Kim Jong Un lässt sich von den Drohungen von US-Präsident Donald Trump nicht beeindrucken. Bis Mitte August soll der Einsatzplan stehen, um vier Mittelstreckenraketen vom Typ Hwasong-12 auf die Pazifikinsel Guam abzufeuern, berichteten nordkoreanische Staatsmedien gestern. Die Raketen würden 30 bis 40 Kilometer vor Guam im Meer niedergehen. Der Plan werde Staatschef Kim Jong Un vorgelegt, der über das weitere Vorgehen entscheiden werde.

Der nordkoreanische Diktator droht also nicht mehr damit, Guam direkt zu treffen. Dennoch bleibt die Pazifikinsel im Fadenkreuz Kims. Denn die nur 545 Quadratkilometer kleine Insel ist für die USA als Vorposten am Rande Asiens von grosser strategischer Bedeutung. Deshalb betreibt Washington auf Guam eine Luftwaffen- und eine Marine-Basis. Für die US-Air Force verkürzt sich dadurch verglichen mit Stützpunkten auf dem amerikanischen Festland der Anflug auf Ziele im westlichen Pazifik um Stunden. Von hier starteten im Korea- und im Vietnamkrieg sowie im Irak-Krieg von 1990/91 die US-Bomber. Ausserdem schützen die Amerikaner von Guam aus wichtige Seehandelsrouten. Seit dem Jahr 2000 bauen sie den Stützpunkt denn auch aus. Gegenwärtig sind dort etwa 6000 Soldaten stationiert. Ausserdem Langstreckenbomber, Kampfbomber, Tarnkappenbomber und vier Atom-U-Boote.

Eigener «Quarter» seit 2009

Guam ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts offizielles US-Territorium. Die Amerikaner hatten die Insel 1898 von Spanien erobert, zu dessen Kolonialreich sie gehört hatte. Die Einwohner Guams sind amerikanische Staatsbürger, haben jedoch in Washington kein Mitspracherecht: Ihr Vertreter im US-Kongress hat kein Stimmrecht, und auch bei den Präsidentschaftswahlen werden die Inselbewohner nicht gefragt. Doch gibt es im Rahmen des Gedenkmünzenprogramms «50 States Quarters», das 1999 gestartet wurde, seit 2009 eine spezielle Vierteldollar-Münze für Guam. Auf deren Rückseite sind die Umrisse der Insel abgebildet.

Das Inselchen ist das am weitesten vom amerikanischen Festland entfernte Territorium – mehr als 12 000 Kilometer westlich von Washington. Und eines der wenigen Gebiete der USA, die je von einer fremden Macht erobert wurden. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte Guam in der militärischen Planung der USA noch keine grosse Rolle. Das führte dazu, dass Japan am 8. Dezember 1941, kurz nach dem Überfall auf Pearl Harbour, die Insel eroberte. Erst im Juli 1944 gelang es den Amerikanern, Guam zurückzuholen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Nordkorea Guam droht. Schon 2013 gab es Spannungen zwischen Pjöngjang und Washington. Bei einem «gnadenlosen Einsatz» könnten «moderne Waffen» verwendet werden, tönte der nordkoreanische Generalstab. Damals konnte freilich bezweifelt werden, dass sich die US-Luftwaffenbasis auf Guam in Reichweite der nordkoreanischen Raketen befindet. Das hat sich inzwischen geändert. Mit der Unterstützung der Nato kann Guam im Fall eines nordkoreanischen Angriffs nicht rechnen. Die Insel gehört nicht zu dem Gebiet, für das die Beistandspflicht im Nordatlantikvertrag festgeschrieben wurde. Das bestätigte die Allianz gestern.


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