Sechs Jahre lang hat Ginger Tate auf diesen Moment gewartet. Unter Tränen beginnt die junge Offizierin zu erzählen: 2013 habe sie in Afghanistan 130 Soldaten kommandiert und den Anweisungen des damaligen Präsidenten Barack Obama und seines Vizes vertraut. Am Vorabend habe sie in den Nachrichten gesehen, dass ebendieser Obama-Vize – Joe Biden – in der Nähe ihres Wohnortes auftreten werde. Da habe sie sich gesagt, sie müse unbedingt hierhin nach Gaffney (South Carolina) reisen, um Biden persönlich zu danken. «Ich hoffe und bete, dass sie der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden», sagt Tate schluchzend.

Biden, der derzeit aussichtsreichste demokratische Kandidat fürs amerikanische Präsidentschaftsamt, ist sichtlich gerührt, als er der jungen Afroamerikanerin in die Augen schaut, ihr die Hand schüttelt und sich für ihren Dienst am Vaterland bedankt. Er verspricht ihr, er werde seinem Freund «Barack» die Grüsse Tates ausrichten. Dabei grinst Biden sein breitestes Grinsen. Es ist ihm erneut gelungen, seine enge Beziehung mit dem immer noch beliebten Ex-Präsident Obama zu unterstreichen.

Joe Biden, Kämpfer für die «Amerikanische Seele»

Es sind Momente wie dieser, die erklären, warum Joe Biden, 76 Jahre alt und Berufspolitiker seit den frühen 1970er-Jahren, sich trotz hartnäckiger Kritik an seinen politischen Positionsbezügen und an seinen persönlichen Macken an der Spitze der Meinungsumfragen hält. Biden gilt als derjenige Kandidat, der in den Augen demokratischer Wähler am besten geeignet ist, Donald Trump zu besiegen.

Die Wahl von Biden, das wäre «eine Rückkehr zu den traditionellen Werten», die einst in Amerika hochgehalten wurden, wie es ein Wähler während einer Wahlkampfveranstaltung in Spartanburg (South Carolina) formuliert. Biden werde dafür sorgen, dass sich die Bewohner des Landes wieder darauf besinnen würden, was sie verbindet – während Präsident Donald Trump ständig betone, was Demokraten und Republikaner trenne, sagt eine Wählerin.

Ein Versöhner, kein Spalter..

Auch Biden selbst stellt Trump ins Zentrum des Wahlkampfes. Im Gespräch mit Reportern sagt er ganz offen, dass er wohl nicht ins Rennen um das Weisse Haus gestiegen wäre, wenn es sich beim Präsidenten um einen konventionellen Republikaner handelte. «Ich hatte eigentlich keine erneute Kandidatur vorgesehen», sagt Biden, der sich bereits zweimal erfolglos um die Nomination zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten beworben hatte. Er sagt, Amerika befinde sich in einem «Kampf um die Seele» des Landes. Werde der republikanische Amtsinhaber im November 2020 wiedergewählt, dann zerstöre Trump das Fundament, auf dem Amerika seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges prosperiere. Deshalb wolle er unbedingt verhindern, dass der Präsident weitere vier Jahre regiere.

Dem linken Flügel seiner eigenen Partei reicht dieses Programm nicht aus. Kandidaten wie Elizabeth Warren oder Bernie Sanders lechzen nicht nur nach einer Niederlage Trumps, sie wollen auch die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Landes von Grund auf reformieren.

Biden hingegen hält von revolutionären Plänen wie der Einführung einer staatlichen Krankenkasse für sämtliche Amerikaner («Medicare for All») wenig. Er verweist bei seinen Wahlkampfauftritten regelmässig darauf, dass politische Fortschritte schrittweise erfolgten und Politiker jeweils auf den Erfolgen der letzten Generation aufbauen müssten.

