Das sei ja «wie im Bürgerkrieg», meinte ein englischsprachiger Passant, der sich am Sonntagmorgen bei der Avenue Kléber einen Weg zwischen herausgerissenen Pflastersteinen bahnte. Überall lagen Trümmer einer langen Nacht – geplünderte Läden, eine in Brand gesteckte Bankagentur, dazu ausgebrannte Autowracks und verkohlte Barrikaden.

Die Polizei hatte im Viertel zwischen Champs-Elysées und Boulevard Haussmann 412 Randalierer festgenommen. 133 Leute wurden verletzt, mehrere schwer. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo meinte, solche Ausschreitungen habe Paris «seit Mai 68 nicht mehr erlebt».

Bilder der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Paris:

Präsident Emmanuel Macron suchte am Sonntagmorgen den Schauplatz auf, kaum war sein Rückflug vom G-20-Gipfel in Argentinien gelandet. Er suchte eine verwüstete Brasserie auf, sprach mit Feuerwehrleuten und Polizisten. Einige Zaungäste buhten ihn aus und riefen «Macron, démission», andere dagegen «tenez bon!» – halten Sie durch!

Der Präsident liess sich nicht beirren und suchte zu Fuss den Triumphbogen auf, dessen Eingangshalle mit Hämmern zerstört worden war. Ein Polizeivertreter sprach von einer «Stadtguerilla». Ihr waren die gut ausgerüsteten, in Gruppen operierenden CRS-Bereitschaftspolizisten nicht gewachsen, obwohl sie über Wasserwerfer verfügten und insgesamt 10'000 Tränengaspatronen verschossen.

Millionen von Franzosen verfolgten die spektakulären Szenen live am Fernsehen. Macron weiss, dass solche Bilder über den Ausgang des überaus harten Sozialkonfliktes entscheiden werden – und dass es die Franzosen nicht mögen, wenn ein nationales Symbol wie der Arc de Triomphe besudelt wird. «Ich werde diese Gewalt nie akzeptieren», erklärte der Präsident. Innenminister Christophe Castaner schloss die Ausrufung des Notstandes nicht aus. Später hiess es, diese Massnahme sei nicht diskutiert worden.

Die Gewalt weitet sich langsam auf das ganze Land aus und richtet sich immer direkter gegen Macron. Erstmals kam es auch in Provinzstädten wie Toulouse, Bordeaux, Marseille sowie im frankophonen Belgien zu Krawallen mit grossen Materialschäden. In Arles starb ein Autofahrer, als er in eine Staukolonne vor einer der zahllosen Autosperren fuhr. Es ist das dritte Todesopfer seit Beginn der Proteste.

Macron will Kurs beibehalten

Ein Komitee von «Gelbwesten» publizierte einen Aufruf zur Mässigung. Es zeigt sich bereit, mit der Regierung zu diskutieren – wenn die umstrittene Steuererhöhung auf Benzin und Diesel zurückgenommen werde. Ein anderer Sprecher der «Gelbwesten», Alain Bouché, meinte an die Adresse Macrons kategorisch: «Zuerst muss er das Stück loslassen.» Gemeint ist die Rücknahme der Benzinsteuererhöhung.

Der Staatschef hat zwar kleinere Konzessionen gemacht, will aber in der Hauptsache hart bleiben, wohl wissend, dass sein gesamter Reformkurs auf dem Spiel steht. Und damit auch seine eigene politische Zukunft. Der Vorsteher der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez, verlangte am Sonntag ein Referendum über die Steuer- und Umweltpolitik Macrons.

Eine solche Volksabstimmung würde sich bei der zunehmenden Unpopularität unweigerlich in ein Plebiszit über den Präsidenten verwandeln – und der kommt derzeit nur auf 26 Prozent Zustimmung. Die «Gelbwesten» werden hingegen in Umfragen von 84 Prozent der Franzosen gestützt.

Die Gewaltexzesse in Paris könnten sie allerdings etliche Sympathien kosten. Wauquiez wirft Macron deshalb vor, er habe am Samstagabend bewusst «nur» knapp 4500 Polizisten aufgeboten, damit die Lage in Paris eskaliere.

Linken-Chef Jean-Luc Mélenchon und die Rechtspopulistin Marine Le Pen erhoben am Sonntag nicht zum ersten Mal die gleiche Forderung: Sie verlangen die Auflösung der Nationalversammlung und die Ansetzung von Neuwahlen. Macron kann angesichts seiner rekordhohen Unpopularität nicht daran denken.

Eine politische Antwort auf den Konflikt muss er dennoch finden. Premierminister Edouard Philippe soll ab Montag Vertreter der im Parlament vertretenen Parteien sowie der «Gelbwesten» empfangen.