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Mordrate in Amerika steigt rasant an: Sind die Massenproteste schuld daran?

400 Millionen Schusswaffen gibt es schätzungsweise in Amerika. Ein Grund für die steigende Mordrate?

400 Millionen Schusswaffen gibt es schätzungsweise in Amerika. Ein Grund für die steigende Mordrate?

Konservative Kreise zeigen mit dem Finger auf die «Black Lives Matter»-Bewegung. Doch Experten vermuten eine ganz andere Ursache.

Seit mehreren Wochen steigt die Zahl der Mordfälle in Amerikas Grossstädten rasant an, ohne dass verwandte Delikte – Körperverletzungen oder Vergewaltigungen – ähnlich stark zunehmen. Und niemand, weder die Polizei, noch die Politiker, und schon gar nicht die Kriminologen, kann sich das erklären.

Zuerst zu den erschreckenden Zahlen der Kriminalstatistik: In New York City, mit etwas mehr als 8,3 Millionen Bewohnern die grösste Stadt Amerikas, wurden seit Jahresbeginn 176 Menschen ermordet – 33 mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Die Zahl der Vergewaltigungen hingegen sank um 28 Prozent (auf 636) und die Zahl der Tätlichkeiten um 6 Prozent (auf 9279). In Washington, einer Stadt mit etwas mehr als 700000 Bewohnern, stieg die Zahl der Mordfälle von 79 (2019) auf 94 (2020). Die 2,7-Millionen-Metropole Chicago verzeichnete in diesem Jahr bereits 353 Tötungsdelikte, fast 100 mehr als in der Vergleichsperiode des Vorjahres.

Ist der Kampf gegen Polizeigewalt schuld?

Konservative Kreise sind der Meinung, die Zunahme der Morde stehe in einem direkten Zusammenhang mit den anhaltenden Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus.

Die heftige Kritik linker Aktivisten an der Arbeit der Ordnungshüter habe dazu geführt, dass sich die Polizei in vermeintlichen Problemquartieren rar mache, sagt Heather Mac Donald von der Denkfabrik Manhattan Institute. Der Protestbewegung «Black Lives Matter» sei diese Entwicklung egal. Die Aktivisten und ihre politischen Verbündeten hätten nämlich gar kein Interesse am Leben schwarzer Amerikaner. Vielmehr wollten sie die Polizei zu Tode reformieren und den Zusammenbruch von «Recht und Ordnung» vorantreiben.

Diese These ist höchst umstritten, auch weil Mac Donald bereits nach den Anti-Polizeigewalt-Protesten in Ferguson im Jahr 2014 ähnliche Behauptungen in die Welt setzte und beispielsweise eine Kriminalitätswelle in Baltimore (Maryland) auf den sogenannten «Ferguson Effect» zurückführte.

Phillip Atiba Goff, Psychologe am John Jay College of Criminal Justice in New York, hat eine ganz andere Erklärung für den schockierenden Anstieg der Tötungsdelikte in den USA. Er führt die steigende Mordrate auf die Coronakrise zurück. Für die Zunahme der Tötungsdelikte sie primär häusliche Gewalt verantwortlich, sagte Goff der «New York Times». Dass häusliche Gewalt zugenommen habe, sieht der Psychologe als eine Spätfolge des langen Lockdowns.

Oder stecken gelangweilte Drogendealer dahinter?

Der britische Kriminologe Jerry Ratcliffe, Professor an der Temple University in Philadelphia, führt eine dritte These ins Feld. Ratcliffe spekuliert darüber, dass die Coronakrise zu einer sinkenden Nachfrage auf dem Drogenmarkt geführt habe. Deshalb sei nun unter den kriminellen Banden, die Quartiere wie Anacostia in Washington unter sich aufgeteilt haben, ein Verteilkampf ausgebrochen, der mit rabiaten Mitteln ausgetragen werde.

Möglicherweise, schrieb der Professor Rod Brunson von der an der Northeastern University in Boston in einem Beitrag für die «Washington Post», habe die mehrheitlich dunkelhäutige Bevölkerung der oft von Armut geplagten Innenstädten in Amerikas Metropolen auch ganz einfach das Vertrauen in die Polizei verloren. Deshalb nähmen nun gerade junge Männer die Sache selbst in die Hand, wenn es darum gehe, eine angebliche Untat zu rächen.

Ähnliche Worte wählt Thomas Abt, der für die Denkfabrik Council on Criminal Justice in Washington arbeitet. Er sagt: Polizeigewalt führt zu Gewalt in der Gemeinschaft. «Wenn wir erstere nicht stoppen können, können wir auch letztere nicht stoppen.»

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus all diesen Gründen für den aktuellen Trend verantwortlich. Einig sind sich die Forscher nur darüber, dass Meinungsverschiedenheiten in Amerika – im Vergleich zu anderen industrialisierten Ländern – häufig in Schiessereien enden, weil Schusswaffen in der grössten Volkswirtschaft der Welt stark verbreitet sind. Vorsichtige Schätzungen sprechen von mehr als 400 Millionen Waffen, die sich im Besitz der 330 Millionen Amerikaner befinden.

Ein schwacher Trost: Im langjährigen Vergleich ist die Zahl der Tötungsdelikte immer noch recht tief, wenigstens für amerikanische Verhältnisse. So registrierte New York City vor 30 Jahren, als eine Drogenepidemie die Stadt im Würgegriff hielt, 2245 Tötungsdelikte.

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