Explosion

Tränen, Trümmer, Terroristen: einen Monat nach der Katastrophe steht der Libanon noch immer am Abgrund

Die Explosion im Hafen von Beirut hat mehr als 200 Menschen getötet. 300000 verloren ihr Obdach.

Die Explosion im Hafen von Beirut hat mehr als 200 Menschen getötet. 300000 verloren ihr Obdach.

200 Menschen starben, 300'000 verloren ihr Obdach, 4000 verlassen jeden Tag das Land. Doch von politischem Wandel keine  Spur.

Gerade lächelt sie noch, als wäre die Sache gar nicht so schlimm. Doch ihre Wohnung – hohe Decken, breiter Balkon, Blick aufs Meer – ist völlig zerstört. Die Detonation im Hafen von Beirut am 4. August hat die Scheiben zerfetzt, die Holztüren herausgerissen, die Wände eingedrückt. Man müsse sachlich bleiben, sagt Marie-Rose Tobagi tapfer. Dann, von einem Moment auf den anderen, bricht die 58-Jährige in Tränen aus. Ihr Haus liegt nur wenige hundert Meter entfernt vom Ort der verheerenden Explosion, die mit ihrer Druckwelle ganz Beirut in Mark und Bein erschüttert hat.

Die Detonation war so gewaltig, dass sie nicht nur grosse Teile des Hafens in Trümmer legte. Schwer erwischt hat es auch die umliegenden Wohngebiete, die bekannt waren für ihre Bars, die Restaurants und die kulturellen Einrichtungen. Mar Mikhael und die Nachbarviertel, sie sind das Herz Beiruts. Und manche befürchten, es könnte nie mehr so schlagen wie früher.

Als «Ground Zero» bezeichnen die Libanesen das verwüstete Hafengelände heute. 200 Menschen kamen ums Leben, 300'000 wurden auf einen Schlag obdachlos. Trotzdem sollen die zerstörten Betonblöcke nach dem Willen der Beiruter Protestbewegung so bleiben wie sie gegenwärtig sind, um für alle Zeiten an die zerstörerische Kraft des korrupten Regierungssystems zu erinnern.

Die Macht der «Paten» bleibt unerschütterlich

Doch dieses Regierungssystem erweist sich als hartnäckig. Die Verantwortlichen haben noch immer keine Erklärung dafür geliefert, warum 2800 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat mehr als sechs Jahre lang im Hafen eingelagert worden sind. Eine Untersuchung durch internationale Experten lehnte die zurückgetretene Regierung von Hassan Diab ab.

Auch dessen Nachfolger, der Rechtsprofessor Mustapha Adib, scheint nicht bereit zu sein, die Katastrophe aufzuklären. Es bestünde wenig Hoffnung, dass der 48-Jährige die nötigen Reformen durchführen werde, befürchtet Nahostexperte Andreas Böhm von der Uni St. Gallen. Adib sei der «Diener eines Kartells von ehemaligen Bürgerkriegsherren», das sowohl die politischen Bewegungen als auch die Geschäftskonglomerate kontrolliere. Man könne nicht erwarten, dass er den «Paten», die ihn berufen hätten, in den Rücken falle.

Bedauerlich sei, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der seit der Katastrophe schon zweimal nach Beirut gereist ist, Adib offenkundig als neuen starken Mann im Libanon akzeptiert habe, sagt der Beiruter Soziologe Souhail Natour. Paris dürfe eine Regierung mit Mördern nicht dulden, lautet auch die an Macron gerichtete Botschaft der libanesischen Protestbewegung.

4000 Libanesen verlassen das Land – jeden Tag

Die Kosten für den Wiederaufbau werden auf sieben Milliarden Euro beziffert. Zur Finanzierung will Adib Verhandlungen mit dem internationalen Währungsfonds aufnehmen. Voraussetzung für neue Kredite sind Wirtschaftsreformen, auf die das Land seit dem Ende des Bürgerkrieges vor 30 Jahren vergeblich wartet. Notwendig wäre zudem ein vom französischen Präsidenten geforderter «gerechter politischer Pakt» anstelle des seit 1948 geltenden Systems des Konfessionalismus. Danach muss der Staatspräsident immer ein christlicher Maronit, der Regierungschef ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit sein.

Viele aber haben die Hoffnung auf einen Wandel aufgegeben. 4000 Libanesen haben in den ersten drei Wochen nach der Explosion jeden Tag ihr Land verlassen. Bei den Emigranten handle es sich vor allem um Christen, von denen viele auch Pässe der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich besitzen. Der Mehrheit der sechs Millionen Libanesen steht diese Option nicht offen. Mehr als die Hälfte von ihnen lebt in bitterer Armut. Wie gross ihre Verzweiflung ist, zeigen arabische Medienberichte, nach denen der IS im Libanon bereits Rekruten angeworben haben.

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