In Russland wird immer wieder gegen Wladimir Putin und sein autoritäres System demonstriert. Doch die Proteste der vergangenen Wochen haben eine neue Dimension erreicht. Entzündet haben sie sich an der Forderung nach der Zulassung von oppositionellen Politikern an den Kommunalwahlen in Moskau, die im September stattfinden. Am Samstag nahmen Zehntausende an der Kundgebung in Moskau teil. Während die Polizei von 20 000 Demonstranten spricht, schätzen andere Beobachter die Zahl auf gegen 50 000. Und die Demonstrationen sind grösstenteils friedlich, im Gegensatz zu den Protesten von 2012, als von den Kundgebungen zum Teil auch massive Gewalt ausging.

Umso brutaler wirken die aktuellen Bilder, die auch in Russland für Entsetzen sorgen. Sie zeigen Polizisten, die mit Schlagstöcken auf friedliche Demonstranten einprügeln. Über 2500 Personen sind bisher verhaftet worden, einigen von ihnen wird bald der Prozess gemacht, es drohen lange Haftstrafen. Davon lässt sich die Opposition jedoch nicht einschüchtern und hat gestern für kommenden Samstag zu neuen Kundgebungen aufgerufen. Die Härte, mit der die Staatsmacht gegen Demonstranten vorgeht, zeugt von einer gewissen Nervosität im Kreml. Die Angst geht um, dass die Stimmung in Moskau sich auf andere Landesteile übertragen könnte – und so zu einem echten Problem für die Machthaber mutieren könnte.

Seit genau 20 Jahren ist Putin in Russland an der Macht. Er wurde vom damaligen Präsidenten Boris Jelzin installiert, der Putin zu seinem politischen Erben auserkoren hatte. Putin war ein politisch unbeschriebenes Blatt, und doch setzten viele Russen – und auch der Westen – Hoffnung in den jungen Politiker. In Berlin hielt er, der aufgrund seiner KGB-Tätigkeit in der DDR fliessend Deutsch spricht, im Herbst 2001 eine viel beachtete Rede vor dem deutschen Bundestag, in der er eine Annäherung zwischen Europa und Russland nach Jahren der Feindschaft im Kalten Krieg beschwor. Putin war auch ein Hoffnungsträger in seinem eigenen Land. Jedoch auf einer ganz anderen Ebene. Nach den chaotischen Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der von vielen Russen als Demütigung empfundenen Schwächung auf der weltpolitischen Bühne erhofften sich viele Bürger eine starke Führung im Kreml, die dem riesigen Land neue Weltgeltung verschaffen würde.

Diese Hoffnung hat Putin lange Zeit erfüllt. Nie waren seine Zustimmungswerte in der russischen Bevölkerung so hoch, wie nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim. Dies wiederum ist der Hauptgrund dafür, weshalb Putin in Europa als Persona non grata gilt. Zu einem Politiker, der mit kriegerischen Mitteln Grenzen versetzt und auch sonst schon den einen oder anderen umstrittenen Waffengang – Stichwort Georgien – unternommen hat, sucht Europa keine Annäherung.

Die sich widerstrebenden Interessen drohen dem System Putin nun Schaden zuzufügen. Die Kommunalwahl in Moskau ist an sich unbedeutend. Aber die Nervosität des Kremls angesichts der jüngsten Proteste zeigt, dass diese Zeichen der Unmut im Volk ernst genommen werden. Die Russen sind unzufrieden mit ihrer Lebenssituation, sie fordern höhere Löhne. Ein noch grösseres Problem für Putin ist die Rentenreform, die er letztes Jahr angestossen hat. Das Rentenalter wurde für Frauen von 55 auf 63 Jahre und für Männer von 60 auf 65 Jahre erhöht . Und das bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 67,5 Jahren für Männer und 69,9 Jahren für Frauen. Solche Reformen bergen sozialen Sprengstoff und kommen beim Volk alles andere als gut an. Der Innenpolitiker Wladimir Putin droht zu scheitern. Und das macht die aktuelle Situation so gefährlich für ihn.

Noch sitzt Putin fest im Chefsessel des Kremls. Doch es gärt im Land, vor allem unter jungen Menschen, die sich vornehmlich über das Internet informieren und sich nicht von der Staatspropaganda einlullen lassen. Sie sind es auch, die nicht der Strahlkraft der untergegangenen Weltmacht Sowjetunion nachtrauern. Und sie sind es auch, die in diesem repressiven System des Wladimir Putin Freiheit einfordern. Vielleicht ist die Transformation Russlands in eine echte Demokratie die Aufgabe dieser Generation.