Coronavirus

Überall steigen die Fallzahlen: Die zweite Coronawelle überzieht Europa

Stand: 9. Oktober 2020; Redaktion hoc; Grafik lsi

Stand: 9. Oktober 2020; Redaktion hoc; Grafik lsi

Auf dem gesamten Kontinent steigt die Zahl der Coronainfektionen stark an. Besonders die grossen Metropolen wie Paris, Madrid oder Berlin entwickeln sich zu Hotspots. Ein Überblick über die aktuellen europäischen Virenherde.

Frankreich und Spanien: Sorgenkinder des Südens

Frankreich und Spanien verzeichnen derzeit die höchsten Infektionszahlen Europas. Grossstädte wie Paris, Marseille und Madrid gaben die Vorsicht im September allzu schnell auf. Das rächt sich jetzt durch alarmierende Wochenwerte von über 250 Ansteckungen pro 100'000 Einwohner. Die spanische Regierung hat über Madrid den Notstand verhängt.

In Frankreich und in Spanien schliessen die Stadtbehörden Bars und Cafés; Restaurants müssen in Paris um 22 Uhr, in Madrid um 23 Uhr dichtmachen. Oft wissen selbst die Wirte nicht, ob und wie sie betroffen sind. Die Pariser Brasserien bleiben zum Beispiel offen, weil sie Gerichte servieren; den Barbetrieb für zwischendurch müssen sie aber einstellen. Ob solche Massnahmen den Ausbruch einer zweiten Coronawelle verhindern können?

Deutschland: Schluss mit Party in Berlin

Die deutsche Hauptstadt entwickelt sich immer mehr zum Coronahotspot des ganzen Landes. Berlin ist offiziell innerdeutsches Risikogebiet und auch auf der Risikoliste der Schweiz. Jetzt zieht die Stadt die Notbremse: Ab Samstag gelten Ausgangsbeschränkungen zwischen 23 Uhr nachts und 6 Uhr morgens in Kneipen und Bars.

Zudem sind in nächtlichen Stunden Treffen von mehr als fünf Personen nicht mehr erlaubt, bei privaten Feiern in Innenräumen dürfen maximal noch zehn Personen zusammenkommen. Damit reagiert die Hauptstadt auf das steigende Infektionsgeschehen vor allem in Szene-Vierteln Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln oder Mitte. Probleme bereitet Berlin allen voran das Nachtleben.

Seit Wochen kommt es in den Stadtparks der 3,5 Millionen-Metropole zu Freiluft-Partys mit DJs und hunderten von Teilnehmern, in etlichen Bars und illegalen Clubs wird gefeiert, als hätte es Corona nie gegeben – die Ordnungsämter sind kaum eingeschritten. «Die Zeit der Geselligkeit ist vorbei. Die Lage in Berlin ist ernst», erklärte Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci.

Dramatische Zahlen in Grossbritannien

Angesichts scheinbar unaufhaltsam steigender Coronainfektionen stehen den Briten drastische Einschränkungen bevor. Im bevölkerungsreichsten Teil Schottlands mit den Metropolen Edinburgh und Glasgow müssen Pubs und Restaurant von Freitag an für 16 Tage ganz schliessen; in den ländlicheren Gebieten dürfen die Gastronomie-Betriebe keinen Alkohol ausschenken.

Zur Eindämmung von Sars-CoV-2 «müssen wir mehr tun», begründete Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon am Mittwoch den «kurzen, harten Schock». Auch dem für England zuständigen Premier Boris Johnson raten Wissenschafter zu drastischem Vorgehen. Schon bisher gilt im ganzen Land Maskenpflicht in Geschäften, Bussen und Zügen sowie die sogenannte Sechser-Regel: Sowohl drinnen wie draussen sind Treffen lediglich mit fünf anderen Menschen erlaubt.

Dass Johnson der Gastronomie die Sperrstunde um 22 Uhr auferlegte, ist im Land heftig umstritten; vielerorts kommt es in den Innenstädten kurz nach 22 Uhr zu Menschenansammlungen rund um die noch geöffneten Supermärkte, wo die Zecher sich mit Nachschub für zuhause eindecken. Im Durchschnitt der vergangenen Woche wurden landesweit täglich 11994 Neuinfektionen und 53 Covid-Tote gemeldet, was einer Verdoppelung binnen vierzehn Tagen gleichkommt.