Biden weiss, dass diese Slogans keine Gassenhauer sind. Er zählt aber darauf, dass es innerhalb der Demokratischen Partei genügend Wähler gibt, die sich gerne an die Regierungszeit von Barack Obama (und seines Vizes) zurückerinnern. Und er vertraut auf ein Beziehungs-Netz, das er während seiner langen Karriere knüpfte. Auf die Frage dieser Zeitung, wie er die angespannten transatlantischen Beziehungen verbessern würde, sagt Biden: «Ich würde mit den Europäern sprechen. Sie kennen mich. So wie ich es früher gemacht habe, wenn es ein Problem gab.»

Das ist Biden, in aller Kürze. Er glaubt, er und nur er könne Amerika auf den richtigen Weg führen. Dennoch ist an den Wahlkampfauftritten Bidens im Norden von South Carolina – einer konservativen Region – vom Enthusiasmus einer Warren-Veranstaltung oder von der Aufbruchstimmung, die der junge Stadtpräsident Pete Buttigieg während seiner Reden verbreitet, nichts zu spüren.

Langfädige Anekdoten, peinliche Versprecher

Stattdessen muss sich Biden, der langjährige Senator des Kleinstaates Delaware, regelmässig für Stellungnahmen aus längst vergangenen Zeiten rechtfertigen.

Immer wieder verstrickt sich Biden bei seinen Auftritten in langfädige Geschichten über Senatsdebatten in den Neunzigerjahren oder Diskussionen mit Obama, die vor einem Jahrzehnt stattfanden. Weil er aber seine Monologe häufig mit einer launigen Bemerkung unterbricht – «Nun fasse ich mich kurz» oder «Die nächste Frage beantworte ich mit Ja oder Nein.» –, hält er sein Publikum trotzdem knapp bei der Stange.

Grössere Patzer unterlaufen ihm weder in Spartanburg noch in Gaffney, obwohl der ehemalige Vizepräsident für seine Wortsalate berüchtigt ist. So hatte er kürzlich den Präsidenten während einer Rede in New Hampshire «Donald Hump» genannt (das zweite Wort bezeichnet im amerikanischen Englisch eine eher vulgäre Bezeichnung für Geschlechtsverkehr). Umgehend sagte Biden, zur Belustigung des Publikums: «Ein Freud’scher Versprecher.»

Ob das reicht, ein Feld von immerhin 20 demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu besiegen?

So würden die demokratischen Favoriten bei den Wahlen gegen Donald Trump abschneiden:

Joe Biden 54 % | Donald Trump 42 %

Joe Biden (AP Photo/Charlie Neibergall)

Joe Biden (AP Photo/Charlie Neibergall)

Lesebeispiel: Joe Biden würde 54 Prozent der Stimmen erhalten, Donald Trump 42 Prozent. Ob Biden die Wahlen damit gewinnen würde, ist nicht klar. Entscheidend ist nur, wer die Mehrheit der Stimmen in den so genannten «swing states» holt: Bundesstaaten, die weder klar republikanisch noch klar demokratisch sind wie Ohio, Florida oder Pennsylvania.

Elizabeth Warren 49 % | Donald Trump 46 %

Elizabeth Warren (AP Photo/Elise Amendola)

Elizabeth Warren (AP Photo/Elise Amendola)

15 000 Menschen in Seattle, 12 000 Anhänger in St. Paul: Keine andere Präsidentschaftskandidatin der Demokraten hat in den vergangenen Sommermonaten derart viele Schaulustige angezogen wie Elizabeth Warren. Nach einem langsamen Start läuft der Vorwahlkampf der Senatorin aus Massachusetts nun auf Hochtouren – und die 70-Jährige überzeugt auch Skeptiker mit ihrer Mischung aus klugen Ideen und eingängigen Erklärungen. Ihre Ausdauer ist legendär: Jede Wahlkampfveranstaltung endet damit, dass Warren stundenlang für Selfies mit potenziellen Wählern posiert. Die Senatorin, die dem linken Parteiflügel zugerechnet wird, profitierte allerdings bisher auch davon, dass sie weder von Bernie Sanders (einem Alliierten) noch von Joe Biden (einem politischen Widersacher) attackiert wurde. Dieser informelle Burgfriede könnte aber heute bei der nächsten TV-Debatte der führenden Präsidentschaftskandidaten aufgekündigt werden. (rr)

