Genital-Beschneidung

«Ein Weckruf für den restlichen Kontinent»: Der Sudan verbietet die Genitalverstümmelung bei Mädchen

Die Beschneidung gilt in vielen Ländern als Mittel zur Kontrolle über die Frau, ihren Körper und ihre Sexualität.

Die Beschneidung gilt in vielen Ländern als Mittel zur Kontrolle über die Frau, ihren Körper und ihre Sexualität.

Obwohl die Praxis in vielen Regionen des Landes als Tradition gilt, hat die sudanesische Übergangsregierug nun entschieden, die Beschneidung unter Strafe zu stellen. Doch kann das Verbot auch durchgesetzt werden?

Meist sind die Mädchen zwischen fünf und sieben Jahre alt, wenn ihnen mit Rasierklingen und Glasscherben die Genitalien weggeschnitten werden – ohne Narkose und oft mit schlimmen gesundheitlichen Folgen und Problemen: schwere Blutungen, Probleme beim Wasserlassen, Zysten und Infektionen, sowie Komplikationen bei der Geburt und ein erhöhtes Risiko für den Tod des Neugeborenen sind nur einige wenige der möglichen Komplikationen nach einer Beschneidung.

Trotz all der möglichen Gesundheitsprobleme ist die Tradition der Beschneidung der weiblichen Geschlechtsteile seit jeher in vielen afrikanischen Ländern verbreitet. Schätzungen der UNO zufolge sind bis zu 200 Millionen Frauen aus der Welt beschnitten und verstümmelt – das ist eine von 20 Frauen weltweit.

Eines der am stärksten betroffenen Länder ist der Sudan, wo rund 87 Prozent der Frauen im Alter zwischen 14 und 49 Jahren in irgendeiner Form an ihren Geschlechtsteilen beschnitten oder verstümmelt sind.

Der Podcast zum Thema Genitalverstümmelung

Warum gibt es die Genitalverstümmelung überhaupt? Wo ist sie verbreitet? Und wie viele Betroffene gibt es – auch hier in der Schweiz? Diese Fragen beantworten wir im Podcast.

Bereits während der letzten Jahre gab es lokal vermehrte Bestrebungen, die Beschneidung zu unterbinden. Meist nur mit sehr mässigem Erfolg.

Nun hat, zum ersten Mal in der Geschichte des Landes, die sudanesische Übergangsregierung entschieden, der Praxis einen Riegel zu schieben, die Verstümmelung mittels eines nationalen Gesetzes zu verbieten und unter Strafe zu stellen: Wer ein Mädchen verstümmelt, muss drei Jahre ins Gefängnis.

Es sei «ein Schritt in die richtige Richtung», lässt sich das Kinderhilfswerk Save the Children zitieren. Es sei wichtig, dass das Land seinen internationalen Verpflichtungen nachkomme und die Rechte und die Gesundheit von minderjährigen Mädchen schütze. Viel zu lange hätten es Regierungen toleriert, dass Mädchen in ihrem Recht auf Gesundheit, Sicherheit und körperliche Unversehrtheit verletzt worden seien.

«Mädchen sollten nicht länger dieser Verletzung ihrer Menschenrechte ausgesetzt sein, die auf kulturellen Praktiken beruht, die tief in der Ungleichheit der Geschlechter verwurzelt sind», sagt Eric Hazard, der Direktor der Panafrikanischen Kampagne. Der Entscheid der sudanesischen Regierung sei ein Weckruf für den restlichen Kontinent, nun endlich entschieden und entschlossen gegen die Beschneidung vorzugehen.

Übergangsregierung mit nur wenig Macht

Jedoch dürfe es im Sudan nun nicht nur alleine bei diesem Gesetz bleiben, sagt Arshad Malik, Länderdirektor von Save the Children im Sudan. «Da die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung nach wie vor in kulturelle und soziale Normen eingebettet ist, müssen die Bemühungen fortgesetzt werden, das Bewusstsein der Gemeinschaft für diese schädliche Praxis zu schärfen.» Darüber hinaus müssten Gesetzeshüter, Richter und Gemeindevorsteher im Sudan nun für das neue Gesetz sensibilisiert und geschult werden, sodass eine wirksame Umsetzung überhaupt erst zu gewährleisten sei.

Ob das Verbot, das nun für den ganzen Sudan gilt, auch wirklich durchgesetzt werden kann, ist fraglich. Denn bereits während der letzten Jahre haben mehrere Lokalregierungen im Sudan die Beschneidung verboten – of nur mit sehr mässigem Erfolg, da die Tradition der Beschneidung gerade in ländlichen Gebieten weiterhin sehr stark verbreitet und auch weitherum akzeptiert ist.

Zudem ist der Sudan nach wie vor ein sehr instabiler Staat. Die Übergangsregierung unter Ministerpräsident Abdalla Hamdok hat im bürgerkriegsgeschüttelten Land nur bedingt Kontrolle über den ganzen Staat. Vor allem in ländlichen Regionen hat der in der Hauptstadt Khartum ansässige «Souveräne Rat» nur wenig Macht.

Ob und wie das Verbot der Genitalverstümmelung in diesen Teilen des Landes durchgesetzt werden kann, das bleibt offen. Doch dass nun überhaupt solch ein Gesetz verabschiedet wurde, darf als ein wichtiges und entscheidendes Zeichen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung gewertet werden.

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