Interview

Kriegsfotograf Dominic Nahr: «In Somalia habe ich ein Dutzend Kinder gesehen, die vor mir gestorben sind»

Der Krisen- und Kriegsfotograf Dominic Nahr in seinem Studio in Zürich.

Der Krisen- und Kriegsfotograf Dominic Nahr in seinem Studio in Zürich.

Der Schweizer Kriegsfotograf Dominic Nahr im Gespräch über die Macht der Bilder, eine Begegnung auf einer Sumpfinsel, seinen klapprigen Landrover und ein neues Buch, das Kriegsüberlebende portraitiert.

Konflikte und Kriege sind eng mit unserer Geschichte verbunden. Denn seit es Menschen gibt, bekriegen sich Staaten, Gruppen oder Ethnien gegenseitig. Aus genau so einem Konflikt heraus entstand das Kinderhilfswerk Save the Children, das sich seit über 100 Jahren in den von Krisen und Kriegen betroffenen Staaten für die Rechte, den Schutz und die Unterstützung von Kindern einsetzt.

Zum 100 jährigen Bestehen der Organisation gab das Hilfswerk zusammen mit dem Schweizer Kriegsfotograf Dominic Nahr ein Buch heraus, das Überlebende aus den letzten 11 Jahrzehnten – seit dem Ersten Weltkrieg – portraitiert und ihre Geschichten erzählt. Sie alle haben etwas gemeinsam: Auch wenn die Überlebenden der Weltkriege mittlerweile schon über hundert Jahre als sind, sie alle haben einen Krieg als Kind über- und erlebt.

Ein Kinderhilfswerk, das ein hintergründiges Buch zu vergangenen Konflikten herausgibt und ein Fotograf, der sich eigentlich vor allem auf Aktualität konzentriert – wie kam es zu diesem Buch-Projekt?

Dominic Nahr: Ich arbeite schon seit einigen Jahren mit Save the Children zusammen. Und für das 100-jährige Bestehen wollten wir etwas neues ausprobieren und nicht nur über 100 Jahre sprechen, sondern auch 100 Jahre zeigen. Dadurch konnten wir eben nicht nur Kinder portraitieren, sondern auch erwachsene Menschen, die als Kinder den Ersten und Zweiten Weltkrieg in Europa mit- und überlebt haben. Es waren dann auch diese Begegnungen, etwa mit dem 107-jährigen Herr Karl, die mir in spezieller Erinnerung blieben. Denn Geschichten aus dieser Zeit zu hören, sind speziell und es gibt nur noch wenige Menschen, die von ihren Erlebnissen aus den zwei Weltkriegen erzählen können.

Sie haben für dieses Buch elf Personen aus elf verschiedenen Konflikten der letzten elf Jahrzehnte portraitiert. Gibt es etwas, das diese Menschen alle verbindet?

Ja, ich denke es spielt keine Rolle, wo die Menschen wohnen, mit denen ich gesprochen habe und wie viele Kriege sie miterlebt haben. Sie alle versuchten oder versuchen noch heute, irgendwie durch das Leben zu kommen. Es geht bei Menschen in Krisen vor allem um eines: das Überleben. Und das verbindet alle diese Personen.

Sie waren nicht nur für dieses Buch auf der Welt unterwegs, sondern auch schon zuvor. Eine wichtige Destination bei Ihrer Arbeit war immer Afrika. Warum?

Das kam fast schon automatisch. Ich bin damals bei meiner ersten Afrika-Reise am Flughafen von Kigali, der Hauptstadt Ruandas, angekommen und fühlte mich einfach zuhause. Die Menschen sind extrem herzlich und warm, es ist immer etwas los und es gibt extrem viele Geschichten zu erzählen – positive wie aber auch negative und sehr dramatische. Dazu kam, dass es zu dieser Zeit gerade in Ostafrika nicht viele Fotografen und Journalisten gab, sodass ich mich in Nairobi niederliess und dort während zehn Jahren von der Hauptstadt Kenyas aus in Afrika umherreiste.

Eindrücke aus dem Buch «Ich lebe»:

Sie haben negative, wie auch positive Geschichten angesprochen. Die haben Sie vielleicht vor Ort erlebt, in Europa hören wir aber fast nur negative Geschichten aus Afrika.