Bernie Sanders 49 % | Donald Trump 45 %

Bernie Sanders (AP Photo/David Zalubowski)

Bernie Sanders (AP Photo/David Zalubowski)

Eigentlich läuft alles rund für Bernie Sanders, den parteilosen Senator aus Vermont, der zum zweiten Mal für die Demokraten ins Rennen ums Weisse Haus steigt. Beim Fussvolk wächst die Zustimmung für die betont linken Ideen des 78-Jährigen, und die Konkurrenten sehen sich gezwungen, seine Pläne zu adaptieren. So sind sich alle Kandidaten der Demokraten plötzlich einig darüber, dass der Gesundheitssektor staatliche Interventionen benötigt. (Über das Ausmass dieser Interventionen wird gestritten.) Dennoch grummelt Sanders darüber, dass er schlecht behandelt werde – von den Medien, dem Parteiestablishment, den übrigen Kandidaten. Besonders stört sich Sanders daran, dass ihm trotz seiner guten Umfragewerte in der Berichterstattung weniger Platz eingeräumt werde. Seine Berater beschuldigen die Medien der Voreingenommenheit, weil der Senator in seinen Tiraden gegen den ungezügelten Kapitalismus auch vor grossen Medienhäusern nicht haltmacht. (rr)

Kamala Harris 49 % | Donald Trump 46 %

Kamala Harris (AP Photo/John Locher)

Kamala Harris (AP Photo/John Locher)

Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Seit Wochen sieht sich Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, nun schon mit selbst verschuldeten Wahlkampfproblemen konfrontiert. Zuletzt unterliess sie es am Wochenende in New Hampshire, einen Wähler zu korrigieren, der Präsident Donald Trump mit einem äusserst abfälligen Wort für geistig behinderte Menschen beschimpft hatte. (Harris sagte, sie habe den Mann nicht verstanden; eine Erklärung, auf die sie häufig zurückgreift.) Auf dem Papier ist die 54-Jährige nach wie vor eine formidable Anwärterin auf das Weisse Haus: eine ehemalige Staatsanwältin, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht und dank ihrer Biografie (Mutter aus Indien, Vater aus Jamaika) mit den Alltagssorgen vieler dunkelhäutiger Amerikaner vertraut ist. In der Praxis allerdings tut sich Harris schwer damit, die Wähler davon zu überzeugen, dass sie besser als ihre Konkurrenten geeignet wäre, gegen Donald Trump anzutreten. (rr)

Pete Buttigieg 46 % | Donald Trump 44 %

Pete Buttigieg (EPA/ERIK S. LESSER)

Pete Buttigieg (EPA/ERIK S. LESSER)

Die anfängliche Euphorie über Pete Buttigieg, den 37-jährigen Stadtpräsidenten von South Bend in Indiana, ist verflogen. Nun versucht der begabte Lokalpolitiker, die nächste Phase seiner Präsidentschaftskandidatur zu zünden und demokratische Wähler davon zu überzeugen, dass er nicht bloss eine Sternschnuppe ist. Er baut sein Wahlkampfteam aus (Warren ist ihm allerdings immer noch weit voraus) und investiert erstmals in TV-Werbespots im wichtigen Vorwahlstaat Iowa. Parallel dazu spitzt er seine Botschaft zu. Buttigieg, Sohn eines maltesischen Einwanderers und einer Amerikanerin, Absolvent der Harvard University und Afghanistan-Veteran, verspricht den Demokraten einen politischen Generationswechsel, weg von den Baby Boomern, die den Politbetrieb seit der Wahl von Bill Clinton zum Präsidenten im Jahr 1992 dominieren. Damit begeistert er zwar Politbeobachter, in den Meinungsumfragen bewegt er sich aber nicht vom Fleck. (rr)