Gastkommentar

Es sind schwarze Frauen, denen wir diesen historischen Moment verdanken – nicht Joe Biden

Kamala Harris soll Joe Bidens Vizepräsidentin werden. Sie wäre die erste schwarze Frau in diesem Amt.

Kamala Harris soll Joe Bidens Vizepräsidentin werden. Sie wäre die erste schwarze Frau in diesem Amt.

Der Kandidat der Demokraten entscheidet sich für Kamala Harris. Dass ausgerechnet sie als Vizepräsidentschaftskandidatin aufgestellt wird, ist das Resultat langer, anstrengender politischer Initiativen und Bewegungen.

Kamala Harris soll Joe Bidens Vizepräsidentin werden. Das hat der demokratische Kandidat für das Weisse Haus am Dienstag bekanntgegeben. Die Liste von potenziellen Kandidaten für das zweithöchste Amt im Land sah ganz anders aus als bei vergangenen Wahlen.

Schon vor Monaten hatte Biden entschieden, auf eine Frau zu setzen. Und die Massenproteste gegen Polizeigewalt an Schwarzen, die auf die Ermordung von George Floyd folgten, setzten Biden unter Druck, eine schwarze Kandidatin aufzustellen.

Aufgrund der einzigartigen Umstände, in denen sich Amerika derzeit befindet, geht die historische Bedeutung von Bidens Wahl für eine schwarze Vizepräsidentin beinahe unter. Die Symbolwirkung ist dennoch gewaltig. In der Geschichte Amerikas wurden bis gestern nur drei Frauen von einer der beiden grossen Parteien als Vizepräsidentschaftskandidatinnen aufgestellt. Und keine wurde je im Amt vereidigt.

Eine schwarze Frau, das gabs noch auf keinem Präsidentschaftsticket

Und: Nur eine einzige schwarze Person hat bislang die Nominierung als Präsidentschaftskandidat geschafft – und wurde gewählt. Eine schwarze Frau aber, das gabs bislang noch nie auf einem Präsidentschaftsticket.

Kamala Harris' Leben in Bildern:

Als Barack Obama 2008 die Wahlen gewann, glaubten viele Amerikaner, der Rassismus sei überwunden. Schlagzeilen wie «Der Traum wurde wahr» oder «Obama hat den Berg erklommen» liessen uns glauben, mit der Wahl eines schwarzen Präsidenten sei der Traum des Bürgerrechtlers Martin Luther King Wirklichkeit geworden. Man klopfte sich auf die Schultern und gratulierte sich zum Erfolg.

Der Rückschlag aber folgte bald. Hassgruppierungen erhielten Zulauf. Neun Schwarze wurden in einer Kirche in Charleston von einem Rassisten erschossen, der rassistische Ku-Klux-Klan durfte in der Stadt Charleston öffentlich eine Rally durchführen. 2016 schliesslich wurde ein Mann ins höchste Amt des Landes gewählt, der immer wieder durch rassistische Äusserungen und entsprechende politische Entscheidungen auffällt.

Amerika ist noch längst nicht geheilt

Das zeigt: Obamas Wahlsieg vor nunmehr zwölf Jahren war ein wichtiger symbolischer Schritt auf dem Weg zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft, aber Amerika ist noch längst nicht geheilt vom Trauma der Sklaverei und ihrer Folgen. Rassismus bleibt eines von Amerikas drängendsten Problemen. Und er ist längst nicht verschwunden. Er hat nur seine Erscheinungsform verändert.

Bis heute sind Afro-Amerikaner gegenüber ihren weissen Mitbürgern in fast sämtlichen Belangen benachteiligt: Sie sterben doppelt so häufig im Kindsalter, landen siebenmal häufiger im Gefängnis oder erhalten fünfmal häufiger eine Absage bei ausgeschriebenen Immobilien. Die Bürgerrechtsbewegung NAACP hat kürzlich sogar in einer Erhebung herausgefunden, dass ein Weisser mit Vorstrafe bessere Chancen hat, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als ein Schwarzer ohne Vorstrafen.

