Demonstrationen

Jahresrückblick international:  Millionen Menschen gingen auf die Strasse – eine Erkenntnis hat sie geeint

Protestierende in Hongkong am 12. Dezember.

Protestierende in Hongkong am 12. Dezember.

Die Auslöser für die vielen Strassenproteste in 2019 waren ganz unterschiedlich. Das Jahr zeigte erneut die Macht der Massen auf.

Der Hass, das Elend, die Hoffnungs­losigkeit, welche die Menschen Ende der 1970er-Jahre im Iran auf die Strasse trieben, hatten den französischen Philosophen Michel Foucault zutiefst beeindruckt. Hunderttausende demonstrierten in den Strassen gegen politische Unterdrückung und forderten den Sturz des Schahs. Foucault reiste als Reporter für die italienische Zeitung «Corriere della Sera» ins Perserreich und schrieb unter dem Eindruck der Massenproteste über die «politische Spiritualität» der Demonstrierenden. Die geballte Kraft, die aus der Unzufriedenheit der Massen entstehen kann, hat den französischen Besucher gleichermassen verdutzt und begeistert.

Protestierende in Hongkong am 12. Dezember.

Protestierende in Hongkong am 12. Dezember.

Im Iran der 1970er-Jahre war es der Wunsch nach einer Rückkehr zu religiösen Werten, der die Menschen auf die Strassen und zu Tausenden in den Tod trieb. Heute, genau 40 Jahre später, schwappt eine neue, eine modernere Welle der «politischen Spiritualität» über den Globus: 2019 erhoben Unzufriedene, Unterdrückte und Hintergangene weltweit ihre Stimmen und ihre selbstgemalten Transparente. Von Lateinamerika über Katalonien, vom Sudan über den Irak und Indien bis ins ferne Hongkong schrien sich die Menschen den Unmut von der Seele und stellten sich ihrem vermeintlich vorgegebenen Schicksal in den Weg. Das kostete Kraft, es kostete Nerven – und auch heute noch allzu oft Leben.

Demonstranten schwenken die libanesische Flagge in Beirut am 15. Dezember.

Demonstranten schwenken die libanesische Flagge in Beirut am 15. Dezember.

Die Auslöser für die weltweiten Massenproteste waren ganz unterschiedlich. Im Nahen Osten und in Lateinamerika protestierten viele gegen höhere Benzin- und Lebensmittelpreise. Im Sudan, im Libanon, in Algerien oder im Irak haben die Massen – erfolgreich – gegen untätige oder korrupte Machthaber demons­triert. In Indien kämpften die Menschen lautstark gegen religiöse Unterdrückung, in Frankreich gegen das Rentenalter 64 und in Hongkong gegen das anti-demokratische China.

Und trotzdem erkennen Beobachter zwischen den Massenprotesten des auslaufenden Jahres Zusammenhänge. Die französische Historikerin Mathilde Larrère spricht von einem «aufständischen Klima», das die Welt 2019 erfasst habe. Sie vergleicht das auslaufende Jahr mit den Revolutionsjahren 1848 und 1968.

Im Unterschied zu damals aber tauschten sich die Hauptdarsteller der globalen Proteste heuer fleissig untereinander aus und sprachen sich gegenseitig Mut zu. Joshua Wong etwa, das 22-jährige Gesicht der Demokratie-Demos in Hongkong, gratulierte der 17-jährigen Klima-Ikone Greta Thunberg vor zwei Wochen auf Twitter zu ihrer Wahl zur «Person des Jahres» (ein Titel, den das amerikanische Magazin «Time» seit 1927 verleiht). Greta habe die Jugend auf der ganzen Welt mit ihren Schulstreiks in Aufruhr versetzt und auch ihm die Augen geöffnet.

Thunberg bedankte sich beim «tapferen und inspirierenden» Kollegen in Hongkong. Thunberg und Wong, die beiden Superstars der diesjährigen Megaproteste, machten mit dem digitalen Schulterschluss klar: Die Solidarität der Unzufriedenen ist gross – fast so gross wie ihre Social-­Media-Affinität.

Greta Thunberg an einer Demo am 20. September in New York.

Greta Thunberg an einer Demo am 20. September in New York.

Welche Konsequenzen das Protest-Jahr 2019 haben wird, bleibt vielerorts offen. Das Klima wird sich weiter erwärmen, Chinas Klammergriff um Hongkong kaum lockern, das Loch in Frankreichs Rentenkassen sich nicht von allein stopfen. 2019 hat aber eines gezeigt: Die Betroffenen nehmen das nicht länger hin. Schon gar nicht, wenn sie sehen, welche Wirkungsmacht die alte Idee des Strassenprotestes haben kann – nicht nur im Iran der 1970er- Jahre, sondern auch in unserem durchdigitalisierten Zeitalter.

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