Der Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu wird zum Hoffnungsträger der Erdogan-Gegner. Er könnte dem mächtigen Staatschef gefährlich werden.

Wer wird neuer Chef im Istanbuler Rathaus? Bei Twitter kann man es bereits nachlesen. Dort firmiert Ekrem Imamoglu seit dem Montag nach der Wahl als Istanbuler Oberbürgermeister. So trug er sich im Kondolenzbuch am Grabmal des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk ein, als er dessen Mausoleum in Ankara tags darauf besuchte, um dort einen Kranz niederzulegen.

«Kriminelle Machenschaften»

Aber sein künftiges Amtszimmer im Rathaus im Istanbuler Stadtteil Fatih hat Imamoglu noch nicht betreten. Dort sitzt immer noch der bisherige Bürgermeister Mevlüt Zysal von der Regierungspartei AKP. Mehr als zwei Wochen nach der Wahl vom 31. März ist weiter unklar, wer gewonnen hat – Imamoglu oder Erdogans Kandidat Binali Yildirim, ein früherer Premierminister und Parlamentspräsident.

Nachdem die Stimmenauszählung anfänglich einen knappen Vorsprung für Imamoglu ergab, hat die Regierungspartei neue Auswertungen in allen Istanbuler Wahlkreisen beantragt. Danach führt Imamoglu jetzt nur noch mit rund 14 000 Stimmen vor dem AKP-Kandidaten Binali Yildirim – eine hauchdünne Marge bei mehr als 8,9 Millionen abgegebenen Wahlzetteln. Staatschef Erdogan fordert sogar eine Wiederholung der Wahl. Er spricht von «kriminellen Machenschaften». Regierungsnahe Medien schreiben von einem «Putsch an den Urnen».

Dass Erdogan und seine AKP so erbittert um das Istanbuler Rathaus kämpfen, hat Gründe. «Wer Istanbul gewinnt, gewinnt die Türkei», hatte Erdogan vor der Abstimmung erklärt und am letzten Tag des Wahlkampfs nicht weniger als sieben Kundgebungen am Bosporus veranstaltet. Dass Yildirim trotzdem nicht gewann, ist besonders blamabel, weil Erdogan Istanbul bisher als seine Hochburg betrachtete. Hier ist er aufgewachsen, hier begann er 1974 als Bürgermeister seine politische Laufbahn.

Bisher galt Erdogan als unbesiegbar. Aber in Imamoglu hat er einen Kontrahenten gefunden, der ihm Paroli bieten kann – und zwar auf seine Weise. Während Erdogan polterte und polarisierte, führte Imamoglu einen positiven Wahlkampf, verzichtete auf Angriffe, gab sich volksnah und präsentierte sich als künftiges Stadtoberhaupt für alle Bürger Istanbuls. Der heute 49-jährige Betriebswirt, der das familieneigene Bauunternehmen führte, ging erst vor neun Jahren in die Politik. 2014 wurde er zum Bezirksbürgermeister des Istanbuler Stadtteils Beylikdüzü gewählt.

Für Konservative wählbar

Dass Imamoglu kein Berufspolitiker ist, dürfte dem Vater von drei Kindern ebenso geholfen haben wie der Umstand, dass er als gläubiger Muslim auch religiös orientierte Wähler anspricht. Imamoglu, der «Sohn des Imams», so die Bedeutung seines Namens, besuchte im Wahlkampf oft Moscheen, was ungewöhnlich ist für einen Kandidaten der strikt säkular ausgerichteten CHP, für die Imamoglu antrat. Von seiner Familie heisst es, sie stehe der nationalistischen MHP nahe. Das macht Imamoglu auch für rechtskonservative Kreise wählbar. Und weil die pro-kurdische HDP in Istanbul auf einen eigenen Kandidaten verzichtete, bekam Imamoglu überdies die Stimmen vieler kurdischer Wähler. Diese breit gefächerte politische Akzeptanz macht den Kommunalpolitiker, von dem vor einigen Monaten nur wenige überhaupt gehört hatten, für Erdogan zu einem so gefährlichen Gegner.

Deshalb setzt die AKP jetzt alles daran, seinen Einzug ins Istanbuler Rathaus zu verhindern. Imamoglu wirft der Regierung vor, sie wolle mit den Anträgen auf neue Auszählungen Zeit gewinnen – Zeit wofür? Zu gern würde der Bürgermeister in spe wissen, was in diesen Tagen der Ungewissheit im Rathaus vorgeht. Er habe Hinweise, wonach dort Daten gelöscht und Akten vernichtet würden.

Istanbul wird seit Erdogans erstem Wahlsieg 1974 ununterbrochen von der AKP und ihrer Vorgängerin, der islamistischen Wohlfahrtspartei, regiert. Nirgendwo haben die Islamisten so starke Seilschaften aufgebaut und ein so dichtes Netz von Unterstützern und Günstlingen geknüpft wie hier. Keine andere türkische Stadt hat einen so grossen Etat wie Istanbul: umgerechnet 3,6 Milliarden Euro in diesem Jahr. Keine andere Kommune vergibt so viele öffentliche Aufträge. Die Opposition kritisiert seit Jahren, die AKP begünstige bei der Auftragsvergabe regierungsnahe Unternehmer. Insider sprechen von einer «Kette der Glückseligkeit». Das erklärt, warum die AKP alles daransetzt, Istanbul nicht zu verlieren. Erdogan sorgt offenbar bereits vor: Regierungskritische Medien berichten, der Staatschef wolle nun die Finanzhoheit der Kommunen beschneiden. Grössere Ausgaben müssten dann vom Präsidialamt genehmigt werden.

Das Kondolenzbuch mit Imamoglus Eintrag wurde vom Verteidigungsministerium inzwischen aus dem Atatürk-Mausoleum entfernt – auf Erdogans Weisung, wie es gerüchteweise heisst. Selbst wenn die Wahlkommission gegen alle Proteste der Regierung Imamoglu als neuen Bürgermeister bestätigen sollte – der eigentliche Machtkampf hat wohl gerade erst begonnen. Imamoglu ist zuversichtlich, dass er sich behaupten kann. Er glaubt: «Die Guten gewinnen.»