Gewaltiges Staudammprojekt

Der Kampf um den Nil eskaliert: Droht der Welt der erste Wasser-Krieg?

Dieser Damm spaltet Ostafrika: Mit dem Renaissance-Staudamm will Äthiopien Strom produzieren. Ägypten und der Sudan fürchten, dass ihnen das Wasser ausgeht. (Bild: Keystone)

Dieser Damm spaltet Ostafrika: Mit dem Renaissance-Staudamm will Äthiopien Strom produzieren. Ägypten und der Sudan fürchten, dass ihnen das Wasser ausgeht. (Bild: Keystone)

Äthiopien nutzt die Coronakrise, um sein gewaltiges Staudammprojekt voranzutreiben. Ausgerechnet der zerstrittene Sudan soll jetzt vermitteln.

Der Ton wird schriller, die Nerven liegen blank. Noch genau vier Wochen, dann will Äthiopien damit beginnen, das gigantische Becken des «Grand Ethiopian Renaissance Dam»-Staudamms (GERD) mit Nilwasser zu füllen – ohne Rücksicht auf die flussabwärts liegenden Anrainer Ägypten und Sudan.

Die 4,8 Milliarden Dollar teure Staumauer ist zu drei Viertel fertig. Die ersten beiden der 13 Stromturbinen sind einsatzbereit. Ende Juni mit Beginn der Regenzeit soll es losgehen. Fünf Jahre später wäre das 74 Milliarden-Kubikmeter-Reservoir voll.

Dagegen aber sträubt sich Ägypten mit allen Mitteln und schaltete kürzlich sogar den UNO-Sicherheitsrat ein. Die äthiopischen Pläne würden «die Versorgung mit Wasser und Nahrung, ja die gesamte Existenz der über 100 Millionen Ägypter gefährden, deren Lebensgrundlage total von dem Nil abhängt», hiess es in dem 17-seitigen Brandbrief Kairos an das Weltgremium.

© CH Media

Luftabwehrraketen zum Schutz des heiligen Wassers

Äthiopien konterte gereizt. Man sei rechtlich in keiner Weise verpflichtet, die Zustimmung Ägyptens einzuholen, hiess es aus Addis Abeba. Im Übrigen werde die Aufstauung des Blauen Nils starten wie geplant.

Seit fast zehn Jahren versuchen die drei Nil-Nationen bereits, ihre Streitpunkte um das kolossale Stauprojekt zu entschärfen – allen voran die zeitliche Dauer der Befüllung, aber auch die garantierte jährliche Durchflussmenge für Sudan und Ägypten sowie die Pflichten Äthiopiens im Falle einer Dürre. Im November 2019 war die diplomatische Lage so verfahren, dass die Kontrahenten sogar US-Präsident Donald Trump als Vermittler um Hilfe baten – ohne Erfolg.

Mittlerweile hat die Coronakrise den vertrackten Nilstreit von der internationalen Agenda verdrängt. Und Addis Abeba will den globalen Ausnahmezustand offenbar nutzen, um einseitig Fakten zu schaffen. Selbst eine militärische Konfrontation scheint nicht mehr ausgeschlossen. Äthiopien stationierte kürzlich Luftabwehrraketen in der Nähe des Staudamms. Im Gegenzug versetzte Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi seine Armee in höchste Alarmbereitschaft.

Obendrein definiert Ägyptens Verfassung den Schutz der «historischen Rechte» an dem Strom als Staatsziel. Gemeint sind die Abkommen von 1929 und 1959, die von Äthiopien jedoch nie anerkannt worden sind. Mit ihnen sicherten sich die beiden Unterlaufstaaten mit 87 Prozent den Löwenanteil des Flusses – Ägypten 55,5 Milliarden und Sudan 18,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr.

In den gescheiterten Verhandlungen forderte Kairo jetzt während der Fülljahre einen jährlichen Durchfluss von mindestens 40 Milliarden Kubikmetern, Addis Abeba bot lediglich 31 Milliarden. Im Gegenzug verlangte Äthiopien für Dürrezeiten ein Mindestvolumen im Staubecken, damit die Stromturbinen nicht abgeschaltet werden müssen.

Ägypten dagegen pochte auch bei Regenarmut auf eine garantierte Durchflussmenge sowie auf das Recht, die Schleusen vor Ort durch eigene Experten zu überwachen. Kairo argwöhnt, dass sich ihre Widersacher künftig nicht mehr in die Karten schauen lassen wollen.

Der gespaltene Sudan versucht sich als Vermittler

In diesem Klima des Misstrauens versucht ausgerechnet der Sudan, derzeit zwischen den Fronten zu vermitteln, obwohl seine Führung beim Nildossier gespalten ist. Der vor einem Jahr nach dem Sturz von Diktator Omar al-Bashir an die Macht gekommene Ministerpräsident Abdalla Hamdok neigt der äthiopischen Seite zu, weil er und seine Führungsmannschaft lange in Addis Abeba gelebt haben.

Sudans Armeespitze dagegen, darunter der berüchtigte Ex-Milizenchef Mohamed Hamdan Dagalo, sieht sich aus strategischen Gründen fest an der Seite Ägyptens und seinem Potentaten Abdel Fattah al-Sisi.

Letzte Woche allerdings stellte Hamdok bei einem Online-Treffen mit der Führung Äthiopiens klar, auch für Khartum komme eine Befüllung des Beckens ohne umfassenden Vertrag nicht in Frage – ein diplomatischer Teilerfolg für Ägypten.

Nun wollen die Kontrahenten im letzten Moment doch noch einen Ausweg aus der verfahrenen Lage suchen. Man sei zu neuerlichen Verhandlungen bereit, liess Kairo wissen, vorausgesetzt, «dass ein künftiges Abkommen die Wasserinteressen Ägyptens genauso berücksichtigt wie die Wasserinteressen von Äthiopien und Sudan».

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1