Flugverkehr

Neue Chance für Berliner Kult-Flughafen Tegel

Der Flughafen Tegel in Berlin: Er könnte länger leben als geplant.

Der Flughafen Tegel in Berlin: Er könnte länger leben als geplant.

Der beliebte Berliner Flughafen Tegel könnte überleben – dank erneuten Problemen beim Pannen-Airport BER.

Die Berliner lieben Tegel. Der Flughafen im Norden der deutschen Hauptstadt, eigentlich nach Otto Lilienthal benannt, ist leicht erreichbar, die Wege dort selbst sind kurz. Und das Beste am Flughafen: Er ist in Betrieb und funktioniert – wenngleich an manchen Tagen stark zu spüren ist, dass er eigentlich aus allen Nähten platzt. Doch lange Schlangen vor dem Check-in, die das Weiterkommen für jene, die ihren Counter noch suchen, erschweren, nehmen die Berliner ebenso in Kauf wie gelegentlichen Massenandrang vor der Sicherheitskontrolle.

Und wenn der Flieger pünktlich landet, der Pilot aber verkündet, man könne noch nicht aussteigen, weil aufgrund von Personalmangel gerade niemand verfügbar sei, der die Tür öffnet, dann stöhnt zwar das ganze Flugzeug, aber was solls. Immerhin: Man kann von hier wegfliegen und in Tegel auch wieder landen. Am BER, dem legendären Pannen-Airport, über den die ganze Welt lacht, geht das ja bekanntlich nicht.

Start erneut verschoben

Dieser Zustand wird wahrscheinlich noch länger andauern. Gerade erst berichtete die «Bild am Sonntag», dass die Inbetriebnahme erst im Herbst 2019 möglich sei. Sie beruft sich dabei auf vertrauliche Projekt-Unterlagen. Auch Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte im Juli schon anklingen lassen, dass der erste Flieger vielleicht erst Anfang 2019 landen könnte, und hinzugefügt: «Glauben Sie mir, lustig finde ich das nicht.»

Zur Erinnerung: Eigentlich hätte der BER 2011 eröffnen sollen. Aktuell plagen ihn Wasserrohre für die Sprinkleranlage des Brandschutzsystems. Diese sind zu dünn und müssen ausgetauscht werden.

Allmählich bekommt ein Satz neue Bedeutung, der oftmals von Berlinern ausgesprochen wurde, wenn wieder mal eine Hiobsbotschaft vom BER eintrudelte: «Dann lassen wir halt Tegel offen.» Vorgesehen ist das nicht. Als Berlin, Brandenburg und der Bund den neuen Hauptstadtflughafen konzipierten, wurde 1996 festgelegt, dass Tegel schliessen muss, wenn der BER in Betrieb geht. Doch abgesehen davon, dass er einfach nicht fertig wird, hat der BER noch einen gravierenden Schönheitsfehler: Er wird schon bei seiner Eröffnung – wann immer diese stattfinden wird – zu klein sein, denn er ist für 27 Millionen Passagiere jährlich konzipiert. Derzeit fertigen die beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld (der alte DDR-Flughafen, der dann im BER aufgehen soll) 33 Millionen Passagiere jährlich ab. Bis 2040 sollen es 55 Millionen insgesamt in Berlin sein.

Volksentscheid «ernst nehmen»

Mehr als 200'000 Berliner sind ohnehin der Meinung, Tegel sollte offenbleiben. Mit ihrer Unterschrift haben sie einen Volksentscheid möglich gemacht, der am 24. September, dem Tag der Bundestagswahl, stattfinden wird. Massgeblich initiiert wurde dieser von der FDP. Deren Fraktionschef Sebastian Czaja sagt: «Die Bürger dieser Stadt haben mehr politischen Verstand als ihr Senat.» Auch die Berliner CDU, die bis vor kurzem noch für die Schliessung war, ist nun offen für einen Weiterbetrieb. Und Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärt mit Verweis auf Paris und London: «Eine Hauptstadt mit zwei Flughäfen ist gut vorstellbar.»

Zwar hat der Entscheid über Tegel für den Senat keine bindende Wirkung. Doch Müller hat bereits gesagt, dass er den Volksentscheid ernst nehmen werde, wenngleich er einen Weiterbetrieb von Tegel für «abenteuerlich» hält. Denn die gute Erreichbarkeit des Airports hat auch eine Kehrseite: Der Flughafen liegt in dicht bebautem Gebiet, Zehntausende Anwohner rechnen seit zwanzig Jahren damit, dass sie eines Tages von Lärm und Dreck befreit werden. Umsonst wäre der Weiterbetrieb auch nicht. Zunächst müssten 1,1 Milliarden Euro investiert werden, um den in die Jahre gekommenen Flughafen zu modernisieren.

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