Das hat etwa, ja. Natürlich ist es wichtig, auch die guten Dinge zu sehen, denn die gibt es ja. Aber als Fotograf konzentriere ich mich vor allem auf Geschehnisse und Ereignisse die prägend sind und wir dürfen bei unserer Arbeit nicht ignorieren, dass in Afrika – aber natürlich auch anderswo – tragische Dinge passieren, welche positive Ereignisse in ihrer Tragweite übersteigen. Darüber müssen wir berichten und diese dokumentieren, das ist extrem wichtig. Dazu kommt auch, und das liegt nicht nur an den Medien, dass das Interesse an Problemen grösser ist, als an positiven Meldungen. Ein Innovationsprojekt im Kibera-Slum in Nairobi ist zwar spannend, eine Hungersnot in Somalia stösst aber einfach auf grösseres Interesse.

Rebellen in Nigeria, Bürgerkrieg in Kongo-Kinshasa, die Hungersnot in Somalia: Immer nur über negative Dinge zu berichten und diese auch noch zu fotografieren, das geht irgendwann wohl auch an die Substanz.

In der jeweiligen Situation nicht, nein. Das kommt irgendwann später – bei mir dauerte es etwa zehn Jahre, bis das alles in mir hoch kam. Vielleicht war das etwas zu spät. In der akuten Situation vor Ort jedoch ignoriert man alles um sich und schaltet auch seine eigenen Sensoren ab und beginnt das Geschehene zu fotografieren. Ich glaube nicht, dass ich immer gleich alles wahrgenommen habe.

Soll heissen?

Ich habe in Somalia etwa ein Dutzend Kinder gesehen, die vor mir gestorben sind und bei Massakern in einem anderen Staat die teilweise verstümmelten Leichen von an die hundert Menschen vorgefunden. Doch in dem Moment nimmt man das nicht wahr, man ist in seinem Modus und macht die Bilder um die Geschichte erzählen zu können. Dazu kommt, dass ich meist von einem Land ins nächste gereist bin. Ich war während Monaten im Südsudan, dann im Kongo. Immer wieder trifft man dabei auf solche Bilder, doch man hat seinen Rhythmus und macht seine Arbeit. Wäre ich zwischen den Reisen jeweils nach Hause in die Schweiz und hätte Zeit für mich gehabt, dann hätte ich wohl anders reagiert. Doch so hatte ich kaum Zeit, die Erlebnisse zu verarbeiten. Das kam, wie gesagt, erst viel später.

Sie reisen vom einen Konflikt zum nächsten. Zynisch gesagt, verdienen Sie Ihr Geld mit dem Leid anderer Menschen.

Wenn man damit Geld verdienen würde, dann ja. Aber es ist so, dass viele Krisen- und Kriegsfotografen eher mit einem Mindestlohn auskommen und vieles aus privater Kasse bezahlen, weil es ihnen wichtig ist, als dass wir mit teuren Autos umherfahren. Wir sind aber in einer anderen Dimension reich: Wir haben Privilegien. Denn während wir über Krisen berichten und dann wieder abreisen können, bleiben die Menschen, über die wir berichten, die wir fotografieren, vor Ort und können nicht so einfach abreisen wenn es zu heiss wird, wie wir.

Zur Person: Dominic Nahr

Dominic Nahr wurde 1983 in Heiden im Kanton Appenzell Ausserrhoden geboren und wuchs in Hong Kong auf, wo er mit 22 Jahren auch seine Berufung fand, als er für eine Hongkonger Zeitung tagelang gewaltsame Proteste mit der Kamera begleitet. Danach zog es den Fotografen nach Nairobi, die Hauptstadt Kenyas, von wo aus er während 10 Jahren Afrika und die Welt bereiste und von diversen Krisenherden berichtete Welt. Seine Bilder erscheinen unter anderem Time Magazine, dem New Yorker oder dem Wall Street Journal. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und ist Preisträger eines World Press Photo Award.

Dominic Nahr wurde 1983 in Heiden im Kanton Appenzell Ausserrhoden geboren und wuchs in Hong Kong auf, wo er mit 22 Jahren auch seine Berufung fand, als er für eine Hongkonger Zeitung tagelang gewaltsame Proteste mit der Kamera begleitet. Danach zog es den Fotografen nach Nairobi, die Hauptstadt Kenyas, von wo aus er während 10 Jahren Afrika und die Welt bereiste und von diversen Krisenherden berichtete Welt. Seine Bilder erscheinen unter anderem Time Magazine, dem New Yorker oder dem Wall Street Journal. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und ist Preisträger eines World Press Photo Award.

