Sudan

Schweizer Botschafter im Sudan: «Es ist wie bei einer Scheidung»

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Die Lage im Sudan bleibt angespannt. Das sieht der Schweizer Botschafter Michael Winzap auch so. Er warnt vor zu hohen Schweiz Erwartungen an den Süd-Sudanesischen Präsidenten Kiir.

Herr Winzap, morgen wird ein neuer Staat geboren: der Südsudan. Ein historischer Tag, oder?

Michael Winzap: Der 9. Januar war viel bedeutender. Damals sprach sich die Bevölkerung im Südsudan in einem Referendum für die Unabhängigkeit aus. Aber natürlich ist morgen ein wichtiger Tag für die Südsudanesen. Allerdings war die Idee des Friedensvertrages von 2005 eigentlich nicht die Abspaltung des Südens.

Was war denn die Idee?

Der Norden sollte den Süden entwickeln, damit das Referendum gar nicht nötig wird. Aus Sicht der Südsudanesen aber wurden sie weiterhin vernachlässigt, was dann zum Referendum und letztlich zur Unabhängigkeit führte.

Welche Herausforderungen warten denn nun auf die beiden Staaten?

Im Süden sind die Herausforderungen grösser, weil der Norden bereits staatliche Strukturen aufweist. Der Süden muss diese erst schaffen. Zudem bleibt abzuwarten, ob es die südsudanesische Befreiungsbewegung schafft, sich von einer militärischen Organisation zu einer zivilen zu wandeln und einen Staat aufzubauen.

Es gibt noch zahlreiche offene Fragen zwischen beiden Staaten.

Ja, beispielsweise ist der Grenzverlauf noch nicht geklärt. Auch die Verteilung der Einnahmen aus den südsudanesischen Ölvorkommen, die durch nordsudanesische Pipelines fliessen, ist ein Streitpunkt. Omar al-Baschir, der nordsudanesische Präsident, und Salva Kiir Mayardit, der Präsident Südsudans, verhandeln gerade über diese Fragen.

Bis jetzt haben sie jedoch keine Einigung erzielt.

Stellen Sie sich vor, das Tessin, das Wallis und Graubünden würden sich von der Schweiz lossagen. Der Bund würde doch darüber klagen, dass er die wichtigen Einnahmen aus dem Tourismus verliert und darauf hinweisen, dass er die dafür nötige Infrastruktur bezahlt hat und entsprechend entschädigt werden will. Es ist wie bei einer Scheidung. Aber wenn beide Staaten in Frieden miteinander leben wollen, müssen sie sich einigen.

In zwei Nachbarstaaten des Sudans, Ägypten und Libyen, sind Revolutionen im Gang. Welchen Einfluss hat der arabische Frühling auf den islamistisch regierten Nordsudan?

Es gab bereits Studentenproteste, auch wenn die Situation nicht mit Syrien oder Libyen vergleichbar ist. Immerhin hat der nordsudanesische Präsident al-Baschir die Wahlen im letzten Jahr gewonnen; seine Herrschaft scheint nicht infrage gestellt zu werden.

Die Unabhängigkeit hat den Südsudan geeint. Wird diese Einheit nun auch Bestand haben?

Es wird für den südsudanesischen Präsidenten Kiir nicht leicht werden. Die Erwartungen der Bevölkerung sind riesig: Sie wollen Arbeitsplätze, Schulen, Spitäler. Das alles wird die Regierung nicht so schnell anbieten können.

Sollte die internationale Gemeinschaft hier einspringen?

Wer jetzt Hunderte von Millionen in den Südsudan pumpt, riskiert eine Überforderung der Regierung, weil das Geld gar nicht effizient eingesetzt werden kann. Die Geberländer müssen gezielt und schrittweise helfen – und gut koordiniert. Daher wird es eine internationale Geberkonferenz geben.

Wird die Schweiz den Prozess weiterbegleiten?

Für uns ist es wichtig, abzuwarten, wie es im Südsudan weitergeht. Und wir dürfen den Norden nicht vergessen: Dieser hat einen beträchtlichen Teil seines Landes, seiner Bevölkerung und seines Einkommen verloren – das schmerzt. Wir haben daher sowohl den Nord- als auch den Südsudanesen konkrete Unterstützung angeboten.

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