Südamerika

Explosion der feudalen Demokratien

Demonstranten liefern sich in Santiago de Chile heftige Strassenschlachten mit den Sicherheitskräften. Bild: Miguel Arenas/AP

Demonstranten liefern sich in Santiago de Chile heftige Strassenschlachten mit den Sicherheitskräften. Bild: Miguel Arenas/AP

Venezuela, Ecuador, Haiti, Honduras und jetzt auch noch Chile: In Lateinamerika brechen Frust und Verteilkämpfe aus.

Als in Ecuador Anfang Oktober wegen einer Benzinpreiserhöhung die Barrikaden brannten, trat Chiles konservativer Präsident Sebastián Piñera stolz vor die TV-Kameras und verkündete, so etwas sei in seinem Musterland undenkbar. «Chile ist eine Oase, eine stabile Demokratie.» So schien es: Ein Land mit konstantem Wirtschaftswachstum, problemlos verlaufenden Machtwechseln, dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Region und der modernsten Infrastruktur.

Jetzt, keinen Monat später, musste Piñera selbst den Ausnahmezustand verhängen angesichts der gewaltsamen Massenproteste, entzündet an einer Erhöhung der Metropreise. Piñera, selber Multimillionär und kein U-Bahn-Benutzer, hatte die von Schülern begonnenen Demonstrationen erst nicht ernst genommen. Doch zwei Themen sind seit je explosiv in Lateinamerika und haben Bürgerkriege ausgelöst und Regierungen gestürzt: eine Bodenreform und eine Erhöhung der Transport- und Energiepreise.

Erst, als sich weite Teile der Gesellschaft mit den Schülern solidarisierten und Vandalen Busse anzündeten und Supermärkte plünderten, kam eine späte und überzogene Reaktion: Piñera setzte zum ersten Mal seit der Diktatur Panzer und Streitkräfte ein und kriminalisierte die Demonstranten. Es sei ein «Krieg gegen einen mächtigen Feind», rechtfertigte er sich. Wie schon zuvor in Ecuador machten die Regierenden ohne Beweise eine kommunistische Verschwörung für die Unruhen verantwortlich.

Der ungleichste Kontinent

Die Proteste bringen ein tiefer liegendes Unbehagen zum Vorschein: Den Frust breiter Gesellschaftsschichten über eine Demokratie, die ihre Versprechen nicht gehalten hat und in Machtmissbrauch und autoritäre Praktiken abgleitet. Sie leidet unter Korruption, Vetternwirtschaft, Straffreiheit. Nur noch 48 Prozent der Lateinamerikaner sind laut einer Umfrage von 2018 zufrieden mit der Demokratie. Dass der Unmut jetzt explodiert, hat auch mit der Wirtschaft zu tun.

In Zeiten der Stagnation müssen die Regierungen den Gürtel enger schnallen. Die Versuchung ist gross, die Kosten auf die untersten Gesellschaftsschichten abzuwälzen. Lateinamerika ist nicht nur der gewalttätigste, sondern auch der ungleichste Kontinent.

Deshalb brennt es überall: In Haiti, wo seit Monaten Hunderttausende den Rücktritt des Präsidenten Jovenel Moise fordern – ein dubioser Bananenkönig, der von der US-Regierung auf diesen Posten gehievt wurde. Oder in Honduras, wo seit Monaten Proteste an- und abschwellen gegen einen vom armen Schlucker zum Millionär gewordenen Präsidenten, der sich mit Wahlbetrug im Amt gehalten hat. Vom Krisenkind Venezuela ganz zu schweigen.

Historisch gewachsene Strukturen als Hindernis

So unterschiedlich diese Länder sind, sie eint die Tatsache, dass sie von reichen Eliten regiert werden, die in einer realitätsfremden Blase leben. Das Grundübel liegt aber in einer historisch gewachsenen Wirtschaftsstruktur, die keines der Länder überwunden hat. Schon in der Kolonialzeit hatte Lateinamerika die Rolle des Rohstofflieferanten. Auf die Unabhängigkeit folgte der erste industrielle Aufschwung Europas – was den lokalen Eliten erlaubte, dank des transatlantischen Handels grosse Vermögen anzuhäufen.

Weder die Aufklärung noch die Industrialisierung schlugen Wurzeln in Lateinamerika; die Strukturen blieben extrem ungleich und feudal – der periodisch auftauchende starke politische Führer, der Caudillo, ist dafür ein Symbol. Auch die Globalisierung brachte keine Verbesserung. Die Pläne der Weltbank preisen die Ausbeutung der Rohstoffe als schnellsten Weg zur Entwicklung. Die zweite Stufe – die Industrialisierung der Rohstoffe – hat wegen des Widerstands der Industrieländer und des Finanzkapitals kaum ein Land geschafft.

Denn das bräuchte eine Dosis Protektionismus und langfristige Planung – das rentiert sich nicht für eine Regierung, die sich in vier oder fünf Jahren zur Wiederwahl stellen muss. Eine Umverteilung der Rohstoff-Überschüsse oder Schulden machen, ist wahltechnisch vielversprechender.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1