Pakistan

Das Berner Paar fürchtete die US-Drohnen mehr als die Taliban

Glücklich, in Sicherheit zu sein: Das winkende Berner Polizistenpaar in Islamabad vor über einem Jahr in Islamabad (Archiv).

Glücklich, in Sicherheit zu sein: Das winkende Berner Polizistenpaar in Islamabad vor über einem Jahr in Islamabad (Archiv).

Der von einer US-Drohne getötete Top-Terrorist war der Entführer des Polizistenpaars, denen im März 2012 die Flucht gelang. Sie erinnern sich, wie die US-Drohnen bei schönem Wetter 24 Stunden am Himmel standen.

Wali-ur-Rehmann Mehsud, Nummer 2 der pakistanischen radikalislamischen Taliban, entführt niemanden mehr. Getötet mit sechs Gefolgsmännern im fast lautlosen, von Menschenrechtsaktivisten umso lauter kritisierten Drohnenkrieg, den die USA gegen terroristische Zellen und ihre Mitglieder in Pakistan führen. Getroffen von einem Geschoss aus einer ferngesteuerten Drohne in Nord-Wasiristan. Beigesetzt in der grössten Stadt der Region im Grenzgebiet zu Afghanistan, Miranshah. Ein Sprecher der Tehrik-i-Taliban Pakistan bestätigte den Tod des Top-Terroristen: Der Gotteskrieger ist nun ein Märtyrer.

Verschleppt auf der Indienreise

Wali-ur-Rehmann und die Stadt Miranshah – die Namen wecken bei einem Schweizer Paar ganz besonders düstere Erinnerungen. Im März 2012 gelang Daniela Widmer und ihrem Partner David Och die Flucht aus den Fängen von Taliban-Kämpfern, deren Verbündete sie acht Monate zuvor auf ihrer Rückreise aus Indien verschleppt hatten. Lösegelder seien keine geflossen, sagte daraufhin ein erleichterter Schweizer Aussenminister Didier Burkhalter. Die Schweiz hatte sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt, um die beiden Berner Polizisten zu retten. Ob der Geschichte entbrannte eine heftige Debatte über die Kostenbeteiligung von Schweizern, die sich mit Reisen in gefährliche Weltgegenden selber gefährden.

«Ueli» mehrmals getroffen

Dem Berner Paar gelang die Flucht vor den Männern unter dem Anführer Wali-ur-Rehmann. Den bärtigen Taliban hatten die beiden mehrfach getroffen. Nach dem Tod ihres Peinigers wollen sie der «Nordwestschweiz» kein Interview geben. Denn: Was gibt es zum Tod eines Menschen zu sagen?

An den Top-Terroristen scheinen sie sich aber genau zu erinnern. Daniela Widmer spricht von «Ueli», in Anlehnung an Wali. Auf Geheiss des Aussendepartements, um einen Teil der Kosten ihrer Rettungsversuche mit Präventionsarbeit zu tilgen, haben Widmer und Och der aktuellen Ausgabe des Reisemagazins von «Globetrotter» ein ausführliches Interview gewährt. Darin legen sie dar, wie es zur Geiselnahme gekommen war, wie sie ihre Geiselhaft erlebten und wie ihnen schliesslich die Flucht gelungen ist. Mit ihrer misslichen Situation hatte sich das Paar während der Geiselhaft abfinden müssen. Die beiden trieben Sport, lernten ein paar Brocken Paschtu und versuchten, mit ihren Entführern zu sprechen.

Paradox: Sie erinnern sich genau an das Surren der Drohnen, die ständig über der Stadt kreisten. «Sie waren bei schönem Wetter während 24 Stunden am Himmel», sagt Och im Interview. Der rettende Arm des hochgerüsteten Westens war also präsent. Wenig Grund zur Freude für die Entführten, empfanden sie diese doch als noch grössere Bedrohung als ihre Entführer. Besonders gefährlich war es, sich in der Nähe eines Taliban-Chefs aufzuhalten, haben es die Amerikaner doch gerade auf solche Leute abgesehen. Och im Interview: «Diese permanente Bedrohung in Verbindung mit dem rasenmäherähnlichen Geräusch der Drohnen war eine grosse psychische Belastung.»

Hätte die Drohne den Terroristen «Ueli» nur ein Jahr früher gefunden und eliminiert – wer weiss, ob die beiden Berner noch leben würden.

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