Sie haben viele solcher Situationen erlebt, in denen es «zu heiss» wurde?

Das war ein Grund, warum ich gerne in Afrika gearbeitet habe. Man kann sich relativ gut und frei bewegen und ohne grosse Probleme durch verschiedene Länder reisen. Zudem habe ich auch immer mit lokalen Kontakten und ortskundigen Fahrern zusammengearbeitet, so dass ich nur wenige Situationen erlebt habe, in denen es wirklich sehr gefährlich wurde. Dazu kam auch, dass ich ja selber in Afrika lebte. Mein alter Land Rover war wohl in einem schlechteren Zustand als die meisten Autos der Einheimischen. Es dachte daher kaum jemand, dass ich ein reicher Europäer bin, der mit viel Geld im Land umherreiste. Auch so konnte ich Probleme vermeiden.

Gibt es bei all diesen Eindrücken und Erlebnissen auch Momente, die Ihnen in Erinnerung bleiben oder passierte schlicht zu viel in zu kurzer Zeit?

Es ist schwierig, sich auf ein Ereignis zu fokussieren, denn es passierte wirklich sehr viel. Aber es gibt natürlich Momente, die einem bleiben. Als ich zum Beispiel im Südsudan arbeitete, stiess ich in einem Feldspital auf einen kleinen Jungen, dem man ein Bein amputieren musste. Einige Zeit später traf ich an einem völlig anderen Ort im Südsudan, auf einer Sumpfinsel, per Zufall wieder auf genau diesen Jungen. Und dies in einer Region, in welcher sich tagtäglich etwa 300'000 Flüchtlinge ohne zu Hause von einem Ort an den anderen Bewegen. Ich hatte Tränen in den Augen denn ich hätte in meinem Leben nicht damit gerechnet, diesen Jungen nochmals zu sehen.

Dominic Nahr für das Buch «Ich lebe» Menschen aus elf verschiedenen Konflikten und Kriegen portraitiert.

Dominic Nahr für das Buch «Ich lebe» Menschen aus elf verschiedenen Konflikten und Kriegen portraitiert.

Wann kommt eigentlich der Moment, in dem man sich entscheidet, Krisen- oder Kriegsfotograf zu werden?

Das war auch etwas Glück mit dabei. Ich wuchs damals in Hong Kong auf und begann schon früh damit, Fotos zu machen – etwa von meiner Familie oder einer Klassenfahrt in Laos. Dadurch kam ich in Kontakt zu einem Mitglied des Foreign Correspondents Club (einer Vereinigung von ehemaligen und aktuellen Korrespondenten und Kriegsreportern, Anm.d.Red.), der meine Fotos sah und meinte, ich hätte Talent. Ich begann dann einige Zeit später für eine Hongkonger Zeitung, Bilder von mehrtägigen Massenprotesten zu machen. So entdeckte in meine Berufung. Ich entschied mich, dies auszuprobieren und es hat gut für mich funktioniert.

«Gut funktioniert» ist wohl etwas bescheiden. Sie haben für die renommiertesten Magazine und Zeitungen der Welt fotografiert.

(lacht) Das stimmt. Ich musste mich zu einem gewissen Zeitpunkt entscheiden, für welche Art der Berichterstattung ich Bilder machen würde. Mir hat die Magazin-Berichterstattung, die über die Tagesaktualität herausgeht, sehr gefallen. Dadurch ergaben sich dann Zusammenarbeiten etwa mit dem Time Magazine, dem New Yorker oder auch dem Wall Street Journal. Dies hatte aber auch seinen Preis. Ich musste sehr engagiert sein, hatte kaum Freizeit und habe mich nur auf die Arbeit konzentriert. Ich denke, man muss sich einen Namen machen und wirklich ein guter Fotograf sein, damit die Bilder die man macht, auch gesehen und verwendet werden.

Sie sagen, Ihre Bilder müssen gesehen werden. Glauben Sie denn, dass Sie mit Ihren Fotografien, der Macht der Bilder, auch wirklich etwas bewegen oder verändern können?

