Vor nicht einmal zwei Wochen standen sich Nord- und Südkorea noch spinnefeind gegenüber. Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un wetterte ohne Unterlass gegen Südkorea, den «Vasallenstaat der USA». Zehntausende Artillerie-Geschütze sind auf die südkoreanische Hauptstadt Seoul gerichtet. Auf der anderen Seite der Grenze provoziert Südkorea seinerseits mit regelmässigen Manövern. Nun kommt die plötzliche Wende: Vertreter beider Länder reichen sich die Hand.

Mitten in der sogenannten entmilitarisierten Zone im Grenzort Panmunjom ist es am Dienstagmorgen erstmals seit über zwei Jahren zu einem Treffen zwischen ranghohen Vertretern der beiden verfeindeten Länder gekommen. Südkoreas Vereinigungsminister Cho Myoung Gyon und sein Stellvertreter Chun Hae Sung betraten um exakt 10 Uhr von Süden kommend die berühmte blaue Baracke, die sich exakt auf dem Grenzstreifen befindet.

Die Machthaber in Pjöngjang schickten ihren Chefunterhändler Ri Son Gwon. Die Baracke ist der einzige Ort, an dem es seit dem Waffenstillstandsabkommen von 1953 offizielle Treffen zwischen beiden Seiten gibt. Keiner von beiden Seiten muss gegnerisches Territorium betreten. Über einen breiten weissen Tisch schüttelten sie sich vor laufender Kamera die Hände und lächelten sogar.

Entspannung durch Olympia

Eigentlich wollten beide Seiten nur über Nordkoreas Teilnahme an den Olympischen Winterspielen sprechen, die in einem Monat im südkoreanischen Pyeongchang beginnen. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hatte in seiner Neujahrsrede vor zehn Tagen überraschend die Einladung Südkoreas in Erwägung gezogen – und damit eine Entspannungspolitik eingeleitet, auf die Südkoreas linksliberaler Präsident Moon Jae In seit Monaten gehofft hatte.

Doch nach Nordkoreas Raketentests der vergangenen Monate und der Zündung einer unterirdischen Wasserstoffbombe war das Verhältnis zerrütteter denn je. US-Präsident Donald Trump mit seinen Hasstiraden auf Twitter gegen Kim und den gegenseitigen Beleidigungen verschärften den Konflikt auf der koreanischen Halbinsel zusätzlich.

Nun sagte Nordkoreas Chefunterhändler nicht nur die Teilnahme seines Landes an den Winterspielen zu, sondern kündigte an, auch eine hochrangige Delegation mit staatlichen Vertretern schicken zu wollen. Südkorea wiederum bot an, dass die Sportler beider Staaten bei Eröffnung und Abschluss der Spiele gemeinsam ins Stadion einmarschieren.

Sollte sich Nordkorea darauf einlassen, wäre diese Geste das stärkste Bild der Versöhnung der vergangenen Jahre. Südkoreas Wiedervereinigungsminister Cho sprach von einem «guten Geschenk», das dem Wunsch der Koreaner nach festeren Beziehungen nachkomme.

Zuletzt liefen die beiden Koreas bei den Winterspielen 2006 in Turin unter gemeinsamer Flagge ins Stadion. Damals wirkte noch die sogenannte Sonnenscheinpolitik nach, mit der Südkorea die Teilung der Koreanischen Halbinsel friedlich lösen wollte. Sie fand mit Nordkoreas Wiederaufnahme seines Atomwaffenprogramms ein jähes Ende.

Cho schlug beim Treffen am Dienstag zudem vor, das Programm zur Wiedervereinigung von Familien wieder aufzunehmen, die seit dem Krieg von 1953 voneinander getrennt sind. Die letzte Zusammenführung gab es im Herbst 2015. Als Gegenleistung bot Südkorea Militärgespräche an. «Beide Staaten müssen versuchen, Frieden und Versöhnung durch Dialog zu erreichen», sagte Gyons Stellvertreter Chun. Das Ziel müsse sein, sämtliche Atomwaffen auf der koreanischen Halbinsel abzubauen.

Warnung vor zu viel Euphorie

Mit diesem Vorstoss könnten allerdings die USA ein Problem haben. Zwar hat Trump die Annäherung beider Koreas grundsätzlich begrüsst und Seouls Wunsch entsprochen, das bereits geplante gemeinsame Frühjahrsmanöver direkt im Anschluss der Spiele zu verschieben. Doch US-Militärs warnen vor zu viel Euphorie. Nordkoreas Machthaber werde sich nicht mit symbolischen Gesten zufriedenstellen lassen, sondern rasch eine Lockerung der Sanktionen fordern, heisst es aus US-Kreisen.