Nachgefragt

«Tichanowskaja hat bewiesen, dass eine gewöhnliche Hausfrau das Regime herausfordern kann»

Der Unmut über den aktuellen Präsidenten Alexander Lukaschenko wächst. Foto: Sergei Gapon/Pool AFP/AP/dpa

Der Unmut über den aktuellen Präsidenten Alexander Lukaschenko wächst. Foto: Sergei Gapon/Pool AFP/AP/dpa

Alesia Rudnik, Politikwissenschafterin am weissrussischen Ostrogorski Centrech, über die Chancen der Überraschungsgegnerin von Weissrusslands Diktator Lukaschenko bei der Wahl am Sonntag.

Kann Swetlana Tichanowskaja mit ihrer Kampagne überhaupt irgendetwas bewirken in Weissrussland?

Alesia Rudnik: Sie hat bewiesen, dass eine gewöhnliche Hausfrau das Regime herausfordern kann. Das hat vielen Weissrussen Mut gemacht. Die Chance, dass sie gewinnt, ist klein. Doch unabhängig vom Wahlergebnis: Ihre Kampagne hat schon jetzt politischen Wandel gebracht. Das zeigt der wachsende Unmut der Bevölkerung mit dem aktuellen Präsidenten.

Und nach den Wahlen: Landet sie im Gefängnis? Oder welche Rolle wird sie in Zukunft spielen?

Dank ihr haben die Weissrussen ein Stück vom Demokratie-Kuchen geniessen können. Sie werden nach dem 9. August mehr davon wollen. Tichanowskaja selbst wird nach den Wahlen aufgrund ihrer heiklen Familiensituation aber wohl wieder vom politischen Parkett verschwinden.

Welches sind die drängendsten Probleme in Weissrussland?

Neben der Coronakrise vor allem drei: Erstens die zu grosse politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland. Zweitens die stagnierende Wirtschaft, die dringend privatisiert und modernisiert werden muss. Fabriken werden vom Staat mit viel Geld am Leben gehalten, obwohl sie Null Profit abwerfen. Drittens die Zivilgesellschaft, die zu wenig politisiert ist – auch wegen des schlechten Bildungssystems und der fehlenden Meinungs- und Pressefreiheit.

Jüngst kam es zu Spannungen zwischen Minsk und Moskau. Bricht Lukaschenko mit seinem Langzeitverbündeten Wladimir Putin?

Lukaschenko kann es sich nicht leisten, mit Russland zu brechen. Es könnte sogar sein, dass er einen Teil der weissrussischen Souveränität hergeben würde, damit Russland ihn weiter unterstützt. Weissrussland wird aber kaum engere Beziehungen zum Westen aufbauen können. Die Europäische Union diskutiert bereits über Sanktionen für weissrussische Offizielle. Das spielt Lukaschenko und seiner «Der Westen hat uns im Stich gelassen»-Rhetorik in die Hände.

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