Nun, es ist sicher so, dass in schnelllebigen Zeiten viel auch wieder vergessen wird. Aber es ist wichtig, dass wir Zeitgeschehen dokumentieren, so dass auch in Zukunft auf Krisen und Kriege zurückgeblickt werden kann und Zeitdokumente bestehen. Wichtig ist, dass wir Geschichten mit Bildern tiefer erzählen und nicht nur über die News berichten, da Bilder richtig gezeigt werden und in den Kontext gehoben werden müssen. Dann kann es durchaus sein, dass Bilder etwas bewegen oder sogar eine Veränderung anstossen.

Was ist denn ein Bild, das uns zwar bewegt, aber den Kontext nicht zeigt?

Wir erinnern uns an das Bild des kleinen Aylan Kurdi, der tot an den Strand von Bodrum in der Türkei angespült wurde. Solche Bilder bleiben zwar in Erinnerung, da sie tragisch sind und ich denke auch, dass ein solches Bild wichtig ist. Aber leider gibt es den grösseren Kontext, den Bürgerkrieg in Syrien, die Flüchtlingskrise, nicht wieder.

Das Bild des dreijährigen Jungen Aylan Kurdi, der am 2. September 2015 tot an den Strand einer Hotelanlage in Bodrum (Südtürkei) angespült wurde, ging um die Welt.

Das Bild des dreijährigen Jungen Aylan Kurdi, der am 2. September 2015 tot an den Strand einer Hotelanlage in Bodrum (Südtürkei) angespült wurde, ging um die Welt.

Sie haben sicher recht, dieses Bild bewegte die Menschen damals. Aber: Kaum ist ein Problem vorbei, kommt das nächste. Ich gebe Ihnen ein aktuelles Beispiel. In Burkina Faso in Westafrika nimmt die systematische Kindes-Entführung durch Terror-Milizen stark zu. Soldaten überfallen Schulen, erschiessen Lehrer und entführen kleine Kinder um sie zu Soldaten auszubilden. Dramatischer geht es kaum. Aber wie viele Menschen werden sich in einigen Wochen noch an diese Bilder erinnern?

Das stimmt, in der Alltagsberichterstattung ist das sicher so. Eine News, ein Bild und am nächsten Tag geht es mit einer anderen News und einem anderen Bild weiter. Das ist ein Problem, das man als Fotograf hat. Man erreicht mit seinem Bild meist nur ein sehr spezifisches Publikum. Man fotografiert und dokumentiert, aber es hängt im Endeffekt davon ab, was die Zeitung, welche die Bilder verwendet, damit macht. Und die Bilder sehen ja dann auch nur die Menschen, welche diese Zeitung auch abonniert haben. Darum habe ich mich auch für dieses Buch entschieden. Anders als bei einer Zeitung, die tagesaktuell ist, können Save the Children und ich mit diesem Buch ein Zeitdokument liefern, dass auch in zehn Jahren noch gelesen werden kann. Denn wir berichten darin nicht nur über den Krieg, sondern über das Leben der Menschen und deren Entwicklungen. Somit können wir einer Krise mehr Kontext geben und dafür bin ich Save the Children auch enorm dankbar. Denn ohne sie, hätte dieses Projekt nicht realisiert werden können.

Für dieses Buch haben Sie die Welt bereist. Auch davor waren Sie viel unterwegs. Dann kam Corona.

Und Corona hat mein Leben und meine Arbeit komplett verändert. Ich lebe, um umherzureisen und nun bin ich zum ersten Mal seit 16 Jahren fix an einem Ort – und dann auch noch in der Schweiz, wo ich geboren wurde. Ich bin sonst immer etwa alle zwei Monate woanders. Mittlerweile bin ich seit gut acht Monaten hier in Zürich und ich denke, diese Vollbremsung tat mir gut, um auch einmal abzuschalten und zu reflektieren. Denn dafür habe ich sonst fast nie Zeit.

Und fühlen Sie sich hier denn nun auch zuhause?

Ja, auf jeden Fall. Das ist auch etwas, was mit im Ausland aufgefallen ist. Im Ausland fühlt man sich sehr schweizerisch, trifft sich mit anderen Expats, denen es ähnlich geht. Für mich war die Schweiz immer etwas wie ein «Märliland»: Ich hatte Geschichten meiner Eltern im Kopf vom Seealpsee oder dem Säntis. Ich hatte daher immer einen Bezug zur Schweiz. Daher fühle ich mich jetzt auf jeden Fall zu Hause aber ich möchte nicht für immer hier bleiben, sondern wieder reisen und fotografieren können. Es fehlt mir, Geschichten zu erzählen.

Meistgesehen

Artboard 1