Analyse

Desolate Umfragewerte: Warum Trump 100 Tage vor der Wahl mit dem Rücken zur Wand steht

Endet die Amtszeit des 45. Präsidenten der USA nach nur 4 Jahren? Zumindest die Umfragen deuten derzeit darauf hin. Doch Donald Trump wehrt sich.

Endet die Amtszeit des 45. Präsidenten der USA nach nur 4 Jahren? Zumindest die Umfragen deuten derzeit darauf hin. Doch Donald Trump wehrt sich.

Der US-Präsident ist in Bedrängnis geraten: Die Coronakrise setzt seinen Umfragewerten zu. Deshalb setzt er nun auf eine neue Strategie. Die Analyse unseres USA-Korrespondenten.

In weniger als 100 Tagen wählt Amerika einen neuen Präsidenten. Und der Amtsinhaber erfindet sich gerade neu. Nachdem Donald Trump die Coronakrise zu Monatsbeginn als beendet erklärt hatte, gibt der Präsident nun den besorgten Landesvater.

Er wirbt für den Gebrauch von Gesichtsmasken, er ist von seiner Forderung abgekommen, dass sämtliche Schulen nach den langen Sommerferien wieder geöffnet werden müssen, und er hat gar den festlichen Teil des republikanischen Parteitags in Florida abgesagt – obwohl doch hinlänglich bekannt ist, dass Trump danach dürstete, in einer Sportarena von einer tobenden Menschenmenge bejubelt zu werden.

In einem Interview mit einer Internet-Persönlichkeit räumte der Präsident vorige Woche gar ein, dass er seine zahlreichen Wortmeldungen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter «viel zu häufig» bereue.

Trumps Umfragewerte sind im Keller

Man kann von diesem Kurswechsel halten, was man will. Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass Trump plötzlich einen neuen, weniger aggressiven Ton anschlägt, weil er mit dem Rücken zur Wand steht. Unbestritten ist aber, warum der Präsident so kurz vor dem Wahltag einen Neustart versucht: Seine Umfragewerte sind angesichts stetig steigender Coronazahlen desolat.

Donald Trump trägt jetzt sogar Schutzmasken mit Präsidentensiegel.

Donald Trump trägt jetzt sogar Schutzmasken mit Präsidentensiegel.

Nur noch 42 Prozent der Amerikaner unterstützen seine Amtsführung. Landesweit beträgt sein Rückstand auf den demokratischen Herausforderer Joe Biden 8 Prozentpunkte. Selbst in umkämpften Bundesstaaten wie Arizona, Florida, Michigan, North Carolina und Pennsylvania liegt Trump hinter dem ehemaligen Vize von Präsident Barack Obama zurück.

Nun sind demoskopische Erhebungen immer mit Vorsicht zu geniessen, bilden sie doch die aktuelle Stimmung im Land ab und nicht die Lage am Stichtag 3. November. Und dann sind da auch noch die Erinnerungen an das Rennen ums Weisse Haus im Jahr 2016, als die Prognostiker, basierend auf Meinungsumfragen, mit einem klaren Sieg der Demokratin Hillary Clinton rechneten – und dabei zu wenig berücksichtigten, dass die erste weibliche Präsidentschaftskandidatin einer Grosspartei gerade auf dem flachen Land eine äusserst polarisierende Politikerin war.

Die Strategie von 2016 verfängt dieses Mal nicht

Biden aber ist nicht Clinton. Und 2016 ist nicht 2020 – konnte sich Trump doch vor vier Jahren als Geschäftsmann positionieren, der den Sumpf in Washington trockenlegen und der angeblichen Skandalherrschaft der Berufspolitiker ein Ende bereiten werde.

Diese Argumente, die gerade in den gut situierten Vorstädten auf offene Ohren stiessen, ziehen nicht mehr. Sämtliche Versuche, Biden als «Trojanisches Pferd» der extremen Linken darzustellen, haben bisher nicht funktioniert – wohl auch, weil der 77-Jährige dank seiner langen Karriere kein unbeschriebenes Blatt ist.

So spricht Biden oft und gerne darüber, wie gut er sich mit Polizisten, Feuerwehrleuten oder Industriearbeitern versteht. Sein grösster Nachteil, sein Alter, kommt ihm kurzfristig vielleicht gar entgegen, wirkt Biden doch im Vergleich zum Präsidenten nicht wie ein Mann, der das Land auf den Kopf stellen will.

Die Frage, ob Trump eine weitere Amtszeit verdient hat

Das macht Biden zwar nicht zum perfekten Kandidaten – dafür fehlt ihm schlicht das Verständnis dafür, was die Coronakrise für den durchschnittlichen Amerikaner bedeutet. Vielleicht wird die Kandidatin für das Vizepräsidium, die der Demokrat im August präsentieren will, diese Lücken füllen.

Aber die Strategie von Biden, seine Wahlkampfauftritte zu beschränken, und dafür die Pandemie verantwortlich zu machen, ist bisher aufgegangen. Denn diese Wahl dreht sich letztlich nicht um die Frage, ob Joe Biden der perfekte Präsidentschaftskandidat ist – sondern darum, ob der Amtsinhaber vier weitere Jahre im Weissen Haus verdient hat.

Eine klare Mehrheit der Amerikaner ist derzeit, basierend auf den vergangenen 1285 Tagen der Präsidentschaft von Donald Trump, nicht dieser Meinung. Schwer vorstellbar, dass sie eine Kurskorrektur 100 Tage vor dem Wahltag vom Gegenteil überzeugen wird.

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