Es ist kein Zufall, dass sich die tödliche Gewalt in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia vor einer Woche an Plänen zur Entfernung eines Denkmals für den Bürgerkriegs-General Robert E. Lee entzündete. Für rechtsgerichtete Gruppen und Südstaaten-Romantiker symbolisiert Lee den noblen Kampf gegen einen übermächtigen Feind.

Die geplante Entfernung des Denkmals ist für sie eine Kapitulation vor einem Zeitgeist, in dem die Weissen zunehmend unterdrückt werden. Doch nach Ansicht von Forschern eignet sich Lee nicht als Idol.

Bilder von den gewaltsamen Zusammenstössen in Charlottesville:

Nach dem Willen der Stadtverwaltung von Charlottesville soll die Reiterstatue aus dem Jahr 1924 verkauft und abgebaut werden. Rechtsgerichtete Gruppen haben dagegen geklagt; ein Urteil steht noch aus. Der Park, in dem das Monument steht, wurde jedoch bereits von «Lee Park» in «Emancipation Park» umbenannt – «Park der Sklavenbefreiung».

Auch New York entfernt Büsten

Das Vorgehen der Stadt ist Teil Bestrebungen in Kommunen im ganzen amerikanischen Süden, Denkmäler von Südstaaten-Generälen und -Politikern aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Inzwischen hat die Debatte New York erreicht. Dort sollen Büsten von Lee sowie Thomas «Stonewall» Jackson entfernt werden.

Ein Auslöser der Bewegung war das Massaker von Charleston in South Carolina, bei dem ein weisser Rechtsextremist vor zwei Jahren neun Schwarze erschoss. Vor den Morden posierte der Täter mit der Flagge der Südstaaten-Konföderation aus dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865. Die Flagge wird seitdem auf öffentlichen Plätzen in South Carolina nicht mehr gehisst.

Im amerikanischen Süden ist der Bürgerkrieg bis heute ein Trauma, die Niederlage der sklavenhaltenden Südstaaten gegen den industrialisierten Norden nicht verarbeitet: Viele Menschen sind nach wie vor überzeugt, dass dem Süden damals grosses Unrecht angetan wurde und dass die Region nach dem Krieg vom Norden gedemütigt und ausgebeutet wurde.

General Lee versinnbildlicht für diesen Teil der Gesellschaft den gerechten, wenn auch am Ende vergeblichen Kampf der Südstaaten gegen den weit überlegenen Norden. Er verkörpert den «Stolz des Südens», eine Mischung aus Trotz, Opferrolle, Ehrgefühl und Selbstgerechtigkeit.

Amerikanische Rechtsextremisten und Rassisten benutzen diese Emotionen und übertragen sie auf ihr eigenes Hauptthema: die angeblich zunehmende Benachteiligung von Weissen. Deshalb wurde Charlottesville am Wochenende zum Mekka von Neonazi-Gruppen und dem Ku-Klux-Klan.

Lee galt als militärisches Genie. Zu Beginn des Bürgerkrieges war ihm ein hoher Posten in der Armee des Nordens angeboten worden, was er aber ablehnte. Der aus Virginia stammende General führte stattdessen die Armee der Südstaaten-Konföderation mit einem solchen Geschick, dass der Norden trotz seiner militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit vier Jahre brauchte, um den Krieg zu gewinnen.

Noch während des Krieges wurde Lees Anwesen bei Washington in einen Soldatenfriedhof umgewandelt: Es ist der heutige Ehrenfriedhof der USA in Arlington südlich der Hauptstadt. Der General starb 1870 und wurde in Lexington in Virginia beigesetzt.

Auch militärisch umstritten

Heute rütteln Historiker an lange vorherrschenden Meinungen über Lee. Der angebliche Held war ein überzeugter Anhänger der Sklaverei, die nach seiner Meinung für die Schwarzen besser war als die Freiheit. Zur Bestrafung seiner eigenen Sklaven liess Lee die Opfer auspeitschen und anschliessend Salzlake in die Wunden giessen.

Bei seinen Feldzügen im Gebiet des Nordens wurden freie Schwarze festgenommen und zurück in die Sklaverei des Südens gebracht. Als General tolerierte er die Misshandlung von gefangenen schwarzen Soldaten des Nordens, wie das Magazin «Atlantic» in einem Beitrag unter dem Titel «Der Mythos vom netten General Lee» berichtete.

Auch Lees Taten auf dem Schlachtfeld sind nicht mehr unumstritten. Militärexperten kritisieren, der General habe mit seinen Offensiven tief in das Territorium des Nordens hinein die eigene Niederlage verschuldet. Die entscheidende Schlacht des Bürgerkrieges fand 1863 in Gettysburg in Pennsylvania statt, fast 300 Kilometer nördlich der Südstaaten-Hauptstadt Richmond. Lee verlor die Schlacht und schliesslich auch den Krieg.