Selbstmordanschlag

Neuer Horror in Syrien – wenn sogar hartgesottene Kriegsfotografen zusammenbrechen

Bei einem Selbstmordattentat auf einen schiitischen Flüchtlingskonvoi sind in Syrien mehr als 120 Menschen ums Leben gekommen, darunter fast 70 Kinder. Im Syrienkrieg ist das ein neues Ausmass von Gewalt.

Glaubt man den in den sozialen Medien verbreiteten Augenzeugenberichten, dann sollen Kinder dem mit Sprengstoff beladenen Fahrzeug freudig entgegengelaufen sein. Denn der Fahrer, so hiess es, habe die Verteilung von Kartoffelchips versprochen. Minuten später explodierte der von einem Selbstmordattentäter gesteuerte Wagen inmitten eines Buskonvois mit Flüchtlingen. Diese waren am Vortag aus den von dschihadistischen Rebellen belagerten Schiiten-Enklaven Fuah und Kefraja evakuiert worden. Im Umland von Aleppo hatten sie auf die Weiterfahrt warten müssen.

Mindestens 126 Menschen kamen bei dem Massaker ums Leben. Unter den Toten waren 68 Kinder und 13 Frauen. Selbst hartgesottene Kriegsfotografen brachen weinend zusammen, als sie die zerfetzten Busse mit den verkohlten Kinderleichen sahen. Langjährige Beobachter des syrischen Bürgerkrieges reagierten entsetzt: «Nach sechs Jahren Krieg und Gemetzel ist das ein neuer Horror, der das Herz eines jeden bricht, der eines hat», sagte Unicef-Chef Anthony Lake.

Zu dem Terroranschlag liegt bislang kein Bekennerschreiben vor. Zur Explosion gebracht wurde die Höllenmaschine in einem Gebiet, das von der mit al-Kaida verbündeten Dschihadisten-Allianz Hayat at-Tahrir ash-Sham («Front zur Befreiung der Levante») kontrolliert wird. Deren Kämpfer hatten den schiitischen Flüchtlingskonvoi aufgehalten, weil sie mit der Zahl der ebenfalls aus Fuah und Kefraja evakuierten Rebellen nicht einverstanden waren. Ihre Evakuierung ist Teil einer von Iran und Katar vermittelten, hoch komplexen Vereinbarung, welche neben den beiden Schiiten-Enklaven auch die von der Assad-Armee belagerten sunnitischen Rebellenhochburgen Sabadani und Madaja betrifft. Darüber hinaus sollen auch 24 im Irak verschleppte katarische Staatsbürger sowie 1500 Gefangene des Regimes freigelassen werden.

Das Assad-Regime profitiert

Sprecher der syrischen Opposition hatten die Vereinbarung scharf kritisiert. Die Evakuierung von bis zu 35'000 Menschen sei Teil einer «gezielten ethnischen Säuberung». Das Assad-Regime wolle Syrien nach ethnischen und religiösen Kriterien umgestalten. Tatsächlich ist es primär die Regierung in Damaskus, die von der Evakuierungsvereinbarung profitiert. Denn mit Sabadani und Madaya hat der von Islamisten dominierte Widerstand seine letzten Hochburgen im Westen von Damaskus verloren. Diese werden in Zukunft vermutlich von der schiitischen Hisbollah kontrolliert werden, deren Kämpfer die Enklaven Fuah und Kefraja verteidigt hatten.

Oppositionsnahe Medien sehen vor diesem Hintergrund al-Kaida oder dem sogenannten «Islamischen Staat» nahestehende Gruppen hinter dem Anschlag. Der Hass der Dschihadisten auf Schiiten, die als Ungläubige diffamiert werden, kennt keine Grenzen. Ziel der Attentäter dürfte die Torpedierung des Evakuierungsabkommens gewesen sein. Ein Sprecher des US-Aussenministeriums bekräftigte am Ostersonntag, dass «die Niederschlagung der beiden Terrororganisationen al-Kaida und IS in Syrien weiterhin oberste Priorität hat.»

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