Covid-19

Island kämpft per App gegen Corona – das funktioniert erstaunlich gut

Junge Leute vor einer Bar in Reykjavik - trotz Corona, dank einer App.

Junge Leute vor einer Bar in Reykjavik - trotz Corona, dank einer App.

Bei der Öffnung der Gesellschaft sollen Handy-Apps die Rückverfolgung von Ansteckungen ermöglichen. Ein Vorbild für die Schweiz?

Mit Kontakt-Apps werden Menschen, die mit einer positiv getesteten Person in Kontakt waren, rasch und einfach gefunden. Dadurch können sie in Quarantäne gesetzt werden, bevor sie unwissend das Coronavirus verbreiten. Für Europa sind dabei die in Asien verwendeten Apps undenkbar, da sie die Privatsphäre aushebeln und den Behörden eine tiefgreifende Überwachung erlauben, beispielsweise indem sie Bewegungen der Bürger aufzeichnen.

Datenschutzbedenken haben denn bisher auch die Entwicklung im Westen gebremst, obwohl in vielen Ländern, darunter auch der Schweiz, daran gearbeitet wird. Island hat jedoch Anfang April als erstes europäisches Land eine Kontakt-App lanciert, Österreich hat nun nachgezogen.

Wie funktioniert eine solche App? Entscheidend ist, dass sie – auch wenn die Installation freiwillig ist – von einem Grossteil der Bevölkerung genutzt wird. Dies ist in Island gut geglückt: Bisher hat mehr als ein Drittel der 360000 Einwohner die App namens Rakning C-19 aufs Handy geladen – während es in Österreich erst knapp 5 Prozent sind. Die Apps registrieren, wenn sie in die Nähe der App auf einem anderen Smartphone kommt, wenn also zwei Personen Kontakt haben.

Dabei wird nicht jede kurze Begegnung festgehalten, sondern der Kontakt muss während 10 bis 15 Minuten stattfinden – die Zeit, in der man sich anstecken könnte. Bluetooth-Funksignale oder GPS-Daten messen den Abstand.

Der Code ist frei zugänglich

Wird eine Person positiv auf Corona getestet, senden in Island die Gesundheitsbehörden eine Mitteilung auf deren Handy. Gibt sie ihr Einverständnis, werden mit den anonymisiert gespeicherten Kontaktdaten jene Personen benachrichtigt und zur Quarantäne aufgefordert, die sich in den letzten zwei Wochen in der Nähe der erkrankten Person aufgehalten haben. Die Daten werden auf dem Handy gespeichert und nach Verwendung gelöscht.

In Norwegen, wo die Daten zentral auf einem Server gespeichert werden sollen, hat dies zu Protesten und Verzögerungen geführt. In Island dagegen war die Datenschutzbehörde von Anfang an in die Entwicklung miteinbezogen. Der Programmiercode ist öffentlich zugänglich, kann also überprüft und weiterentwickelt werden.

Schweizer sind bei Entwicklung einer internationalen App dabei

Die App erzielt in Island eine besonders gute Wirkung, weil das Land von Anfang an enorm viele Tests gemacht hat, auch bei Personen ohne Symptome. Bis heute sind 10 Prozent der Bevölkerung getestet; in der Schweiz sind es 2,5 Prozent. Möglich gemacht hat dies eine isländische Biotechfirma, die auf Genetikforschung spezialisiert ist. Mit dem hohen Testvolumen sowie einem grossen Team, das telefonisch potenzielle Kontaktpersonen aufgespürt hat, war die Atlantikinsel schon ohne App mit der Eindämmung von Covid-19 sehr erfolgreich; Tausende wurden in Quarantäne gesetzt, während Kindergärten und Primarschulen sowie die meisten Geschäfte offen blieben. Am 4. Mai will das Land eine breite Öffnung zulassen: Sämtliche Gymnasien, Hochschulen sowie Coiffeure, Zahnärzte und Museen werden wieder öffnen, Versammlungen bis 50 Personen erlaubt.

In Österreich stellt das Rote Kreuz eine App zur Verfügung, die auf der Technologie des Zürcher Start-ups Uepaa beruht. Bei einer ersten Version war es noch nötig, die App jedes Mal zu aktivieren, wenn man sich jemandem näherte. In einer neuen, an Ostern veröffentlichten Version werden Kontakte nun auch automatisch registriert, sofern die Nutzer dies wünschen. Die App hat bei Experten ein gemischtes Echo hervorgerufen: Noch sind etwa Fragen des Datenschutzes umstritten, zudem wird die Zuverlässigkeit der Bluetooth-Messung angezweifelt.

Anderswo läuft noch die Entwicklungsphase, unter anderem in einem Projekt mit 130 Experten aus mehreren EU-Ländern, darunter auch Forschern der ETH Lausanne. Diese App soll international funktionieren, so dass die Rückverfolgung in mehreren Ländern möglich wird – was wichtig wäre, wenn Reisen wieder erlaubt ist. Die beiden Tech-Konzerne Google und Apple haben zudem angekündigt, gemeinsam eine Kontakt-Lösung zu erarbeiten. Diese soll ohne spezifische App funktionieren, doch die Entwicklung dürfte noch Wochen, wenn nicht Monate in Anspruch nehmen.

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