Die Bereitschaft weisser Amerikaner, den strukturellen Rassismus als reales Problem zu erkennen, war im Laufe der Geschichte sehr unterschiedlich ausgeprägt. In bestimmten Momenten – während der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er-Jahren, zum Beispiel – war das Bewusstsein für das Problem so gross, dass tatsächlich bestimmte Veränderungen angestossen wurden (die Bürgerrechts- und Wahlgesetze Mitte der 1960er-Jahre, zum Beispiel).

In anderen entscheidenden Momenten aber passierte gar nichts. Im Verlauf der vergangenen Dekade hat sich die Debatte über den Rassismus in den USA aber stark verändert. Schon vor der Ermordung von George Floyd und vor der Coronapandemie - die schwarze Bürger überdurchschnittlich heftig traf, wie eine Untersuchung des Beratungsunternehmens McKinsey jüngst zeigte – wurde das von Redaktionen und Firmen rund um den Globus aufgegriffen. So intensiv wie jetzt hat Amerika und hat die Welt schon lange nicht mehr über Rassismus gesprochen. Eine Mehrzahl der Amerikaner steht laut jüngsten Erhebungen hinter der wachsenden Black-Lives-Matter-Bewegung.

Amerika steht jetzt, drei Monate vor den Wahlen, an einem entscheidenden Punkt. Die Menschen werden täglich aufs Neue mit dem Thema Rassismus konfrontiert. Bücher wie «Weisse Zerbrechlichkeit» und «Wie man zum Anti-Rassisten wird» stehen seit Wochen auf den Bestsellerlisten. Im Netz diskutieren Eltern über anti-rassistische Erziehungsmethoden und ich als schwarze Frau erhalte immer wieder Nachrichten von weissen Bekannten, die mir mitteilen, dass sie unbedingt mehr über das Thema Rassismus und wie ich damit umgehe lernen wollen.

Schwarze sind massiv untervertreten

Das sind Anfänge. Aber sie reichen nicht. Um wirklichen Wandel herbeizuführen, muss Amerika einen viel grösseren Schritt wagen: Die politische Macht im Land muss fairer verteilt werden. Ein Grossteil unserer Entscheidungsträger sind noch immer weiss. Die Schwarzen sind gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil massiv untervertreten. Amerika wird den Rassismus nicht hinter sich lassen können, ohne daran etwas zu ändern.

Dass Kamala Harris jetzt als Vizepräsidentschaftskandidatin aufgestellt wurde, ist das Resultat langer, anstrengender politischer Initiativen und Bewegungen. Schwarze Frauen wie etwa Tarana Burke, die Urheberin des Begriffs #MeToo, haben diese Bewegungen immer wieder aufs Neue angestachelt und damit das politische System mächtig durchgerüttelt. Dass schwarze Frauen Amerika auf ihren Schultern tragen, das ist nicht neu. Neu ist – auch hier – die Form ihres Engagements.

Die nie vorher dagewesene Kraft dieser Bewegung ist es, was diesen Moment so vielversprechend macht – und nicht etwa Joe Bidens Entscheidung. Anders als noch 2008, als Obama gewählt wurde, haben eine Mehrheit der Amerikaner jetzt erkannt, wie tief verwurzelt der Rassismus in unserem Land noch immer ist. Zum ersten Mal seit Langem glaube ich, dass wir nicht nur den Willen, sondern auch die Kraft haben, daran etwas zu ändern.

Aria Florant

Aria Florant Aria Florant ist Mitbegründerin von Liberation Ventures, einer gemeinnützigen Organisation, die die Bewegung für Rassenreparatur in den USA vorantreibt. Sie hat einen Bachelor-Abschluss aus Stanford, einen MBA von der Wharton School und einen MPA von der Harvard Kennedy School of Government. Sie lebt in Washington, DC.

Aria Florant

Aria Florant ist Mitbegründerin von Liberation Ventures, einer gemeinnützigen Organisation, die die Bewegung für Rassenreparatur in den USA vorantreibt. Sie hat einen Bachelor-Abschluss aus Stanford, einen MBA von der Wharton School und einen MPA von der Harvard Kennedy School of Government. Sie lebt in Washington, DC.

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