Wieder brannten rund 30 Autos, diesmal gleich in 15 Vororten Stockholms.

Seit Sonntag, als erstmals Dutzende Jugendliche Scheiben einschlugen, Feuer legten und sich Schlachten mit der Polizei lieferten, weiten sich die Krawalle jede Nacht aus.

Geschäfte, eine Schule, eine Polizeistation und fast 100 Autos brannten seither, Feuerwehrleute und Polizisten wurden mit Steinen beworfen. «Wie ein Guerillakrieg», sagte ein Polizeisprecher. Verhaftet wurden bisher ein Dutzend Personen, 12- bis 25-jährig, viele bereits als Kleinkriminelle polizeilich registriert.

Als Auslöser für die Krawalle gilt ein Polizeieinsatz letzte Woche in Husby, einem der Vororte mit hoher Arbeitslosigkeit und 80 Prozent Einwohnern mit Migrationshintergrund.

Dabei wurde ein geistig verwirrter Mann getötet, als er Polizisten mit einem Messer angriff. Darauf kam es zu Protesten der Anwohner.

Vermummte Jugendliche und die Polizei gerieten aneinander. Die Jugend-Organisation Megafonen spricht von Gewalt der Beamten und von rassistischen Beschimpfungen.

Junge Männer seien als «Affen» und «Neger» bezeichnet worden. Die Polizei, die bisher kein Mittel gegen die Vandalen fand, sagt, sie habe eine enorme Gewaltbereitschaft angetroffen.

Betonblöcke aus den 1960er Jahren

«Es hat wenig gebraucht, und das Fass ist übergelaufen», erklärt Rouzbeh Djalaie, der Chefredaktor einer Lokalzeitung in Nord-Stockholm.

Den Jugendlichen fehle eine Perspektive, über ein Drittel sei arbeitslos. Zudem sei das Verhältnis zur Polizei seit Jahren angespannt, es gebe immer wieder willkürliche Kontrollen. Dennoch kommt es für Djalaie überraschend, dass Stockholm jetzt mit Paris und London verglichen wird, wo es in den letzten Jahren massive soziale Unruhen gab.

Husby, Rinkeby oder Tensta sind in den 1960er- und 1970er-Jahren im Rahmen eines Wohnprogramms der Regierung aus dem Wald rund um Stockholm gestampfte Siedlungen aus Betonblöcken.

Diese wurden seither mehrfach saniert und verschönert. Husby mit seinen 11 000 Einwohnern sieht denn auch nicht verwahrlost oder verarmt aus. Auch wenn die Blöcke und die integrierte Ladenstrasse etwas Trostloses haben, ist es zwischen den Häusern grün und tagsüber friedlich. Es gibt Kinderspielplätze, Cafés, eine Bibliothek.

Dennoch ist weggezogen, wer es sich leisten kann - vor allem die gebürtigen Schweden. Die Vororte sind zu Sammelbecken für Einwanderer geworden, viele davon Flüchtlinge aus Afrika und Nahost.

Die Anzahl Asylsuchender hat sich in Schweden 2012 gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Für sie fehlen Jobs in einem Land, das zwar einen sehr hohen Lebensstandard aufweist, in dem aber die Unterschiede zwischen vermögend und arm schnell wachsen.

Die Integration funktioniert schlecht, es bleibt die grosszügige Sozialhilfe.

Probleme, wenn auch nicht in diesem Ausmass, gab es in den Vororten in den letzten 20 Jahren mehrfach. Aber sie verschwanden wieder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit; Lösungen fand die Politik nicht.

«Sie handeln aus Langeweile»

«Mit meinem Namen erhalte ich auf jede Bewerbung gleich eine Absage», erzählt Hassan, ein dreifacher Familienvater aus Eritrea. Er kritisiert wie alle im Zentrum Husbys die Krawalle: Gewalt löse keine Probleme, sagt er. Seine Kinder fürchteten sich jetzt, zur Schule zu gehen.

Die Täter gehörten hart bestraft, ergänzt eine Frau unter einem Schleier. «Sie handeln einfach aus Langeweile». Es fehle nicht nur an Arbeit, sondern auch an Freizeitbeschäftigungen.

Schwedens konservativer Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt wurde kritisiert, als er die Gewalt der Jugendlichen verurteilte und gleichzeitig erklärte, die Bewohner der Vororte könnten am besten etwas dagegen tun.

Hassan gibt ihm teilweise recht: Die Eltern müssten ihre Verantwortung wahrnehmen. Doch viele Familien hier «funktionieren nicht mehr».

Zudem sei aus Spargründen der Jugendclub geschlossen worden, ein Ärztezentrum, die Post. «Natürlich bekommen wir das Gefühl, vergessen zu gehen.»