40. Jahrestag

Heimtückischer Bombenanschlag: Die vergessenen Schweizer Opfer des Oktoberfest-Attentats

Ein Sarg wird am 26.09.1980 vom verwüsteten Tatort beim Oktoberfest in München (Bayern) weggetragen.

Ein Sarg wird am 26.09.1980 vom verwüsteten Tatort beim Oktoberfest in München (Bayern) weggetragen.

Karl Rietmann überlebte das Attentat vor genau 40 Jahren leicht verletzt. Jetzt spricht er erstmals über die schlimmste Nacht seines Lebens.

Am späten Abend des 26. Septembers 1980 durchdrang ein fürchterlicher Knall die bierselige Stimmung auf der Münchner Theresienwiese. Gegen 22.20 Uhr explodierte auf dem grössten Volksfest der Welt eine Bombe. Sie befand sich in einem Mülleimer am Haupteingang zur Festwiese.

Der Sprengsatz bestand aus einer abgesägten britischen Mörsergranate, in die der Treibgasbehälter eines Feuerlöschers gesteckt war, erläutert der deutsche Investigativjournalist Ulrich Chaussy. Er hat sich jahrzehntelang mit dem Oktoberfest-Attentat beschäftigt.

Zwölf Festbesucher starben, darunter war ein Schweizer, der Appenzeller Ernst Schläpfer (Name geändert). Über 200 Menschen wurden durch die Explosion teils lebensgefährlich verletzt. Die Tragödie ging als Oktoberfest-Attentat in die Geschichte ein. Der Anschlag mit rechtsextremistischem Hintergrund gilt als folgenschwerster Terrorakt in der deutschen Nachkriegszeit.

Was in dieser Nacht passierte

Nur mit viel Glück überlebte der Schweizer Karl Rietmann den heimtückischen Bombenanschlag. Der gelernte Maurer war damals 33 Jahre alt. Mit kräftiger Stimme erzählt der 73-jährige Zürcher am Telefon von der schlimmsten Nacht seines Lebens – in dieser Ausführlichkeit zum ersten Mal. Niemand habe sich für seine Geschichte interessiert, sagt er, und er habe diese auch nicht publik machen wollen.

Karl Rietmann Anfang der 1980er: Er überlebte den Oktoberfest-Anschlag leicht verletzt.

Karl Rietmann Anfang der 1980er: Er überlebte den Oktoberfest-Anschlag leicht verletzt.

«An diesem Septembertag, es war ein Freitag, herrschte ideales Wiesn-Wetter», sagt Rietmann. «Den ganzen Tag verbrachte ich in Begleitung von Elke und Jochen, eines befreundeten Paares aus Deutschland. Wir tranken reichlich Bier und versuchten unser Glück in Schiessbuden. Beim Dosenwerfen gewann ich ein Plüschtier, das ich Elke schenkte.»

Gegen 22 Uhr machte sich das Trio auf den Weg Richtung Ausgang, «in der Absicht, in einer Kneipe auf der gegenüberliegenden Strasse bei Bier und Blasmusik den Abend ausklingen zu lassen», so Rietmann. «Der Ausgangsbereich war rappelvoll. Ich musste dringend pinkeln gehen und verschwand kurz hinter einer Plakatsäule. Während ich dort meine Notdurft verrichtete, wurde ich durch eine Druckwelle zu Boden geworfen.»

Karl Rietmann stand unter Schock. Seine rechte Ferse blutete stark. Sie war vermutlich von einem Metallsplitter verletzt worden. «Ich hatte höllische Schmerzen und hörte die Schreie der Verletzten. Überall lagen leblose Körper. Neben mir sah ich eine junge Frau im Dirndl liegen. Überall war Blut. Es war wie auf einem Schlachtfeld.»

Ein Rettungswagen brachte den Schweizer in eine Münchner Klinik, wo man ihn ambulant behandelte. Noch in der gleichen Nacht konnte er das Spital verlassen. «Ich hatte ein Heer von Schutzengeln. Die grosse Plakatsäule war meine Rettung.» Trotz diesem traumatischen Erlebnis ist Karl Rietmann unternehmenslustig geblieben. Danach hat der sportliche und gesellige Rentner das Oktoberfest noch drei weitere Mal besucht.

Nicht alle Festbesucher sind so glimpflich davon gekommen wie er. Die Bombe riss Ernst Schläpfer in den Tod. Der Buschauffeur aus dem Appenzeller Land besuchte zusammen mit seinem Freund Karl das Oktoberfest. Karl überlebte den Anschlag schwer verletzt.

Das gerichtsmedizinische Institut München stellte an Schläpfers Leiche schwere Verletzungen am Rücken, an den Beinen und am Kopf fest. Er hinterliess seine 29-jährige Frau und zwei kleine Buben. Der gewaltsame Tod ihres Mannes habe sie so sehr erschüttert, dass sie es nicht geschafft habe nach München zu reisen, um dort Ernsts Leiche zu identifizieren, sagt seine Frau Ruth am Telefon. Es ist das erste Mal, dass die 69-jährige Rentnerin in der Öffentlichkeit über ihren Schicksalsschlag spricht. Ihre tiefe Stimme klingt müde und verlebt. Es fällt ihr schwer, über das tragische Geschehnis zu sprechen.

«Ich habe meinen Frieden gefunden»

Nach der Einäscherung wurde die Urne in die Schweiz überführt. Aus Deutschland bekam sie eine fünfstellige Entschädigungszahlung zugesprochen. Für sie war das ein schwacher Trost: «Ich habe das Geld dankbar angenommen. Doch was sind ein paar zehntausend Franken für ein Menschenleben?»

Gegen den Täter empfinde sie heute keinen Groll mehr. «Ich habe meinen Frieden gefunden. Seit mehreren Jahren lebe ich wieder in einer glücklichen Beziehung am Bodensee.»

Am Tatort erinnert heute eine Denkmal an die Opfer des verheerenden Anschlags vor genau vierzig Jahren. Bis heute sind die Hintergründe der hinterhältigen Tat nicht restlos aufgeklärt worden. Der mutmassliche Attentäter Gundolf Köhler, ein 21-jähriger Geologie-Student aus Donaueschingen in Baden-Württemberg, starb bei der Bombenexplosion. Die Untersuchungsbehörden gingen davon aus, dass Köhler die Tat allein geplant hatte, die Bombe selbst zusammengebaut und am Tatort abgelegt hatte.

Dass es das Werk eines Einzeltäters gewesen sein soll, wurde von Anfang an öffentlich angezweifelt. Der Journalist Ulrich Chaussy deckte zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten auf. 2014 ordnete der deutsche Generalbundesanwalt die Wiederaufnahme der Ermittlungen an, mit dem Ergebnis, dass der Anschlag nun offiziell als rechtsextreme Tat eingestuft wird. Ob die Hintermänner jemals ermittelt und juristisch zur Rechenschaft gezogen werden können, gilt als unwahrscheinlich. Denn im Juli 2020 sind die Akten endgültig geschlossen worden.

Vor wenigen Tagen kündigte die Bundesregierung die Schaffung eines Solidaritätsfonds für die Verletzten und Hinterbliebenen des Anschlags in Höhe von 1,2 Millionen Euro an.

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