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Nach Corona-Infektion: Trumps Medikamenten-Cocktail alarmiert Experten

Das Steroid Dexamethason soll gemäss WHO nur bei schweren Fällen verabreicht werden. (Bild: Keystone)

Das Steroid Dexamethason soll gemäss WHO nur bei schweren Fällen verabreicht werden. (Bild: Keystone)

Während Donald Trumps Ärzteteam ein rosiges Bild zeichnet, sind Experten beunruhigt. Die massive Behandlung des US-Präsidenten deute auf eine schwere Covid-19-Erkrankung hin.

Zweimal traten Donald Trumps Ärzte am Wochenende vor die Medien. Es gehe dem Präsidenten «sehr gut», sagte sein «Leibarzt» Sean Conley am Samstag. Man sei mit der Behandlung sehr zufrieden. Am Sonntag war die Tonalität gedämpfter. Die Ärzte äusserten aber die Hoffnung, Trump könne das Walter-Reed-Militärspital am Montag verlassen.

Mit der kurzen Autofahrt zu seinen vor dem Spital in Bethesda wartenden Fans versuchte der Präsident seinerseits, einen Eindruck von Normalität zu vermitteln. Zahlreiche von US-Medien befragte Expertinnen und Experten äusserten sich jedoch skeptisch bis besorgt zu den (wenigen) Informationen, die über Trumps Gesundheitszustand kursieren.

Für Kritik sorgte etwa die Tatsache, dass das Ärzteteam keine genauen Angaben zu Trumps Lungenfunktion liefern wollte. Unbeantwortet blieb auch die Frage, ob sich in seinem Blut Klümpchen gebildet haben, eine bei Covid-19-Patienten häufig auftretende Komplikation. «Ich habe den Eindruck, dass sie uns alle guten Nachrichten mitteilen und alles limitieren, was nicht perfekt ist», meinte Rochelle Walensky, die Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten am Massachusetts General Hospital, in der «Washington Post».

Tiefer Sauerstoff-Wert

In einem Punkt sorgten die Mediziner für Transparenz: Am Freitagmorgen hatte der Präsident hohes Fieber (ein typisches Corona-Symptom) und die Sauerstoffsättigung in seinem Blut sank auf unter 94 Prozent. Darauf seien ihm zwei Liter Sauerstoff verabreicht worden. Kurz darauf wurde Trump ins Spital gebracht, wo die Sättigung am Samstag erneut auf unter 93 Prozent gesunken sei.

Ein Wert von 95 Prozent gilt im Normalfall als untere Grenze. «Wenn er unter 94 Prozent fällt, ist man per Definition ernsthaft an Covid erkrankt», sagte der Infektiologe Carlos del Rio von der Emory University gegenüber Politico. Ein Indiz dafür, dass das Coronavirus den 73-jährigen Trump schwer erwischt hat, sind auch die ihm verabreichten Therapien:

  • Am Freitag erhielt er eine Infusion mit einem Antikörper-Cocktail des Biotech-Unternehmens Regeneron, der offiziell noch nicht zur Behandlung zugelassen ist. An der Entwicklung ist auch der Basler Pharmakonzern Roche beteiligt. Die Antikörper sollen das Virus laut der «New York Times» daran hindern, sich im ganzen Körper zu verbreiten.
Sagt Trumps persönlicher Arzt Sean Conley alles, was er weiss? (Bild: Keystone)

Sagt Trumps persönlicher Arzt Sean Conley alles, was er weiss? (Bild: Keystone)

  • Trump erhält ausserdem während fünf Tagen das antivirale Medikament Remdesivir des US-Herstellers Gilead. Es hat eine vorläufige Zulassung erhalten und soll die Sterblichkeit senken. Remdesivir gilt aber nicht als Allheilmittel, als das es zeitweise angepriesen wurde.
  • Ausserdem nimmt der US-Präsident nach Angaben seines Arztes Zink, Vitamin D, Aspirin sowie das Schlafhormon Melatonin ein. Der Säureblocker Famotidin steht ebenfalls auf der Liste der Medikamente, die Trump schluckt. Er soll das Sterberisiko ebenfalls senken.
  • Für Aufsehen sorgte am Sonntag die Meldung, wonach Trump das Steroid Dexamethason verabreicht wurde. Es soll das Immunsystem an einer Überreaktion hindern, die viele Covid-19-Patienten das Leben gekostet hat. Die National Institutes of Health in den USA und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehlen Dexamethason nur für schwere Fälle. Bei milderen Symptomen nütze das Medikament nicht, es könne sogar schädlich sein.

Die Behandlung mit Dexamethason allein gilt als alarmierend. Für noch mehr Stirnrunzeln sorgt der gesamte Medikamenten-Cocktail, der Trump verabreicht wird. Mehrere der befragten Experten zitierten eine in den USA bekannte Redensart: Man wirft «mit dem Spülbecken» nach ihm. Trump wird demnach mit schwerem Geschütz behandelt und mit Medikamenten vollgepumpt.

Leidet Trump am VIP-Syndrom?

«Ist er kränker, als wir erfahren, oder wird er besonders aggressiv behandelt, weil er der Präsident ist, auf eine womöglich schädliche Weise?», fragte sich der Arzt Thomas McGinn in der «New York Times». Für ihn und andere besteht die Möglichkeit, dass Donald Trump eine derart geballte Behandlung verlangt, ohne sich der Risiken bewusst zu sein.

Es gibt dafür sogar einen Fachbegriff: VIP-Syndrom. Er könnte auch eine Erklärung sein für das zurückhaltende bis rosige Bild, das sein Ärzteteam skizziert. Denn in der Welt des Donald Trump gilt es, jedes Anzeichen von Schwäche unbedingt zu vermeiden. Das betrifft in besonderem Mass eine Bedrohung, die er lange klein geredet und ignoriert hat.

Welchen Preis – körperlich und/oder politisch – er bezahlen muss, wird sich zeigen. Wie es Trump ergehen könnte, zeigen die Beispiele anderer prominenter Covid-Patienten: Er habe «noch nie etwas so Ernstes» erlebt, sagte der britische Premierminister Boris Johnson. Und der 84-jährige Silvio Berlusconi hatte «Angst, es nicht zu schaffen».

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