Grossbritannien

Dieser Ex-Konservative wollte den Chaos-Brexit nicht länger mittragen – und tritt nun als Unabhängiger zur Wahl an

Dominic Grieves Schicksal steht symbolisch für den Rückzug der Mitte aus der britischen Politik.

Dominic Grieves Schicksal steht symbolisch für den Rückzug der Mitte aus der britischen Politik.

Mit erfahrenen Politikern wie dem Ex-Konservativen Dominic Grieve verschwindet die Mitte aus der britischen Politik.

Zwei Stunden lang hat der Mann im grauen Tweed-Anzug geduldig zugehört und Fragen beantwortet, hat den Statements der grünen Kandidatin und der Labour-Vertreterin gelauscht und tapfer die Sticheleien des unabhängigen Brexiteers ertragen. Erst als dieser behauptet, der langjährige lokale Abgeordnete lebe im Londoner Nobelviertel Mayfair, bricht es aus dem Angegriffenen heraus: „Reden Sie nicht solchen Unsinn, ich wohne gar nicht in Mayfair“, schnauzt Dominic Grieve den Mitbewerber unter dem Beifall der Zuhörer an.

Der Saal des Sportzentrums von Richings Park knapp außerhalb des Londoner Autobahnrings hat sich trotz des Sprühregens an diesem kalten Adventsabend halbwegs gefüllt, rund 50 Bewohner dreier Siedlungen, nach dem Hauptort „the Ivers“ genannt, wollen ihren örtlichen Kandidaten auf den Zahn fühlen. Dass sich die konservative Bewerberin entschuldigen lässt, wird mit verärgertem Geraune quittiert. Der Wahlkreis Beaconsfield, an dessen Südostzipfel die Ivers liegen, wählt seit Jahr und Tag stets konservativ, ausgerechnet die mutmassliche neue Unterhausabgeordnete fehlt also.

Zweiundzwanzig Jahre lang hat der Kronanwalt Grieve (63) die Menschen hier im Palast von Westminster vertreten, war innen- und justizpolitischer Sprecher seiner Partei, Generalstaatsanwalt im Kabinettsrang, zuletzt Leiter des Geheimdienst-Ausschusses. Ein solider Konservativer, machtbewusst, pragmatisch, auf Ausgleich bedacht. So einer wird immer und immer wieder gewählt – beim letzten Mal entschieden sich zwei Drittel der Stimmbürger für Grieve.

Das EU-Referendum hat alles verändert. Vom konservativen Parteichef und Premier Boris Johnson aus der Partei geworfen, weil er dessen Kurs auf den Chaos-Brexit nicht mittragen wollte, tritt Grieve nun als Unabhängiger an. Seine Chance im unerbittlichen Mehrheitswahlrecht, wo jeder der 650 Wahlkreise nur eine Frau oder einen Mann nach Westminster schickt, tendiert gegen Null. Anders als auf der irischen Nachbarinsel schaffen Unabhängige in Grossbritannien nur selten den Sprung ins Parlament.

Grieves Schicksal steht symbolisch für den Rückzug der Mitte aus der britischen Politik. Wie er haben sich die gleichaltrige Anna Soubry und Ex-Justizminister David Gauke (48) als Unabhängige sehenden Auges in einen beinahe aussichtslosen letzten Wahlkampf gestürzt. Viele andere Liberalkonservative und gestandene Sozialdemokraten sind gar nicht mehr angetreten: der langjährige Kultur-Staatssekretär Edward Vaizey (51), die früheren Bildungsministerinnen Justine Greening (50) und Nicola Morgan (47), die frühere Innenressorchefin Amber Rudd (56) auf konservativer, Labour-Haudegen wie Ian Austin (54), der bisherige Vize-Parteichef Tom Watson (52) auf der Labour-Seite - in den vorzeitigen Politik-Ruhestand verabschiedet sich eine ganze Generation politischer Schwergewichte im besten Alter. Statt solcher versierter Routiniers, die wissen, dass Kompromisse zum Geschäft gehören, triumphieren die Schreihälse der beiden Extreme – nationalistische Brexiteers auf der einen Seite, hochdogmatische, allzu oft auch antisemitische Sozialisten auf der anderen.

Bei der traditionellen Partei der Mitte, den Liberaldemokraten, haben pragmatische Vertreterinnen der beiden Grossparteien Unterschlupf gesucht und neue Wahlkreise erhalten, ins Unterhaus zurückkehren dürften die wenigsten. In viel zu wenigen Bezirken konnte sich die Opposition darauf einigen, wer die aussichtsreichste Kandidatin, der bestplatzierte Kandidat sein würde, um die Torys aus dem Feld zu schlagen.

In Beaconsfield beispielsweise haben die Liberaldemokraten zu Grieves Gunsten ihre Kandidatin zurückgezogen; Labour und Grüne aber bleiben auf dem Stimmzettel, ohne jede Aussicht auf Erfolg. Schielen sie auf das landesweite Prozentergebnis, das natürlich fällt, wenn nicht in allen Bezirken ein Partei-Vertreter zur Wahl steht? Oder geht es am Ende eben doch mehr um die Treue zum eigenen Lager als das eigentlich alles überschattende Brexit-Thema?

Prominente Gegner des Ende Januar geplanten EU-Austritts riefen unermüdlich zur Wahl solider Brexit-Gegner auf, egal ob die bevorzugte Partei auf dem Stimmzettel vorkommt oder nicht. Tatsächlich wollten Befragungen zufolge ein Drittel der Briten ihre Stimme nach taktischen Gesichtspunkten vergeben, also nicht unbedingt die Partei ihrer Wahl ankreuzen.

Ob das vielleicht doch reicht für Unabhängige wie Dominic Grieve? Im zehnminütigen Gespräch mit dieser Zeitung benutzt der erfahrene Politiker fünfmal das Wort „realistisch“ – ein Signal, dass er 36 Stunden vor Öffnung der Wahllokale schon nicht mehr an seinen Sieg glaubte. Warum also die große Anstrengung, die dem Kandidaten ins graue Gesicht geschrieben steht?

Boris Johnson, lautet die Antwort: „Er ist ein Dauerlügner, sein Vorgehen empört mich. Das ist ein ziemlich starkes Motiv.“

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