Manchmal kann es schnell gehen: Da ist man ganz oben und im nächsten Moment schon muss man seine Sachen packen. Das hat Martin Selmayr erleben müssen, Generalsekretär der EU-Kommission und damit EU-Beamter Nummer 1. Es war seine letzte Woche in der Chef-Etage in der Hauptzentrale der EU-Kommission. Unter der neuen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist für ihn kein Platz mehr. Zwei Deutsche im Zentrum der Macht ist einer zu viel. Ausserdem hat sich Selmayr schlicht zu viele Feinde gemacht.

Der 48-jährige Top-Jurist ist eine dominierende Figur in der EU-Hauptstadt. Das liegt daran, dass er sich in bloss 15 Jahren eine Machtposition geschaffen hat, die in der Geschichte der EU-Kommission einmalig ist. «Graue Eminenz», «Junckers Monster» oder «Rasputin» lauten einige von Selmayrs Spitznamen. Ob im Oval Office, am G20-Gipfel oder in der mongolischen Wüste beim Treffen mit Bundesrat Johann Schneider Ammann: Selmayr weicht nicht von Junckers Seite. Manche behaupten, er sei der eigentliche Kommissionspräsident und der Chef könne gar nicht mehr ohne ihn. Das mag stimmen oder auch nicht. Der Grund, weshalb sich die Dinge gegen ihn gewendet haben, ist ein anderer.

Juncker: «Wenn er geht, gehe ich auch»

Anfang 2018 legte Selmayr einen Blitz-Aufstieg hin, für den andere Jahrzehnte brauchen. Erst wurde er von Junckers Kabinettchef zum stellvertretenden Generalsekretär befördert und dann innert Minuten zum Generalsekretär der EU-Kommission. Das offizielle Bewerbungsverfahren wurde mit einer Schein-Konkurrentin ausgehebelt. Im EU-Parlament brach daraufhin ein Sturm der Entrüstung aus. In einer Resolution sprach es von einer «putschartigen» Aktion. Auch die EU-Ombudsfrau Emily O’Reilly stellte fest, die EU-Kommission habe die Regeln «manipuliert».

Wochenlang war vom «Selmayrgate» die Rede. Juncker soll mit den Worten gedroht haben: «Wenn er geht, gehe ich auch.» Obwohl es bei einer Rüge blieb, war von da an klar, dass das EU-Parlament früher oder später Selmayrs Kopf fordern wird. Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist dem nun nachgekommen. Ihr Entscheid dürfte einer der Faktoren gewesen sein, der die Wahl zu ihren Gunsten ausgehen liess.

«Die EU-Kommission ist keine Montessori-Schule», hat Selmayr mal gesagt. Und es stimmt: Unter den 32 000 Beamten dürfte es noch einige Machiavellisten wie ihn geben. Der Ex-Bertelsmann-Lobbyist verstand es auch, mit gezielten Indiskretionen die öffentliche Meinung zu steuern. Ungeliebte Journalisten liess er schon mal wissen, was er von ihnen hielt. Dem Spiegel-Korrespondenten etwa soll er «Arschloch-Journalismus» vorgeworfen haben, weshalb er ihm am liebsten «in die Fresse gehauen hätte».

Auf der anderen Seite geben auch Selmayrs Feinde anerkennend zu, dass unter ihm die EU-Kommission zu einer feingeölten Maschine umgebaut wurde. In der Griechenlandkrise oder im Umgang mit dem Brexit hat er sich als effizienter Krisenmanager bewiesen. Die Abschaffung der Roaming-Gebühren oder die Datenschutzgrundverordnung sind direkt auf Selmayr zurückzuführen. Auch sonst gibt es kaum ein Dossier, das nicht durch die Finger des Generalsekretärs ging.

Ferien am schönen Züri-See

Dazu gehört insbesondere das Thema Schweiz. Selmayr kennt die Schweiz gut: Als Kind hat er bei seiner Oma am Zürichsee regelmässig die Ferien verbracht. Später studierte er in Genf Schweizer Politik und verfasste eine Diplomarbeit über die EWR-Verhandlungen. Schweizer Diplomaten in Brüssel schätzten ihn als jemanden, bei dem man weiss, woran man ist. Er wurde aber auch als dogmatisch und verbissen wahrgenommen. Selmayr persönlich war es, der sich die Verbindung zwischen dem Rahmenabkommen und der Börsenäquivalenz ausgedacht hat. Dass er jetzt seinen Posten räumen muss, wird einerseits mit Erleichterung beobachtet. Andererseits weiss man nicht, wer ihm nachfolgen wird. Im Gespräch ist der Franzose Olivier Guersent, Chef der Generaldirektion Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion. Auch er soll die Schweiz gut kennen. Ob das positiv oder negativ ist, lässt sich noch nicht abschätzen.

Allerdings: Ganz weg ist Selmayr noch nicht. Bevor er ab 1. November EU-Botschafter in Österreich werden wird, bleibt er Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker als «Sonderberater» erhalten. Eines ist sicher: Selmayr wird auch in dieser Funktion seinen Einfluss geltend machen.