Swetlana Tichanowskaja 

Sie hat das Land verändert wie keine vor ihr: Hausfrau fordert Weissrusslands Präsidenten heraus

Brät sonst gerne Frikadellen:  Die 37-jährige Hausfrau Swetlana Tichanowskaja ist ein Phänomen.

Brät sonst gerne Frikadellen: Die 37-jährige Hausfrau Swetlana Tichanowskaja ist ein Phänomen.

Swetlana Tichanowskaja wird die Wahlen in Weissrussland am Sonntag verlieren. Doch sie hat etwas geschafft, was vorher keiner Frau gelungen ist.

Swetlana Tichanowskaja will eigentlich nur eines: möglichst rasch zurück an den Herd, Frikadellen braten für ihren Mann und ihre beiden Kinder. Das hat die 37-jährige weissrussische Präsidentschaftskandidatin immer wieder gesagt. Sie hat kein Programm, keinen Fünfjahresplan, keine revolutionäre Prioritätenliste. Sie will nur gewinnen, alle politischen Gefangenen befreien und Bedingungen für freie Wahlen schaffen, bevor sie freiwillig und schleunigst wieder abtritt – zurück an den Herd.

Doch die Frikadellen im trauten Familienkreis bleiben vorerst ein kühner Traum. Ihr Mann, der Präsidentschaftskandidat Sergej Tichanowski, wurde im Mai vom weissrussischen Sicherheitsapparat KGB inhaftiert. Ihre Kinder hat Tichanowskaja aus Sicherheitsgründen ausser Landes gebracht. Und sich selbst hat sie ins Rampenlicht geworfen. «Ich habe Angst, wenn ich auf die Strasse gehe und wenn ich aufs Podium steige», sagte die gelernte Übersetzerin der «Bild»-Zeitung. Und trotzdem tut sies – zuletzt etwa vor 63000 «Sweta! Sweta!»-rufenden Anhängern in der Hauptstadt Minsk.

Hilferuf an Angela Merkel

Tichanowskajas politische Kampagne ist ein Spektakel mit grossem Seltenheitswert in der «letzten Diktatur Europas», wie der Schriftsteller Martin Pollack Weissrussland mal genannt hat. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeitserklärung 1991 regt sich im oft vergessenen Niemandsland zwischen Lettland, Polen, Litauen, Russland und der Ukraine so etwas wie glaubhafter politischer Widerstand. Den Langzeitherrscher Alexander Lukaschenko, der das Land seit 1994 im Klammergriff hält und Reformen nur zögerlich anpackt, haben die meisten Weissrussen satt.

In freien Umfragen unterstützen nur noch rund 30 Prozent den 65-jährigen Präsidenten. Doch das spielt keine Rolle. Die Sache ist bereits entschieden. Lukaschenko, der jahrzehntelange Erfahrung im Manipulieren von Wahlen hat, steht als Sieger fest. Da nützt es nichts, wenn Swetlana Tichanowskaja um politische Hilfe aus dem Ausland bittet und sagt: «Frau Merkel, setzen Sie sich mit Lukaschenko in Verbindung. Sagen Sie ihm, dass wir faire Wahlen wollen.»

Tichanowskaja, die Hausfrau aus dem Hinterland der Stadt Brest an der Grenze zu Polen, hat selber lange an das System Lukaschenko geglaubt: Vollbeschäftigung, staatlich finanzierte Schulen und Spitäler, «Schutz» vor den Einflüssen aus dem Ausland. Einmal hat sie in ihrem Leben gewählt, vor 20 Jahren, hat «Lukaschenko» auf den Wahlzettel geschrieben. Das war, bevor ihr Mann verhaftet und unter fadenscheinigen Gründen eingesperrt wurde. Bevor die Stagnation der Wirtschaft offensichtlich und der Grad der Unterdrückung ins Groteske gewachsen war.

Regieren? Männersache!

In jüngster Zeit jedoch ändert sich etwas, glaubt Benno Zogg, der am Center for Security Studies an der ETH Zürich forscht: «Wenngleich der Wahlausgang gesichert ist, ist die politische Unzufriedenheit beispiellos.» Lukaschenko werde sich halten können, müsse sich aber um seine Nachfolge ernsthafte Sorgen machen.

Lukaschenko steckt das fürs Erste weg. Er droht mit der Niederschlagung der Proteste und macht sich über seine junge Herausforderin lustig. Frauen seien nicht fähig, das Land zu regieren, sagt Lukaschenko. Swetlana Tichanowskaja würde ihm da vielleicht sogar Recht geben. Aber eben: Das will sie gar nicht. Sie will Frikadellen braten – in einem freien Staat.

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