Kommentar

Mit Jacques Chirac geht der letzte Staatschef der alten Schule

© CH Media

Der französische Ex-Präsident Jacques Chirac ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Nie war der markige Gaullist populärer gewesen als zu seinem Lebensende.

Jacques Chirac war vieles, Staatschef und Bürgermeister von Paris, Strippenzieher und Lebemann. Aber vor allem war er Frankreich. Als guter Gaullist wollte er einen starken Staat, wie Urvater Charles de Gaulle, und dazu eine starke Nation – eben die Grande Nation französischen Anspruchs. Deshalb ordnete Chirac nach seiner Wahl ins Élysée im Jahr 1995 gleich einmal gegen den Protest der ganzen Welt neue Atomversuche im Pazifik-Atoll Mururoa an. Es sollten die letzten sein. Wie würde ein solcher Politiker heute funktionieren? Würde er einem Donald Trump die Stirn bieten, anstatt sich ihm wie Emmanuel Macron anzubiedern? Immerhin hatte Chirac im Golfkrieg 2003 den Amerikanern standfest die Gefolgschaft verweigert.

Chirac war der letzte Staatschef alter Schule. Seine Art des Politisierens würde kaum mehr in die rasende Gegenwart passen. Und das im Guten wie im Schlechten: Mit seinen politischen und amourösen Affären käme Chirac im voll angelaufenen 21. Jahrhundert nicht mehr weit. Umgekehrt täten viele seiner Nachfolger gut daran, ein Stück seines bedächtigen, uneitlen und bodenständigen Politstils für sich abzuschneiden. Chirac machte sich oft lächerlich, aber wenn es drauf ankam, war auf ihn zu zählen.

Letzteres lässt sich heute nicht von vielen Weltpolitikern sagen. Chiracs Hinschied offenbart, wie stark, radikal und wohl unwiderruflich sich die politischen Sitten in den letzten zwanzig Jahren verändert haben.

Meistgesehen

Artboard 1