Auf einer Tragfläche ist der rote Stern der russischen Luftwaffe noch zu erkennen. Ein Triebwerk und eine verkohlte Bordkanone liegen herum, derweil junge Männer durch die Trümmer des abgeschossenen Jets stapfen. Andere schleppen Patronengurte davon und treten wütend auf das herumliegende Blech ein, wie Fotos und Videos zeigen. Seit syrische Rebellen am Samstag zum ersten Mal einen russischen Kampfjet abgeschossen haben, droht in der Provinz Idlib eine weitere Eskalation. Der Pilot der Suchoi-25, der zuvor die Stadt Sarakeb in relativ niedriger Höhe überflogen hatte, konnte sich nach Moskauer Angaben mit dem Fallschirm retten, wurde jedoch am Boden bei einem Schusswechsel mit den Aufständischen getötet. Seine Maschine prallte direkt neben Wohnhäusern des Dorfes Khan al-Sabil auf den Boden.

Kämpfer der dschihadistischen Rebellenallianz «Hayat Tahrir al-Sham» – die lange mit al-Kaida paktierte und sich 2017 von der Terrororganisation lossagte – erklärten, sie hätten das Flugzeug mit einer schultergestützten Boden-Luft-Rakete vom Himmel geholt. Auf einem Handyvideo ist zu erkennen, wie sich das Geschoss dem Jet nähert, ihn trifft, und anschliessend eines der beiden Triebwerke Feuer fängt.

Provinz Idlib als Brennpunkt

Der spektakuläre Vorfall wirft erneut ein Schlaglicht auf den jüngsten Kriegsschauplatz Idlib, der wichtigsten noch verbliebenen Provinz in den Händen der Opposition. Mehr als eine Million Syrer haben sich in den letzten Jahren dorthin geflüchtet, darunter Zehntausende aus dem Ostteil Aleppos, den das Regime im Winter 2016 zurückeroberte. Eigentlich gehört Idlib zu den vier von Russland, der Türkei und dem Iran in der kasachischen Hauptstadt Astana vereinbarten Deeskalationszonen. Doch daran hält sich seit November niemand mehr. Das Assad-Regime will nun auch den gesamten Norden Syriens zurückerobern, unterstützt von iranisch-irakischen Milizen, der Hisbollah und der russischen Luftwaffe.

Vor allem die Stadt Sarakeb nahe der Absturzstelle wurde in den letzten Wochen heftig bombardiert, weil sie an der strategisch wichtigen Fernstrasse zwischen Aleppo und Damaskus liegt. Nach Angaben des örtlichen Stadtrates nutzen die Angreifer für ihre «beispiellosen Attacken alle Arten von Kampfjets, Waffen, Raketen sowie international geächtete Waffen wie Streumunition und Napalm». Die Stadt sei überfüllt mit Abertausenden wehrlosen Flüchtlingsfamilien aus Hama, Idlib und Aleppo, die versuchten, sich in ihren Unterkünften vor den Bomben zu schützen. Praktisch die gesamte Infrastruktur sei zerstört – Krankenhäuser, Bäckereien und Markthallen. «Sarakeb erlebt eine Katastrophe», erklärten die Ratsmitglieder.

Waffen gegen Passagierflugzeuge?

Gleichzeitig stellt der Einsatz von Flugabwehrraketen durch Bewaffnete, die al-Kaida nahestehen, eine sehr brisante Entwicklung dar. Unklar ist bisher, was für ein Typ eingesetzt wurde und wer ihn den Rebellen geliefert haben könnte. Das US-Aussenministerium bestritt, die Vereinigten Staaten hätten Assad-Gegner mit sogenannten Manpads aufgerüstet. «Wir sind sehr alarmiert», erklärte Sprecherin Heather Nauert. Denn diese Waffensysteme, die eine Reichweite von bis zu 4500 Meter Höhe haben, könnten eines Tages auch gegen Passagierflugzeuge eingesetzt werden. Auf dem syrischen Schlachtfeld tauchten bereits im Jahr 2012 erste Rebellenvideos von Manpads auf, die zunächst fast alle aus Depots der syrischen Armee stammten.

Bezahlt von den Golfstaaten

Nach Angaben des Stockholmer Instituts für Internationale Friedensforschung (Sipri) kaufte Damaskus zwischen 1970 und 2008 insgesamt 16'900 russische Manpads. Auf Fotos der Aufständischen sind aber auch schultergestützte Raketen zu sehen, die nicht aus syrischen Armeebeständen sind und vor allem in den nördlichen Provinzen Aleppo, Hama und Idlib eingesetzt wurden. Diese stammen von aussen, sagt Syrienexperte Charles Lister von der Brookings Institution in Washington. Sie wurden 2012, 2013 und 2015 in drei Wellen geliefert – über die türkische Grenze und bezahlt von den reichen Golfstaaten.