Neuer Blick auf 9/11

Über 100 CIA-Dokumente zu Bin Laden und der Kaida veröffentlicht

Normalerweise dauert es mindestens 30 Jahre, bis geheime Regierungsdokumente das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Ein Historiker-Team veröffentlicht nun aber über 100 brisante CIA-Dokumente.

Aus Persönlichkeitsschutz und Gründen der nationalen Sicherheit werden viele Geheimdokumente in Regierungsarchiven in Kartonkisten gelagert - und erst nach Ablauf der gesetzlichen Sperrfrist dürfen Historiker und interessierte Bürger die Dokumente einsehen.

Goldgrube für 9/11-Historiker

Umso bemerkenswerter ist es, dass ein Historiker-Team des National Security Archive in Washington, DC, auf seiner Website über 100 brisante CIA-Dokumente publiziert hat, welche mithilfe eines Prozesses der US-Regierung abgeluchst wurden. Die neu zugänglichen Dokumente stellen eine wahre Goldgrube dar für die historische Aufklärung des 11. September 2001 und dem Krieg von Bin Ladens al-Kaida gegen Amerika. Publiziert wurden Emails, analytische Zusammenfassungen - darunter eine 62-seitiger interne CIA-Geschichte von 9/11 vom Juni 2003 -, nachrichtendienstliches Rohmaterial, Briefing-Papiere für hochrangige Regierungsstellen und umfangreiche Anti-Terror-Berichte. Normalerweise wird dieses heikle Material strikte unter Verschluss gehalten - oft auch weit über die 30-jährige normale Sperrfrist hinaus.

Testlauf der Kaida bereits Ende 1998

Die freiprozessierten CIA-Dokumente belegen, mit welch peinlicher Genauigkeit die Kaida das Jahrhundertattentat geplant hat. Bereits am 4. Dezember 1998 - fast drei Jahre vor den 9/11-Terrorattacken - wurde der damalige US-Präsident Bill Clinton vom Geheimdienst über die Gefahr einer Entführung eines Passagierflugzeugs durch Osama Bin Ladens Kaida gewarnt. Die nachrichtendienstliche Basis für die Warnung an den Präsidenten wurde jetzt erstmals veröffentlicht - ein roher Geheimdienstbericht mit Datum 3. Dezember 1998.

Der Bericht wurde mit dem Hinweis «dringend» in den Situation Room des Weissen Hauses übermittelt sowie ans Aussenministerium, FBI, Secret Service und die Transportbehörde. Unter dem Titel «Osama Bin Laden plant US-Flugzeuge zu entführen» wird beschrieben, dass zwei Agenten einer in den USA operativen Kaida-Zelle bei einem «Testlauf» an einem New Yorker Flughafen erfolgreich die Sicherheitschecks überwunden haben.

Der Anfang des Drohnen-Krieges

Ebenso faszinierend sind Berichte, welche erstmals die Anfänge des amerikanischen Predator-Drohnenprogramms in Afghanistan und Pakistan dokumentieren. So hält ein CIA-Dokument für die Ewigkeit fest, dass die erste Predator-Mission über Afghanistan am 7. September 2000 erfolgt sei. Die Drohnen über Afghanistan hatten, so erfährt man aus den CIA-Dokumenten, im Herbst 2000 zweimal Osama Bin Laden im Visier oder zumindest «ein Individuum, das sehr wahrscheinlich Bin Laden ist». Zu dieser Zeit verfügten amerikanische Drohnen jedoch noch nicht über die technische Möglichkeit, sofort auf das Ziel zu schiessen. «Damals hatten wir keine Zeit, auf diese Information zu reagieren», stellt denn die CIA auch mit Bedauern fest.

Viele der veröffentlichten CIA-Dokumente sind nach wie vor stark zensuriert, ganze Seiten wurden vor der Deklassifizierung geschwärzt. Und 75 Prozent der CIA-Dokumente, die im offiziellen 9/11-Untersuchungsbericht in Fussnoten erwähnt wurden, sind immer noch unter Verschluss, darunter die 47 Berichte über die CIA-Verhöre mit Chalid Scheich Mohammed von 2003/2004.

Hier geht es zu den CIA-Dokumenten

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