Anfang der Woche nahm die Zahl der Spitaleinweisungen um ein Viertel zu; 83 Prozent der zuletzt an Covid-19 Verstorbenen wurden in den am schwersten betroffenen Regionen im Norden Englands registriert.

Tschechien und Ungarn: So wütet Corona im Osten

Angesichts von Rekord-Infektionszahlen hat Tschechien (laut WHO 800 Fälle pro 100'000 Einwohner) die Reissleine gezogen: Seit letzter Woche gilt der Notstand. Das bedeutet vor allem eine Beschränkung der Versammlungsfreiheit. Die Teilnehmerzahl bei Veranstaltungen wurde limitiert. In 10 von 14 Bezirken wurden zudem alle Klassen über der 10. Schulstufe in den Heimunterricht geschickt. Härtere Massnahmen wurden angedroht. Durch den Notstand könnte die Regierung diese auch ohne Zustimmung des Parlaments beschliessen.

Entgleist sind die Infektionszahlen auch in Österreich (557 Fälle pro 100'000 Einwohner). Grund sind vor allem rasch wechselnde Massnahmen. Aktuell haben sich die Zahlen aber auf hohem Niveau eingependelt.

Auch in Ungarn (333 Fälle pro 100'000 Einwohner) schnellten die Zahlen in die Höhe. In den ersten Oktobertagen verzeichneten die Behörden Werte wie seit Beginn der Coronapandemie nicht.

Ebenso in der Slowakei (247 Fälle pro 100'000 Einwohner). Dort wächst zudem der Druck auf die Regierung. Der Vorwurf: Aus der ersten Infektionswelle im Frühjahr seien keinerlei Lehren gezogen worden.

Skandinavien: wenig restriktiv, trotz Anstieg

Während Finnland und Norwegen nur einen moderaten Anstieg der Anzahl von Fällen aufweisen, haben die Infektionen in Dänemark und Schweden zuletzt deutlicher zugenommen, insbesondere unter Jüngeren und in den Städten. Im 7-Tages-Schnitt liegt Schweden etwas unter dem Wert der Schweiz, Dänemark leicht darüber; das Land testet allerdings pro Kopf europaweit am meisten, und die Positivrate liegt bei bloss 1 Prozent – was darauf hindeutet, dass die Entwicklung gut überblickt wird.

Die dänischen Behörden haben einige leichte Restriktionen wieder eingeführt, etwa dass Restaurants und Bars um 22 Uhr schliessen müssen. Ansonsten setzt Dänemark wie Schweden, das nie einen Lockdown hatte, auf Empfehlungen: Hygiene, Abstand, reduzierte private Anlässe, Home Office. In beiden Ländern zeigt sich allerdings, dass sich die Leute weniger daran halten als vor dem Sommer.

Schweden erlaubt seit 1. Oktober mit gewissen Einschränkungen wieder Besuche in Altersheimen; eine Mundschutzpflicht für die Bevölkerung gibt es nicht. Die Anzahl der Toten und der Intensivpatienten ist seit Wochen sehr tief; in Uppsala kam es allerdings zu einem Covid-Ausbruch im Uni-Spital.

Belgien und Niederlande: Brüssel wird zum Hotspot

In den Benelux-Staaten Belgien, Niederlande und Luxemburg erreichen die Neuinfektionen Höchstwerte. Dementsprechend finden sich die Länder auf der Schweizer Liste der Risikogebiete. Die Niederlande meldete zuletzt über 4000 neue Fälle pro Tag bei insgesamt 17 Millionen Einwohnern. In Belgien sind die Zahlen proportional noch höher.

Die Hauptstadt Brüssel gehört nach Madrid und Paris zu den am stärksten kontaminierten Regionen in Europa. Ab heute Donnerstag müssen die Brüsseler Bars und Cafés für mindestens einen Monat schliessen. Die sogenannte Kontaktblase wurde auf vier Personen begrenzt.

Die Niederlande, die lange einen lockeren Umgang mit dem Virus pflegte, hat ebenfalls die Zügel angezogen. Es gilt zwar keine Maskenpflicht, doch wird das Tragen einer Mund-Nasebedeckung strengstens empfohlen. Läden und Bars schliessen um 22 Uhr, Sportveranstaltungen finden ohne Zuschauer statt. Für frustrierte Fussballfans hatte der niederländische Premier Mark Rutte zuletzt kein Gehör. «Einfach mal die Klappe halten», sagte er an ihre Adresse.

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