Reccep Tayyip Erdogan

Ein tödlicher Trick in der Türkei – der viel zu lange Weg ins Gefängnis

Kennt keine Gnade für politische Gefangene: der türkische Präsident Reccep Tayyip Erdogan.

Kennt keine Gnade für politische Gefangene: der türkische Präsident Reccep Tayyip Erdogan.

Die Türkei quält Angehörige von inhaftierten Regimekritikern mit einem perfiden Trick. Manchmal endet er tödlich.

Selahattin Demirtas wartete in seiner Zelle umsonst auf seine Eltern: Unterwegs zum Besuchstermin im Gefängnis von Edirne, 1500 Kilometer von seiner Heimat entfernt im äussersten Westen der Türkei gelegen, verunglückten die Angehörigen des inhaftierten Kurdenpolitikers am Freitag auf der Autobahn. Vater, Mutter und Schwester liegen schwer verletzt im Spital, während Demirtas hilflos in seiner Zelle sitzt und sich vor «Wut und Trauer» verzehrt, wie seine Ehefrau erzählt.

Einmal wöchentlich steht sie vor dem Morgengrauen auf, fliegt quer durchs Land von Diyarbakir nach Istanbul und muss von dort aus noch 250 Kilometer mit dem Auto fahren – alles unter Zeitdruck, um die Besuchsstunde nicht zu verpassen.

Anschliessend hetzt sie zurück, um den letzten Rückflug zu erreichen und um Mitternacht wieder bei den Kindern in Diyarbakir zu sein. 3000 Kilometer am Tag, einmal die Woche, seit drei Jahren. Und alles, obwohl Demirtas nach einem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes überhaupt nicht hinter Gittern sein sollte.

Das Unglück, bei dem Demirtas’ Eltern und seine Schwester schwer verletzt wurden, beleuchtet die grausame Praxis der türkischen Behörden, ihre politischen Gegner möglichst weit entfernt von ihren Heimatorten zu inhaftieren. Immer wieder verunglücken Eltern, Kinder oder Eheleute von Gefangenen auf der Fahrt zu Besuchsterminen, manche tödlich – doch die Regierung lässt sich vom Flehen der Familien nicht erweichen.

Beispiele gibt es viele. Der junge Lehrer Burak Aydin verlor im vergangenen Jahr seine Mutter, seinen Bruder, die Schwägerin und den achtjährigen Neffen, als diese auf dem Rückweg von einem Besuchstermin verunglückten.

Der 27-jährige Aydin sitzt wegen des Vorwurfs von Verbindungen zur Bewegung von Fethullah Gülen im Gefängnis – und zwar im südostanatolischen Mardin, rund 750 Kilometer weit weg von seiner Heimat am Schwarzen Meer.

Nach der Beerdigung der Töchter zurück in den Knast

Vergeblich flehte auch der Lehrer Evren Civelek die Behörden an, ihn in ein anderes Gefängnis zu verlegen, um seiner Frau und den kleinen Kindern die 350 Kilometer weite Anreise von Düzce ins zentralanatolische Keskin zu ersparen. Drei Eingaben reichte der wegen Gülen-Nähe inhaftierte Lehrer im vergangenen Jahr bei der Staatsanwaltschaft ein; alle wurden abgeschmettert.

Seine Familie verunglückte am 7. Dezember 2018 auf dem Weg zum Besuchstermin: Civeleks Mutter, seine beiden kleinen Töchter – drei und acht Jahre alt – und sein Schwiegervater starben. Nur seine Frau überlebte schwer verletzt. Der Lehrer bekam zwei Tage Freigang, um seine Kinder und seine Mutter zu beerdigen. Im Gefängnis, wo er noch 25 Jahre bleiben soll, verliere er nun den Verstand, sagt seine Frau.

Landesweit sitzen in der Türkei fast 50000 Menschen wegen politischer Vorwürfe im Gefängnis. «Viele betagte Mütter und Väter haben ihre Kinder seit Jahren nicht mehr sehen können», schrieb Basak Demirtas, die Ehefrau des inhaftierten Kurdenpolitikers, nach dem Unfall am Wochenende auf Twitter. «Ich rufe Politik und Öffentlichkeit auf, diese Folter zu beenden.»

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