Gesundheitssystem

Dreimal mehr Infizierte als in der Schweiz: Die zweite Welle trifft Belgien mit voller Wucht

Getestet wird nur noch, wer Symptome hat: Belgiens Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps.

Getestet wird nur noch, wer Symptome hat: Belgiens Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps.

In den nächsten Tagen zeigt sich, ob das Gesundheitssystem den Ansturm bewältigen kann. Belgien hält den Atem an.

«Wir stehen vor einem Tsunami», warnte der belgische Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke vergangene Woche mit drastischen Worten. Nachdem das Land bereits im Frühling hart von der Coronapandemie getroffen wurde, droht jetzt auch die zweite Welle voll durchzuschlagen: Fast 16'000 Neuinfektionen wurden im 11-Millionen-Land in den vergangenen 24 Stunden festgestellt.

Und dies, obwohl in den überlasteten Labors nur noch Personen mit eindeutigen Symptomen getestet werden. Asymptomatische Coronapatienten werden gar nicht mehr erfasst.

In der Hauptstadtregion Brüssel haben sich vergangene zwei Wochen über 1800 von 100'000 Einwohnern angesteckt. In der französischsprachigen Wallonie sind es um die 2000. Zum Vergleich: In der Schweiz mit ihren ebenfalls hohen Infektionszahlen liegt die sogenannte 14-Tage-Indzidenz bei rund 650. Also mehr als dreimal weniger.

Mehr als 5000 Patienten in Spitalpflege

Parallel mit den Infektionen steigt die Hospitalisierungsrate: 5290 Personen befinden sich in Spitalpflege. Das ist eine Steigerung um 90 Prozent zur Vorwoche. Unter den 809 Covid-Patienten auf der Intensivstation ist auch die amtierende Aussenministerin Sophie Wilmes. Am letzten Freitag erreichte die Zahl coronabedingten täglichen Todesfälle mit 80 einen vorläufigen Höhepunkt. Seit Ausbruch er Pandemie sind in 10'899 Personen an oder mit Corona verstorben.

Besonders schlimm ist die Situation in der ostbelgischen Industriestadt Lüttich. Die Infektionsrate beträgt hier 2600 auf 100'000 Einwohner – ein Spitzenwert in ganz Europa. Die Spitäler schlagen Alarm: Die nächsten Tage würden entscheidend sein, ob der Ansturm noch bewältigt werden könne. In den Medien ist bereits von einem «Bergamo an der Maas» die Rede, mit Verweis auf den italienischen Corona-Hotspot der ersten Welle.

Völlig überlastetes Gesundheitspersonal

Dabei geht es nicht einmal in erster Linie um die Zahl an Intensivbetten, die im gut ausgebauten belgischen Gesundheitssystem reichlich vorhanden sind. Das Problem ist das überlastete Gesundheitspersonal: An manchen Orten fehlen bis zu 30 Prozent der Angestellten. Viele sind selbst an Covid erkrankt.

Wer einen asymptomatischen Krankheitsverlauf erfährt soll jedoch trotzdem zur Arbeit zu kommen. «Ohne sie würden wir es nicht schaffen», sagt Philippe Devos, Intensivmediziner am Krankenhaus Lüttich und Präsident der Pflege-Gewerkschaft. Bereits haben die belgischen Behörden die Nachbarn Niederlande und Deutschland im Hilfe gebeten.

Stellt sich die Frage, warum gerade in Belgien die Pandemie so heftig wütet? Die Antworten sind vielfältig. Einerseits ist Belgien eines der am dichtesten besiedelten Länder Europas und die Grenzregionen sind eng mit dem Ausland verflochten, was eine Zirkulation des Virus begünstigt.

Die Disziplin hat nachgelassen

Andererseits hat die Disziplin in der Bevölkerung nach den Lockerungen im Sommer nachgelassen. Der komplizierte belgische Staatsaufbau mit seinen vier Sprachregionen und insgesamt neun Gesundheitsministern macht es auch nicht einfacher. Viele Menschen sind von den schnell wechselnden Regeln und dem Politik-Wirrwarr überfordert. Gerade bildungsferne Bevölkerungsschichten würden nur noch ungenügend erreicht.

Aktuell herrscht in Belgien ein Semi-Lockdown: Restaurants und Freizeiteinrichtungen sind geschlossen, auf der Strasse gilt Maskenpflicht. Mehrere Regionen haben eine Ausgangssperre von 22 Uhr bis 6 Uhr verhängt. Wenn die Zahlen nicht besser werden, könnte Ende Woche eine allgemeine Ausgangssperre kommen, so ein Regierungssprecher.

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