heuberger gefiel das Arbeiten auf der Redaktion viel besser als der Beruf, der ihr ursprünglich vorgeschwebt war: Sie studierte Geschichte an der Universität Zürich und unterrichtete dann einige Zeit an der Kantonsschule Zelgli in Aarau (heute: Neue Kantonsschule Aarau) – übrigens zusammen mit Christoph Bopp, der später ebenfalls als Redaktor zur Zeitung stiess.

Dagmar Heuberger schrieb zuerst über das Niederamt, dann über Brugg. 1984 erhielt sie den ersten festen Arbeitsvertrag. Man setzte die vielseitige Jungjournalistin ein, wo es gerade Bedarf gab: Im Wynental-Suhrental, in Zofingen, später in Aarau – ihrem Traumressort, schliesslich ist Aarau ihre Stadt.

Doch lange blieb sie auch dort nicht, denn als das Aargauer Tagblatt 1989 den Auslandteil ausbaute, wurde die Historikerin, die sich besonders für Militärgeschichte und strategische Fragen interessierte, ins Auslandressort berufen – wo sie ohne Unterbruch bis zu ihrer Pensionierung blieb.

Und dann kam eben die Feuertaufe: Als am Abend des 9. November die Mauer fiel, habe man das mehr oder weniger verschlafen, erinnert sich Heuberger. Nur gerade 40 oder 50 Zeilen seien am Tag darauf in der Zeitung gestanden. In ihrem gestrigen Rückschau-Text hat Heuberger dieses Versäumnis als Beispiel dafür genannt, wie sich das Zeitungmachen verändert hat.

Heute ist der Journalismus schneller, er setzt weniger auf Vollständigkeit und stattdessen bei wichtigen Ereignissen Schwerpunkte. 1989 gab es noch kein Google und schon gar keine sozialen Medien. «Ihr Aufkommen hat unsere Arbeit komplett verändert», sagt Heuberger, die diese Veränderungen aber nie als Bedrohung, sondern als Chance verstand. Auch wenn sie gewisse Entwicklungen kritisch sieht, die damit einhergehen: Oberflächlichkeit und Medienhypes sind nicht ihre Sache.

Das Aargauer Tagblatt unterhielt früh ein eigenes Korrespondentennetz, auf das der damalige Auslandchef Gaudenz Baumann stolz war und das Heuberger weiter ausbaute. 1996 erlebte sie den medialen Mauerfall im Aargau: Das «Aargauer Tagblatt» und das «Badener Tagblatt» fusionierten zur «Aargauer Zeitung».

Drei Jahre später stieg Heuberger zur Leiterin des Auslandressorts auf. Das Internet und das E-Mail kamen auf – die AZ war eine der ersten Zeitungen in der Schweiz, bei der jeder Redaktor Internetzugriff erhielt. Während früher die Korrespondenten einfach ihre Texte schickten, begann nun die Zeit, in der sich die Auslandredaktorin per Mail mit den Mitarbeitern in Paris, Washington oder Tel Aviv aktiv austauschte und Themen vorbesprach.

Schon als Jugendliche bürgerlich

Wie das Ende des Kalten Kriegs waren auch die Terroranschläge von New York am 11. September 2001 eine einschneidende Erfahrung für Dagmar Heuberger. Diesmal gab es am Tag danach keine 50-Zeilen-Meldung, sondern der ganze erste Bund war den Anschlägen gewidmet. Der Terror und der Krieg gegen den Terror prägte die Auslandseiten in vielen Jahren, bis zuletzt.

Heuberger interessierte sich dabei vor allem für die politischen Hintergründe. Kein Wunder: Sie ist ein «animal politique». Ihr Grossvater wirkte als Kantonsrat in Solothurn, ihr Vater war «eine Art früher Grüner», wie Heuberger sagt. Sie selber dachte bürgerlich: Sie trat den Jungfreisinnigen bei und wurde 1989 FDP-Einwohnerrätin in Aarau. Zehn Jahre blieb sie im Stadtparlament. «Früher war es gefragt, dass man sich als Redaktorin auch politisch engagierte», erinnert sich Heuberger. Doch eine eigentliche politische Karriere stand für sie nie zur Diskussion: «Journalistin war für mich immer der Traumjob, und der füllte mich voll aus.»

Auch wenn sie in der Zeitung über Europa, Nahost und die USA schrieb – im Alltag blieb Aarau ihre Welt. «Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gemacht», stellt sie fest. «Trotz Rückschlägen wie beim Fussballstadion und Rockwell: Aarau entwickelte sich gut, auch kulturell, es ist heute viel offener als zu meiner Zeit als Einwohnerrätin.»

Ähnlich beobachtet sie die Veränderungen bei der AZ: «Die Zeitung ist heute offener und vielfältiger als früher.» Den alten AT-Zeiten trauert sie nicht nach: «Die Unternehmenskultur gefällt mir heute besser.» Im Gespräch betont Heuberger, es sei nicht ihre Art, jemandem zu schmeicheln (und der Schreibende kann das bestätigen), um dann zu sagen: «Unser Verleger Peter Wanner hat in den letzten 20 Jahren vieles richtig und gut gemacht. Vor allem hat er keine grossen Fehler gemacht. Ein grosses Kompliment.»

Ein Porträt über Dagmar Heuberger wäre unvollständig, würde nicht ihre zweite grosse Leidenschaft erwähnt: Die Katzen. Auf der Redaktion gibt es jede Menge Katzen-Bonmots von Heuberger. Zum Beispiel: «Ein Leben ohne Katzen ist möglich. Aber nicht sinnvoll.» Heuberger ist schon mit ihnen aufgewachsen und hat heute drei Katzen. «Es sind eigenständige Tiere, die sich nichts vorschreiben lassen. Zugleich sind sie anschmiegsam – aber nur, wenn sie wollen.»

Nun wird Dagmar Heuberger mehr Zeit haben für ihre Katzen – aber auch fürs Lesen und um Bekanntschaften zu pflegen, die in ihrem Beruf, der sehr lange Arbeitstage mit sich brachte, zu kurz kamen.

Erfrischend unkorrekt

Mehr als 30 Jahre lang hat Heuberger den Auslandteil dieser Zeitung geprägt – und nicht nur das: Die belesene, vielgereiste und vielfältig interessierte Vollblutjournalistin brachte für jedes Ressort Inputs. Sie übte Kritik, wo andere aus einem Harmoniebedürfnis heraus lieber schwiegen, und sie war immer wieder auf erfrischende Art politisch unkorrekt. Es sind solche Persönlichkeiten, die in ihrem Zusammenspiel die intellektuelle und kreative Kraft einer Redaktion ausmachen.

Für ihren langjährigen, unermüdlichen und prägenden Einsatz für die AZ gebührt Dagmar Heuberger grosser Dank. Die Redaktion freut sich auf die weitere Zusammenarbeit in einem kleineren Pensum und wünscht ihr für den neuen Lebensabschnitt nur das Beste.

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