Australien

Trotz Ja zur «Homo-Ehe»: Bleibt alles beim Alten in Down Under?

In einer Volksbefragung sprachen sich zwei Drittel aller Australier für die gleichgeschlechtliche Ehe aus. Ob das Gesetz nun geändert wird, ist unklar.

Elisa sitzt an ihrem geliebten Holztisch. Sie seufzt, nippt an einem Glas Rotwein und sagt: «Wir Australier sind faul. Aber einen Brief auszufüllen, das kann doch nicht zu viel verlangt sein.» Über ihrem Fernseher hängt eine bunte Flagge. Eine Regenbogenfahne. Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung. Elisa ist bisexuell. Mag Männer und Frauen. Ist Single. Lebt im Osten Melbournes, zehn Gehminuten von der Innenstadt entfernt.

Die australische Bevölkerung wurde von ihrer Regierung aufgerufen, an einer Volksbefragung teilzunehmen. Es geht um die gleichgeschlechtliche Ehe, die Frage: Soll ein Mann einen Mann heiraten dürfen, respektive eine Frau eine Frau. Elisa hat auf dem Zettel ihr Kreuz bei «Yes» gesetzt. Sie sagt: «Es wäre so wichtig. Einerseits für meine Freundinnen und Freunde, die heiraten möchten. Andererseits als Zeichen gegen Diskriminierung, die wir tagtäglich auf den Strassen erfahren.»

Turnbulls Vorgänger wettert

Nicht immer spricht die 29-Jährige so erwartungsvoll von der Volksbefragung. Ihr kommen auch Sätze über die Lippen wie: «Am Ende machen die sowieso, was sie wollen.» Mit «die» meint Elisa die Politiker im Parlament. Die Mehrheit von ihnen ist konservativ. So auch Australiens Regierungschef Malcolm Turnbull. Er ist eigentlich für eine Gesetzesänderung. Gleichzeitig will er aber den rechten Flügel seiner konservativen Partei nicht verprellen. Dort wettert beispielsweise Tony Abbott gegen die Homo-Ehe. Ausgerechnet jener Mann, den Turnbull 2015 als Regierungschef gestürzt hatte.

Die Sorgen von Elisa sind vor allem deshalb nicht unbegründet, weil die Volksbefragung – wie es der Name andeutet – rechtlich nicht bindend ist. Der ursprüngliche Plan Turnbulls war ein anderer: Er wollte für 170 australische Dollar (umgerechnet rund 128 Millionen Franken) ein Referendum durchführen lassen. Die Teilnahme wäre obligatorisch gewesen. Doch der Senat lehnte das Vorhaben aus Kostengründen ab. Zuvor verhinderten konservative Abgeordnete, dass über die Frage direkt im Parlament abgestimmt wurde. Deshalb blieb Turnbull nur Plan C: eine freiwillige Volksbefragung.

«Wir brauchen eine deutliche Mehrheit, ansonsten finden die einen Weg», sagt Elisa. Sie hat die Ankündigung zahlreicher konservativer Abgeordneten im Kopf, die im Vorfeld sagten, auch im Falle eines mehrheitlichen Ja zur Home-Ehe bei ihrem Nein zu bleiben und im Parlament gegen ein entsprechendes Gesetz zu stimmen.

Kommt Gesetz vor Weihnachten?

Knapp eine Woche später: Mittwoch, 15. November. Tag der Verkündung. Zu Tausenden haben sich die Befürworter der Ehe für alle in Melbourne versammelt. Mit Regenbogenfahnen, bunter Gesichtsbemalung und auffälligen Hüten. Sie schauen hoch zum grossen Bildschirm. Dort wird das Ergebnis verkündet: 61,6 Prozent der Teilnehmer sagen Ja zur Homo-Ehe: knapp acht Millionen Menschen. Insgesamt haben vier von fünf Australiern an der Volksbefragung teilgenommen – eine überwältigende Stimmbeteiligung. Dementsprechend überschwänglich fällt der Jubel aus.

Elisa ist zu diesem Zeitpunkt am Arbeiten, meldet sich per SMS mit dutzenden lachenden Smilies. Regierungschef Malcolm Turnbull reagierte auf das Ergebnis mit den Worten: «Sie haben für Fairness gestimmt, für Engagement, für die Liebe.» Er versprach vorwärtszumachen und bekräftigte dies mit der Ankündigung, noch vor Weihnachten im Parlament über eine Gesetzesänderung abstimmen zu wollen. «Wir haben sie nach ihrer Meinung gefragt, und sie haben sie uns gegeben.»

Regierungschef Malcolm Turnbull zum Ergebnis:

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1