Coronamassnahmen

Die Grenze ist offen: «Heute beginnt Italien wieder zu leben»

Wiedersehen in Rom: Italiener dürfen wieder im Land reisen - und lange nicht gesehene Angehörige in die Arme schliessen.

Wiedersehen in Rom: Italiener dürfen wieder im Land reisen - und lange nicht gesehene Angehörige in die Arme schliessen.

Die meisten Coronamassnahmen sind gestrichen, doch wirtschaftlich und politisch geht Italien schwierigen Zeiten entgegen.

85 Tage hatte der Lockdown in Italien gedauert - länger als bisher in jedem anderen Land. Doch seit Mittwoch können sich die Bürgerinnen und Bürger in ihrem Land wieder frei bewegen: Die Grenzen zwischen den insgesamt 20 Regionen wurden geöffnet und die Pflicht, einen Passierschein mit sich zu tragen, ist abgeschafft.

«Heute beginnt Italien wieder zu leben», erklärte Regionen-Minister Francesco Boccia. Die Ladengeschäfte, Bars und Restaurants waren schon vor zwei Wochen wieder geöffnet worden; die meisten der zuvor geschlossenen Fabriken und Betriebe konnten ihre Produktion ebenfalls schon am 18. Mai wieder aufnehmen.

Seit gestern sind nicht nur die inneritalienischen Grenzen wieder offen, sondern auch jene zur EU sowie zur Schweiz und Grossbritannien. «Italien ist bereit, wieder Touristen zu empfangen», betonte Aussenminister Luigi Di Maio. Allerdings: Deutschland, die Schweiz, Österreich und viele andere EU-Staaten wollen ihre Grenzen zu Italien noch bis mindestens dem 15. Juni geschlossen halten.

Zumindest auf ausländische Gäste die von der Pandemie besonders stark getroffene Tourismusbranche also noch etwas warten müssen. Di Maio hat für die Zurückhaltung der Nachbarn wenig Verständnis: «Wir sind kein Lazarett», betonte der Aussenminister und verwies auf die drastisch gesunkenen Fallzahlen.

Italien ist als erstes EU-Land von der Coronapandemie getroffen worden - und zählt mit bisher 33600 Toten weltweit zu den Ländern, in denen das Virus am schlimmsten gewütet hat. Durch den von der Regierung von Giuseppe Conte verordneten langen und harten Lockdown konnte die Pandemie - von der Lombardei einmal abgesehen - inzwischen unter Kontrolle gebracht werden: In den Regionen südlich des Po lassen sich die täglich neu gemeldeten Covid-Fälle seit Wochen an einer Hand abzählen.

Die Angst vor der zweiten Welle bleibt

Doch die Furcht vor einer zweiten Welle ist gross: Die Vorschriften zum Distanzhalten und zum Maskentragen in geschlossenen Räumen und öffentlichen Verkehrsmitteln bleiben deshalb bis auf weiteres bestehen. Auch die Schulen werden erst im September wieder geöffnet.

Dennoch: Die Bilder der Militär-LKWs, die in Bergamo die Särge in andere Regionen abtransportierten, werden im In- und Ausland wohl noch lange in der Erinnerung haften bleiben. Und so werden die von der Regierung beschlossenen Grenzöffnungen zum Ausland der Tourismusbranche voraussichtlich erst mittelfristig Linderung verschaffen.

Der unmittelbare Effekt ist praktisch null: Die Passagierzahlen in den italienischen Flughäfen sind um 98 Prozent eingebrochen, und viele Hotels bleiben vorläufig geschlossen: Buchungen verzeichnen die meisten Betriebe, wenn überhaupt, erst ab Juli. Der Tourismus trägt in Italien 13 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei; rund 3 Millionen Beschäftigte sind von der härtesten Krise seit Jahrzehnten betroffen.

Schlimmste Rezession seit Zweitem Weltkrieg droht

Italiens Gesundheitssystem war auf eine Pandemie dieses Ausmasses nicht vorbereitet - und nun droht das Land auch ökonomisch und finanziell von der Krise überfordert zu werden. Die italienische Wirtschaft stagniert seit Jahren und - und droht nun in die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg zu stürzen. Laut Ignazio Visco, dem Präsidenten der italienischen Notenbank, wird die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um mindestens 9 Prozent, eventuell aber sogar um 13 Prozent einbrechen.

Armut und Arbeitslosigkeit werden laut Experten im Herbst, wenn die staatlichen Hilfsprogramme auslaufen, massiv zunehmen. Ohne die Zuschüsse und Kredite aus dem geplanten EU-Wiederaufbaufonds wird das bereits heute hochverschuldete Italien die Krise auch finanziell kaum überstehen.

Aber auch politisch geht das Land unruhigen Zeiten entgegen: Die beiden grossen Regierungsparteien - die Fünf-Sterne-Protestbewegung und der sozialdemokratische PD - trennen grosse ideologische und politische Unterschiede, die nicht einmal die schlimmste Notlage seit Jahrzehnten zu überdecken vermochte. Für den Wiederaufbau nach dem Lockdown ist zumindest bis heute keine gemeinsame Strategie zu erkennen.

Rücktrittsforderungen an die Adresse der Regierung

Die Opposition ist in den Startlöchern: Der Anführer der rechtsnationalen Lega Nord, Matteo Salvini, hat zwar während der Pandemie stark an Popularität eingebüsst - aber «geerbt» hat die rechten Proteststimmen die Chefin der postfaschistischen Fratelli d’Italia, Georgia Meloni.

Salvini und Meloni haben am 2. Juni, dem italienischen Nationalfeiertag, in Rom eine gemeinsame Kundgebung durchgeführt, den Rücktritt Contes und anschliessende Neuwahlen gefordert. Im Moment ist ein solches Szenario unrealistisch - aber im Herbst, wenn die soziale Not tiefer und der Volkszorn grösser wird, könnte die Stunde der Rechtsnationalen und der Post- und Neofaschisten schlagen.

Meistgesehen

Artboard 1