Wisconsin

Präsident Trump markiert in Kenosha Mitgefühl und Stärke – mit der Wahrheit nahm er es aber nicht so genau

Donald Trump in Kenosha.

Donald Trump in Kenosha.

Der amerikanische Präsident macht Wahlkampf in Kenosha, vor der Kulisse eines abgebrannten Möbelgeschäfts: Warum Donald Trump am Dienstag eine Kleinstadt besuchte, welche vorige Woche Schauplatz blutiger Demonstrationen rechter und linker Aktivisten war.

Die Visite dauerte nicht einmal zwei Stunden. Aus Sicht des Präsidenten aber lohnte sich wohl jede Minute, vermochte Donald Trump am Dienstag während seines kurzen Aufenthaltes in Kenosha (Wisconsin) doch, eine Mischung aus Stärke und Mitgefühl zu projizieren – auch wenn er es mit der Wahrheit nicht allzu genau nahm.

So markierte der Präsident Stärke, in dem er mehrmals betonte, wie schnell er in der vorigen Woche die Unruhen in der Kleinstadt beendet habe. Er wisse eben, wie hart man Extremisten anpacken müsse, sagte Trump, obwohl Washington mit dem Polizeieinsatz in Kenosha wenig zu tun hatte. Trump sagte auch, er habe wenig Verständnis für den politischen Gegner, der linksextreme Kreise gewähren lasse, wenn diese vornehmlich gegen Polizeigewalt demonstrierten, aber eigentlich vergewaltigen und morden wollten. Die Demonstranten seien nicht friedlich, sondern «inländische Terroristen», behauptete der Präsident.

Worte des Mitgefühls

Mitgefühl wiederum zeigte der Präsident, als er sich mit den Besitzern von Kleinunternehmen wie dem Möbelgeschäft «B&L Office Furniture» traf, deren Laden von Plünderern zerstört worden war. Und indem Trump dann doch noch Worte des Verständnisses für Afroamerikaner fand, deren Angehörige durch Polizeigewalt zum Opfer gefallen waren. «Ich fühle mich schrecklich für jeden, der so etwas durchmachen muss», sagte Trump.

Allein: Einen Beitrag, die Spannungen in der Kleinstadt am Lake Michigan beizulegen, leistete Trump während seines Besuches nicht – was wahrscheinlich auch nicht sein Ziel war. Vielmehr akzentuierte der Präsident den Konflikt zwischen dem linken und dem rechten Amerika, häufig mit subtilen Andeutungen, manchmal auch mit der Brechstange. Einige Beispiele bloss: So beschuldigte der Präsident die Demokraten, ein politisches Interesse daran zu haben, dass Aktivisten in Städten wie Kenosha oder Portland (Oregon) randalierten. Auch sagte Trump über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten, der sich am Montag in klaren Worten von linken und rechten Gewalttätern distanziert hatte: «Biden weiss gar nicht, dass er noch am Leben ist.»

Ein Vergleich, den sogar «Fox News» als unpassend empfand

Der Präsident weigerte sich zudem, deutliche Worte der Kritik für Ordnungshüter zu finden, die während ihrer Arbeit übermässige Gewalt anwenden. Stattdessen fabulierte Trump über einige «faule Äpfel», die einen ganzen Berufszweig in Verruf brächten. Und er sagte, dass einige Polizisten dem hohen Druck nicht standhielten und in Sekundenbruchteilen eine falsche Entscheidung träfen. Am Montag hatte der Präsident auf dem Fernsehsender «Fox News Channel» in diesem Zusammenhang das Beispiel eines Golfspielers erwähnt, dem es nicht gelinge, einen Ball einzulochen – ein Vergleich, den selbst die «Fox News»-Moderatorin Laura Ingraham, eine Verbündete des Präsidenten, unpassend fand.

Keine Aussprache mit Opfern von Polizeigewalt

Ein Treffen mit der Familie des 29-jährigen Jacob Blake stand nicht auf dem Besuchsprogramm des Präsidenten in Kenosha. Der Afroamerikaner war vor zehn Tagen durch einen weissen Polizisten siebenmal in den Rücken geschossen worden – ein Vorfall, der als Katalysator für die anfänglich friedlichen Proteste und die anschliessenden Plünderungen und Gewalttaten diente. Im Zuge dieser Ausschreitungen tötete ein selbsternannter Ordnungshüter, ein 17-Jähriger aus dem Nachbarstaat Illinois, zwei Demonstranten und verletzte einen dritten schwer. Trump behauptete auf «Fox News», der Teenager habe aus Notwehr gehandelt, weil er während einer Konfrontation mit Aktivisten um sein Leben gefürchtet habe. Die Justiz scheint anderer Meinung zu sein: Sie hat Anklage wegen Mordes gegen den 17-Jährigen erhoben. Auch wird er beschuldigt, sich unrechtmässig im Besitz einer halbautomatischen Waffe befunden zu haben.

Linke und Rechte bezeichnen sich als Rassisten oder Kommunisten

Die Familie von Blake rief den Aktivisten in Kenosha an einer Pressekonferenz zu, sich nicht durch den Besuch des Präsidenten ablenken zu lassen. Im Zentrum des Kampfes der Bewegung «Black Lives Matter» stehe die Suche nach Gerechtigkeit, sagte ein Onkel von Jacob Blake. Oberstes Ziel sei es, dass sich der Polizist, der Jacob Blake verletzt habe, vor Gericht verantworten müsse.

Im Stadtzentrum versammelten sich derweil linke und rechte Demonstranten, die sich gegenseitig als Rassisten oder Kommunisten beschimpften. Die Proteste blieben weitgehend friedlich, trotz Sprechgesängen und Rempeleien. Dafür verantwortlich war auch das grosse Aufgebot von Sicherheitskräften, die sich seit voriger Woche in der Stadt aufhalten – darunter auch gegen 1000 National-Guard-Soldaten, die unter dem Kommando des Gouverneurs von Wisconsin stehen.

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