Paris ist ins Herz getroffen: In der Notre-Dame-Kathedrale, einem Symbol des Christentums, brach am Montagabend ein Grossbrand aus. Eines der Wahrzeichen der französischen Hauptstadt ist in seiner Gesamtheit bedroht. Der Brand brach nach 18 Uhr im Dachstock aus und löste einen Alarm aus, der die Kirchenbesucher zum Verlassen des Gebäudes zwang. In dem Holzgebälk breitete sich das Feuer mit rasender Geschwindigkeit aus. Die Feuerwehr, nur zehn Minuten nach Brandbeginn vor Ort, konnte nicht verhindern, dass der ganze Dachstock in Brand geriet, gefolgt von der 36 Meter hohen Turmspitze. «Es ist schrecklich», sagte die Vizebürgermeisterin des zuständigen Stadtbezirks, Anne Le Breton, um schluchzend anzufügen: «Das ist ein trauriger Tag für Paris. Was für ein trauriger Tag!» Unmittelbar danach fiel die dünne Turmspitze in das Flammenmeer.

15. April 2019: Notre-Dame in Flammen

Notre-Dame in Flammen

    

Macron verschiebt Rede

Der Moment war umso dramatischer, als sich Präsident Emmanuel Macron um 20 Uhr an die Nation wenden wollte, um Massnahmen zur Besänftigung der Gelbwestenkrise bekanntzugeben. Seine feierliche Ansprache war um 18.45 fertig aufgezeichnet worden, also unmittelbar vor Brandbeginn. Kurz darauf zog das Präsidialamt die Rede zurück: Der Brand eines historischen Wahrzeichens wie Notre-Dame machte die Ausstrahlung der seit Monaten mit Spannung erwarteten Rede im Nu hinfällig. Macron twitterte, er teile «die Emotion der Nation», und begab sich mit seiner Gattin Brigitte an den Ort des Geschehens auf der Île de la Cité, einer der beiden Inseln im Mittelpunkt der französischen Hauptstadt. «Ein Teil von uns brennt», sagte er.

Es war in der Tat ein schmerzhafter Augenblick für Frankreich und die Hunderten von Einwohnern, die sich um die polizeilich gesperrte Stadtinsel scharten. Eine Frau meinte, sie sei nicht als Schaulustige gekommen, sondern als Bürgerin von Paris. Derweil zogen von der Notre-Dame dicke Rauchwolken über die Stadt Richtung Eiffelturm. Aus der ganzen Welt trafen in der Folge alarmierte Reaktionen ein. Der amerikanische Präsident Donald Trump twitterte, es sei «so schrecklich», die brennende Kathedrale zu sehen. Er fragte, ob die Feuerwehr nicht «fliegende Wassertanks» einsetzen könnte, und fügte an: «Es muss schnell gehen!» Die Canadair-Flugzeuge, die in Frankreich für die Bekämpfung von Waldbränden verwendet werden, sind allerdings im Süden des Landes stationiert. Aus Feuerwehrkreisen verlautete zudem, dass das Gebäudeinnere gefährdet wäre, wenn Tonnen von Wasser auf das Gotteshaus einstürzten.

Durch Bauarbeiten ausgelöst?

Die Pariser Feuerwehr war zuerst mit vier Leiter-Fahrzeugen zur Stelle. Einer ihrer Sprecher deutete an, der Brand könnte durch Bauarbeiten ausgelöst worden sein. Der hölzerne Dachstuhl der Kathedrale wird seit einigen Tagen renoviert. Grosse Teile des imposanten Gotteshauses sind deshalb eingeschalt. Es ist allerdings nicht so, dass die Feuerwehr durch die 500 Tonnen schweren Baugerüste behindert wurde. Mehr Mühe bekundeten die Löschequipen mit der Höhe des Brandherdes sowie der Entfernung, aus der sie wegen Bodenhindernissen den Brand bekämpfen mussten.

Michel Izard, ein Journalist, der vergangene Woche einen Dokumentarfilm über die Renovation von Teilen der Kathedrale gedreht und ausgestrahlt hatte, berichtete, es sei Ziel der Bauarbeiten gewesen, die 250 Jahre alte Turmspitze zu erneuern. Das habe ein riesiges Baugerüst erfordert. Das ganze Dachgerippe habe aus Eichenholz bestanden. Während des Brandes stachen die brennenden Balken wie ein Fischgerippe in den rot gefärbten Abendhimmel.

Die Unesco, die in Paris ansässige Kulturorganisation der UNO, drückte in einem Communiqué ihre Solidarität mit den Einwohnern von Paris aus. In Gefahr sei ein «unschätzbares Kulturerbe» der Welt. Bei Redaktionsschluss stand in der Tat nicht fest, wie weit die Kathedrale in ihrer Gesamtheit bedroht war. Bauexperten rechneten damit, dass die gewaltigen Flammen auf das darunterliegende Innere der Kathedrale übergreifen könnten. Eine ältere Frau, die regelmässig die Sonntagsmesse in der Notre-Dame besuchte, erklärte mit Tränen in den Augen, als Katholikin verliere sie die Hoffnung nicht.

Die Bewohner der beiden Inseln wurden evakuiert. Unklar war vorerst, ob dies auch für das neben der Kathedrale gelegene Spital Hôtel-Dieu galt. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo stelle den Evakuierten ein Auffanglager zur Verfügung. Derweil breitete sich das Flammenmeer aus. Auch drei Stunden nach Brandausbruch blieben die Wasserschläuche machtlos.